Gas auf neuen Wegen: Es darf nicht nur umständlicher werden

Künftig schippert Erdgas über die Weltmeere, anstatt direkte Wege per Pipeline zu nehmen. Wenn das doch wenigstens einem größeren Fortschritt dienen würde.

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Gasrohre

(Bild: noomcpk / Shutterstock.com)

Von
  • Malte Kirchner

Ja, es ist ein weiterer Zugewinn an Unabhängigkeit von russischen Gaslieferungen. Aber es ist auch ein Schritt weiter in die gewollte große neue Umständlichkeit in der Energieversorgung: Mit dem Baubeginn des ersten komplett privat finanzierten Flüssigerdgas-Terminals in Lubmin nimmt die neue weltweite Architektur der Energieströme zunehmend Gestalt an. Sie wurde eiligst entworfen und alleine, dass es so schnell geht, ist ein Verdienst. Sollte es jedoch dabei bleiben, dass nur auf geopolitische Machtspiele reagiert wird, ohne die Gaserzeugung grundsätzlich neu zu denken, wäre das eine verpasste Chance.

Ein Kommentar von Malte Kirchner

Malte Kirchner ist seit 2022 Redakteur bei heise online. Neben der Technik selbst beschäftigt ihn die Frage, wie diese die Gesellschaft verändert. Sein besonderes Augenmerk gilt Neuigkeiten aus dem Hause Apple. Daneben befasst er sich mit Entwicklung und Podcasten.

Neben Lubmin wird auch in Wilhelmshaven weiterhin kräftig am staatlich finanzierten LNG-Terminal gearbeitet. Beide Häfen, Lubmin und Wilhelmshaven, wollen zum Jahresende ihren LNG-Import aufnehmen. Und weil Russland auf dem vielen Gas, das nicht mehr durch Nord Stream 1 nach Europa fließt, jetzt und wohl auch in Zukunft sitzen bleibt, sucht es sich neue Abnehmer. China bietet sich als neuer Absatzmarkt an: zunächst unter Zuhilfenahme einer vorhandenen Pipeline und künftig womöglich noch mit einer neu gebauten. Aber auch der russische Staatskonzern Gazprom schickt künftig LNG-Transportschiffe los.

Betrachtet man ohne jeden geopolitischen Hintergrund die reinen Transportwege, wirkt die Situation schon reichlich absurd: Da werden Energieströme in Form von Gas, die bislang vom Gasfeld über Rohre auf kürzestem Wege zu den Verbrauchern geleitet wurden, zugedreht. Und anstelle dessen fahren künftig Tankerschiffe mit entsprechendem Energieaufwand um die halbe Welt. Sie liefern tiefkaltes verflüssigtes Gas an, das wohlgemerkt auch erst mal mit erheblichem Energieaufwand in den flüssigen Zustand gekühlt werden muss. Und anschließend muss es wieder aus diesem Zustand in die Gasförmigkeit zurückverwandelt werden.

Das Ganze erinnert an die Situation im Luftraum: Flugzeuge müssen aufgrund gegenseitig füreinander geschlossener Lufträume teils erhebliche, geradezu groteske Umwege nehmen. Sie verbrauchen damit mehr Energie, weil sie länger in der Luft sind. Genauso ist auch die Daseinsvorsorge mit Gas – bei allem Verständnis für die guten Gründe – erst einmal auf dem Weg, deutlich längere Wege zu nehmen und energieintensiver zu werden.

Vor allem in Europa sorgt das in der Bevölkerung für Stirnrunzeln: Da sind zuerst einmal die stark ansteigenden Energiepreise. Diese werden aufgrund der neuen Energiewege auch künftig nicht mehr auf das angenehm niedrige Niveau zurückkehren, auf dem sie sich einst bewegten. Und dann ist da das Thema Klimawandel und Energiewende. Wo ist da der Fortschritt, wenn es bei fossilen Brennstoffen bleibt, die künftig nur umständlicher besorgt werden müssen?

Die Politik hat darauf eine gut klingende Antwort: grünen Wasserstoff. Dieser soll aber, um es noch umständlicher zu machen, ebenfalls auf Umwegen fließen. Die LNG-Anlagen wären dem Gas ohne große Umbauten nicht gewachsen. Eine Idee ist es deshalb, etwa in sonnenreichen Wüstenländern mittels Photovoltaik Strom zu erzeugen, der angewendet wird, um per Elektrolyse aus Wasser Wasserstoff zu gewinnen. Der Wasserstoff soll dann mit antransportiertem Kohlendioxid zu Methan (CH4) umgewandelt werden, das wiederum in tiefkaltem Zustand per Tankerschiff als LNG nach Europa gebracht werden könnte.

Das klingt momentan alles noch reichlich nach Science-Fiction. Und die Skepsis ist berechtigt. Unter anderem das historische Beispiel der Magnetschwebebahn Transrapid zeigt, dass solche kühnen Zukunftsvisionen, die sich eigentlich aufdrängen, trotz grundsätzlicher Machbarkeit nicht automatisch auch Gestalt annehmen. Vor Jahrzehnten erschien es als ausgemacht, dass die Fahrgäste im Jahr 2022 längst 500 km/h schnell auf Stelzen durchs Land rauschen. Stattdessen sind die Züge und die darin fahrenden Menschen auf dem Boden der nüchternen Tatsachen geblieben – mit allen irdischen Weichen- und Signalstörungen.

Die Gaskrise wäre eine Chance, unabhängiger von fossiler Energie zu werden. Aus einer Not-Reaktion könnte eine segensreiche Entwicklung werden. Und eines ist auch deutlich geworden: Ohne diesen Krieg hätte keiner ernsthaft an den bisherigen Energieströmen gerüttelt. Aber ein positiver Ausgang der leidvoll eingeleiteten Entwicklung ist alles andere als ein Selbstläufer. Im Moment bauen wir nur Umwege. Dieser erzwungene Wandel sollte nicht einem Despoten und einem Krieg ein Denkmal setzen – er sollte später einmal als Weichenstellung in Richtung Fortschritt in Erinnerung bleiben.

(mki)