Kaputt gekürzt

Beim Klick auf die Kurz-URLs von Bit.ly & Co weiß man nicht wo man landet. Die nächste Generation geht sogar noch einen Schritt weiter.

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Von
  • Jürgen Schmidt

Wenn wir ehrlich sind, haben wir das alle ein wenig mit verbockt (außer natürlich die Besserwisser, die das alles schon immer gewusst haben). Wir opferten Benutzbarkeit auf dem Google-Altar und Adressen im Web wurden mit der Zeit immer unhandlicher. Ein suchmaschinenoptimiertes URL-Monster wie
http://www.heise.de/security/meldung/Auch-UMTS-Verschluesselung-angeknackst-903458.html
tippt man nicht mehr ein. Etwas wie http://bit.ly/6vV3Ds ist für vieles einfach praktischer: Man kann es twittern, am Handy eintippen oder auch mal eben am Telefon durchgeben. Und immerhin sieht man spätestens nach dem Aufruf des Links, wo man gelandet ist.

Es kann ja sein, dass der Text tatsächlich von Sunbelt stammt - muss er aber nicht.

Diese Orientierungsmöglichkeit nehmen uns jetzt die URL-Shortener der nächsten Generation, die den eigentlichen Inhalt nur noch in einem IFrame unter der eigentlichen URL einblenden. Der Sicherheitsspezialist Aviv Raff von RSA verwendet beispielsweise regelmäßig oov.me, und wird dabei schon auch mal vom Security-Blogger und Ex-Washington-Post-Redakteur zitiert. Kult-Autor Bruce Sterling benutzt öfters den Kurz-URL-Dienst ow.ly. Gemeinsam haben beide Dienste, dass sie oben einen eigenen Balken anzeigen, um Anzeigen und irgendwelche Zusatzinformationen einzublenden. Wichtiger ist jedoch, dass die Seite deshalb nicht mehr unter der ursprünglichen URL erscheint, sondern unter der des Verkürzers.

Auf oov.me angesprochen, erklärte Raff nur mit einem Grinsen, dass URL-Shortener sowieso "böse" seien. Dabei sollte der Sicherheitsexperte eigentlich wissen, dass diese zusätzliche Trennung von URL und Inhalt mehr als nur symbolischen Charakter hat. Denn die Seite, deren URL oben in der Adressleiste steht, hat die volle Kontrolle darüber, was unten erscheint. Das kann der Original-Inhalt sein – aber auch etwas ganz anderes. Noch heimtückischer – aber genauso einfach möglich ist es, dass sich der Inhalt nur in Nuancen vom Original unterscheidet.

Am schlimmsten daran finde ich jedoch, dass wir durch diese Trennung von URL und Inhalt leichtfertig die Arbeit von Jahren aufs Spiel setzen, in denen wir versucht haben, Anwendern zu erklären: "Achtet darauf, was in der Adressleiste steht". Und das – anders als noch bei den Kurz-URLs der ersten Generation – ohne reale Gegenleistung. Dienste wie ow.ly und oov.me bieten Anwendern zumindest keinen mir erkennbaren Vorteil gegenüber herkömmlichen Verkürzern wie bit.ly.

Nicht zuletzt, um dieser Entwicklung etwas entgegen zu setzen, haben wir übrigens für Heise-Artikel eigene Kurz-URLs eingeführt. Den von @heiseonline und @heisec verwendeten Kurz-URLs, sieht man sofort an, dass sie von Heise stammen und sie führen auch zu Heise. Die oben erwähnte Monster-URL erreichen Sie etwa über http://heise.de/-903458. Und wenn es noch kürzer sein muss, funktioniert alternativ auch http://ct.de/-903458.

Jürgen Schmidt aka ju

PS: Sorry, ich konnte es mir nicht verkneifen – Beschwerden bitte ins Forum ;-) (ju)