Elon Musks "Stimme Gottes": Generalamnestie für gesperrte Twitter-Konten

Followerpower neu: Musk lässt grundsätzliche Entscheidungen von seinen Followern treffen. Nach seinem Bekunden sind darunter zahllose Bots. Ein Kommentar.

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(Bild: Rokas Tenys/Shutterstock.com)

Von
  • Daniel AJ Sokolov
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Ab kommender Woche sollen alle gesperrten Twitter-Accounts freigegeben werden, sofern sie kein Gesetz gebrochen haben oder sich nicht durch "ungeheuerlichen Spam" hervorgetan haben. Das hat Twitter-Eigentümer Elon Musk verkündet. Wie en masse bestimmt wird, ob ein Twitterant nicht gegen irgendein Gesetz irgendeines Landes verstoßen hat, bleibt offen. Das Versprechen, einen Rat zum Umgang mit kontroversen Inhalten einzurichten (content moderation council), bricht Musk ausdrücklich.

Ein Kommentar von Daniel AJ Sokolov

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Daniel AJ Sokolov

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Daniel AJ Sokolov schreibt seit 2002 für heise online, anfangs aus Wien. Seit 2012 versucht er als Nordamerika-Korrespondent von heise online, Kanadier und US-Amerikaner zu verstehen und ihr Wesen begreiflich zu machen.

Als "Grundlage" für seine Generalamnestie zieht Musk eine kurzfristige Abstimmung auf seinem eigenen Konto auf seiner eigenen Plattform heran. 3,1 Millionen Stimmen sollen dabei registriert worden sein, wovon 72 Prozent mit Ja ausgewiesen sind. Zur Jahresmitte zählte der Mikroblogging-Dienst 238 Millionen täglich aktive Nutzer.

Die "Wahlbeteiligung" lag also bei gut einem Prozent aller täglich aktiven Nutzer, und deutlich darunter, zieht man alle monatlich aktiven Nutzer als Berechnungsgrundlage heran. Selbst von den Followern, die Musks Twitter-Konto direkt hat, haben sich weniger als 2,7 Prozent beteiligt.

Um von der Abstimmung überhaupt zu wissen, muss man schon an dem Tag auf Twitter online sein, Englisch können und den entsprechenden Tweet Musks erheischen. User mit mehreren Konten könnten mit jedem ihrer Zugänge abstimmen. Das gilt natürlich auch für die zahllosen Bots und Spammer, über die sich Elon Musk vor dem Kauf Twitters lautstark beklagt hat. Die vielen Spam-Konten waren sogar der offizielle Grund, warum Musk vom Twitter-Kaufvertrag zurückzutreten versuchte.

Tatsächlich ist Musk extrem betroffen. Der Twitter-Audit-Dienst SparkToro schätzt, dass 70 Prozent der Follower Elon Musks "fake follower" sind. Konten mit ähnlich vielen Followern haben demnach im Median 41 % fake Follower. Nichtsdestotrotz gibt Musk vor, die Ergebnisse der Umfragen auf seinem Twitter-Konto hätten Wert – sei es die aktuelle Generalamnestie für gesperrte Konten oder die Freischaltung des Twitter-Accounts Donald Trumps.

"Vox Populi, Vox Dei", sagt Musk zu den Abstimmungsergebnissen: Die Stimme des Volkes ist die Stimme Gottes. Die neue Zügellosigkeit soll also ein Gottesurteil sein. Dabei glaubt Musk nach eigener Aussage nicht an einen oder mehrere Götter, und meint, dass Wissenschaft und Religion nicht koexistieren können.

Ende Oktober hat Musk versprochen, "keine großen Entscheidungen über Inhalte oder Kontenentsperrungen" zu treffen, bevor sein Content Moderation Council mit "breit gefächerten" Weltanschauungen zusammengetreten sei. So einen Beirat hat Twitter als Trust and Safety Council schon vor über sechs Jahren eingerichtet; vermutlich hat sich diese Einrichtung im Zuge der Übernahme Twitters durch Musk in Luft aufgelöst.

Doch Musk hat keine Absicht, sein Versprechen einzulösen. Zunächst kündigte er am Wochenende in einer internen Videokonferenz noch an, das Council einzurichten, aber ohne Entscheidungsbefugnis. Er alleine treffe die Entscheidungen: "Ich muss denen nicht zuhören", sagte der Multimilliardär.

Am Dienstag ließ Musk dann auch von seinem potemkinschen Beirat ab. Plötzlich behauptete er, das versprochene Council sei Teil einer Vereinbarung mit einer "großen Koalition politischer/sozialer Aktivistengruppen" gewesen, die versprochen hätte, "Twitter nicht durch Entzug der Werbeeinnahmen zu töten. Sie haben die Vereinbarung gebrochen."

Hoffentlich erfindet Musk solchen Unsinn im Augenblick, ohne darüber nachzudenken. Schlimmstenfalls glaubt er, was er da von sich gibt.

Denn wer diese vielen Aktivistengruppen sein sollen, die die Hand am Geldhahn großer Konzerne haben und Twitter umbringen möchten, ist nicht ersichtlich. Weitaus wahrscheinlicher ist, dass die Werbekunden ihre wertvollen Marken nicht besudeln lassen wollen und einfach abwarten, wie das Council aussieht und welchen Einfluss es hat, bevor sie Musk frische Millionen geben.

"Vox Populi, Vox Dei" geht auf den Lehrer und Abt Alcuin von York zurück, der Ende es achten Jahrhunderts im Dienste des Frankenkönigs Karls des Großen stand. Diesem riet Alcuin in einem Brief "Nec audiendi qui solent dicere, Vox populi, vox Dei, quum tumultuositas vulgi semper insaniae proxima sit." Zu Deutsch: "Höre auch jenen nicht zu, die stets sagen 'die Stimme des Volkes ist die Stimme Gottes', weil der Tumult des einfachen Volkes immer dem Wahnsinn nahe ist."

(ds)