"Eine Schockwelle, die die Lunge zerreißt"

Russland hat in der vergangenen Woche die laut Militärangaben stärkste Vakuumbombe der Welt gezeigt. Götz Neuneck vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Uni Hamburg spricht im TR-Interview über das Gefahrenpotenzial der Waffe.

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Von
  • Wolfgang Stieler

Der Physiker und Mathematiker Götz Neuneck leitet am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg (IFSH) die interdisziplinäre Forschungsgruppe "Abrüstung, Rüstungskontrolle und Risikotechnologien".

Technology Review wollte von dem langjährigen Vorsitzenden der Arbeitsgruppe Physik und Abrüstung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft wissen, wie die neue russische "Superbombe" funktioniert – und ob durch die Entwicklung solcher neuen Waffen das Risiko von Terror-Anschlägen eventuell sogar erhöht wird.

Technology Review: Herr Neuneck, wie funktioniert eine Vakuum-Bombe?

Götz Neuneck: Im Wesentlichen sind das Entwicklungen, die die Deutschen bereits im Zweiten Weltkrieg begonnen haben. Wenn man ein Gas sich ausdehnen lässt und es dann zündet, entsteht neben großer Hitze auch ein Vakuum – und daraus resultiert eine nach Innen strömende Schockwelle, die Menschen tödlich verletzen kann.

Diese Waffen sind auch unter der Bezeichnung Aerosolwaffen bekannt, weil das Gas oder ein spezielles Pulver durch eine erste Explosion großflächig verteilt wird, um es dann in einer zweiten Explosion zu zünden. Dadurch entsteht eine Schockwelle, die – wenn Menschen die Hitze überstehen – beispielsweise die Lungen zerreißt. Diese Waffen sind immer weiter perfektioniert worden – insbesondere von den USA.

TR: Ich dachte immer, wenn man ein Gas ausdehnt, wird es kälter?

Neuneck: Nein, nein. Das muss natürlich ein explosives Gas sein. Und wenn man das zündet, entsteht große Hitze und eine Schockwelle.

TR: Und diese Waffen sind schon länger bekannt? Oder war das jetzt eine Überraschung, dass die Russen diesen Waffentest gemacht haben?

Neuneck: Das Prinzip dieser Waffen ist schon länger bekannt. Der Test dieser Waffe war aber deswegen eine Überraschung, weil Russland sich bislang mit der Zur-Schau-Stellung moderner Waffentechnologie eher zurückgehalten hat. Das war ja bislang eher die Domäne der USA – man findet beispielsweise im Internet diverse Videos von Explosionen der amerikanischen "Mother of All Bombs" (MOAB).

Diese Bomben werden eben unter Umständen eingesetzt, um in Höhlen großen Schaden hervorzurufen – beispielsweise bei dem Angriff in Tora Bora, wo man Osama Bin Laden vermutet hat. Aber die sind auch eingesetzt worden in Vietnam, um beispielsweise die Vegetation wegzufegen oder im Golfkrieg 1991.

Die Territorien sind mehrere Fußballfelder groß, die davon betroffen sind. Und die Amerikaner haben das immer weiter entwickelt. Die Flächen, die jetzt erreicht werden, kommen durchaus in die Größenordnung kleiner Nuklearwaffen. Es fehlt da natürlich jeglicher Fallout – insofern sind diese Waffen natürlich nicht zu vergleichen.

TR: Sind diese Waffen denn einfacher herzustellen als Atomwaffen?

Neuneck: Sicherlich sind sie einfacher herzustellen, weil man ja nicht das Problem hat, waffenfähiges Uran anzureichern. Und wenn man miniaturisierte Atomwaffen bauen will, muss man auch erheblichen Aufwand treiben.

Aber diese so genannten Fuel-Air-Explosives sind natürlich auch nicht grade einfach herzustellen: Da wird beispielsweise ein sehr feines Pulver verwendet – es gibt ja manchmal diese Explosionen in Getreidespeichern, das ist ein ähnlicher Effekt.

Solche Materialien muss man erst mal herstellen können, und man muss den Zündungsmechanismus beherrschen. Insgesamt sind solche Waffen aber sicherlich einfacher herzustellen als Atomwaffen, auch wenn die Sprengwirkung in die Größenordnung von einigen Tonnen TNT-Äquivalent kommt.

TR:Es gibt Gerüchte, dass bei der Herstellung der russischen Bombe auch Nanotechnologie eingesetzt wurde.

Neuneck: Diese Forschung ist natürlich zum größten Teil geheim, aber wenn Sie bei Wikipedia nachlesen, finden Sie, dass Ethylenoxid- oder Aluminiumpulver verwendet wird. Es liegt nahe, dass man mit Nanotechnologie noch ein feineres Pulver herstellen kann, das dann gezündet wird.

Man sieht bei der Explosion der russischen Bombe, dass es eine erste Explosion gibt, dann steigt schwarzer Qualm auf und dabei wird offensichtlich der Explosivstoff breit verteilt. Und dann gibt es eine zweite Explosion mit einer sehr viel höheren thermischen Energie – erkennbar an dem Feuerball.

TR: Wird Ihrer Einschätzung nach durch diese neue Waffenentwicklung der Rüstungswettlauf noch mehr angeheizt?

Neuneck: Sicherlich. Der Rüstungswettlauf ist, wenn man so will, ja in den letzten Jahren schon durch die USA angeheizt worden, weil diese Technologien ja weiterentwickelt worden sind und dabei auch enorme Geldsummen ausgegeben wurden.

Das Bild, das Präsident Putin jetzt erzeugen lässt, ist natürlich eindeutig: Es zeigt, die Russen sind wieder auf der Bühne, sie können mit den USA mithalten. Dazu gehören auch andere Entwicklungen wie beispielsweise die Wiederaufnahme der Flüge der nuklearen Bomberflotte, die Debatte um die Raketenabwehr, Tests von Langstreckenraketen und die Entwicklung neuer U-Boote. Das ist offensichtlich eine Strategie, um zu zeigen, dass man das Wettrennen wieder aufnimmt.

TR: Die USA haben doch aber in den vergangenen Jahren eher smarte Waffensysteme präsentiert – Nanotech-Materialien, vernetzte Soldaten, Roboter. Gewinnt jetzt mit den neuen Superbomben doch wieder die gute, alte Sprengkraft die Oberhand?

Neuneck: Dass liegt nur daran, dass die USA immer in den verschiedensten Bereichen der Militärtechnologie aktiv waren. Das, was man "Revolution in Military Affairs" nennt, ist nur ein Aspekt, aber die Fuel-Air-Explosives sind ja auch weiterentwickelt worden – auch massiv eingesetzt worden, nicht nur von den USA, sondern wahrscheinlich von Russland auch in Tschetschenien.

Das sind Entwicklungen, die man weiter forciert, weil sie eben angeblich neue militärische Optionen eröffnen würden. Auch die Fuel-Air-Explosives werden GPS-gesteuert ins Ziel gebracht, haben dann aber eine größere Sprengkraft. Diese Waffenwirkung ist völkerrechtlich so problematisch, weil die Sprengkraft so stark ist, dass "unterschiedslos" Zivilisten wie Soldaten getroffen werden können.

TR: In den letzten Tagen ist ja wieder viel darüber spekuliert worden, dass solche Waffen möglicherweise in die Hände von Terroristen geraten könnten. Wie schätzen Sie diese Gefahr ein?

Neuneck: Also, ausschließen kann man das natürlich nicht. Das ist aber auch schon eine ältere Debatte, die insbesondere natürlich nach dem Ende des Kalten Krieges hochgekommen ist, durch die Fälle von Nuklearschmuggel. Und die Frage, ob die Arsenale an nuklearem Material auch wirklich sicher sind – das sind ja Mengen von allein 1000 Tonnen hoch angereichertem Uran in Russland, und für eine Atombombe reichen 30 bis 100 kg. Da muss man natürlich befürchten, dass davon durch Verkauf oder Verrat auch etwas in die Hände von Terroristen gerät.

Aber das ist kein neues Problem. Man hat ja auch über radiologische Waffen diskutiert, bei denen keine Kettenreaktion ausgelöst wird, sondern nur radioaktives Material zerstreut wird. Man hat auch versucht, die Mengen an waffenfähigem Material, die gelagert werden, zu reduzieren. Aber eben nicht vollständig genug. Und die Sicherungsprogramme der USA und Russlands sind höchstens erst zur Hälfte umgesetzt, sodass die Befürchtung zwar berechtigt, aber im Augenblick nicht durch irgendwelche Ereignisse besonders akut geworden ist. Das ist also eine generelle Bedrohung, der man aber nur begegnen kann, indem man diese nuklearen Materialien vollständig abrüstet oder extrem sicher lagert.

Im Übrigen will ich darauf verweisen, dass es den nuklearen Großmächten noch nicht einmal gelungen ist, einen so genannten "Fissile Material Cut Off"-Vertrag zu verhandeln, mit dem man die weitere Produktion von waffenfähigem Material verifizierbar unterbindet. Das ist das Versagen von Nuklearmächten, die immer selbst auf Atomwaffen setzen, aber immer darauf verweisen, dass Terroristen dieses aus ihren eigenen Arsenalen stammende Material verwenden könnten. Dieser Widerspruch ist unaufgelöst.

TR: Verifikation ist ein gutes Stichwort. Halten Sie es denn überhaupt für realistisch, dass irgendeine zwischenstaatliche Organisation überhaupt reale Informationen darüber bekommt, wie viele Waffen in welchen Arsenalen liegen?

Neuneck: Das ist sicherlich möglich, es ist aber politisch nicht gewollt. Das ist das Problem. Technisch ist das kein Problem, aber es ist wohl so, dass die Supermächte sich da von niemandem reinreden lassen. Im Übrigen gibt es ja Organisationen, die Verifikation und Monitoring machen. Die Atomenergiebehörde IAEO tut das ja sogar im Iran. Aber die Nuklearmächte werden fast überhaupt nicht kontrolliert.

TR: Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks sah es ja so aus, als ob ein dritter Weltkrieg eher unwahrscheinlicher geworden sei. Jetzt ist die Doomsday-Uhr vor Kurzem wieder nach vorne gestellt worden. Wie schätzen Sie die Gefahrenlage ein?

Neuneck: Ich glaube, es geht nicht um den dritten Weltkrieg. Es geht aber darum, dass sowohl von Terroristen Nuklearwaffen gezündet werden als auch in regionalen Szenarien – Stichwort Mittlerer Osten oder Indien und Pakistan – zum Einsatz kommen könnten.

Und so lange rund 27.000 weltweit davon überall stationiert sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch nur eine davon eingesetzt wird – sei es irrtümlich durch eine Fehlkalkulation, einen Unfall oder auch wissentlich – einfach gegeben. Und die einzige Chance, dieser Bedrohung zu begegnen, ist die weltweite Ächtung aller Nuklearwaffen. Das haben aber einige Regierungen in den letzten Jahren erfolgreich verhindert. (bsc)