Klartext Formel Äh: Woran die Formel E krankt

Mercedes-EQ steigt aus der Formel E aus. Verständlich, denn die Serie hat es selbst nach Jahren nicht geschafft, ihr Problem zu lösen: Sie ist langweilig.

Lesezeit: 13 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 372 Beiträge
Formel E

(Bild: Mercedes-Benz)

Von
  • Clemens Gleich
Inhaltsverzeichnis

Kürzlich traf ich zufällig bei der Fahrvorstellung des Mercedes-Benz EQE Ian James und Stoffel Vandoorne. Keine Angst, liebe Mitmenschen, die jetzt ein Fragezeichen im Gesicht haben: Ich kannte diese sehr netten Menschen vorher auch nicht. Ian ist der Teamleiter des Teams Mercedes-EQ in der Formel E und Stoffel ist einer der beiden Rennfahrer dort. Da die Formel E nicht besonders breit betrachtet wird in der Gesellschaft, dürfte wohl eine Mehrzahl der Menschen selbst bekanntere Namen aus der Serie nicht kennen.

"In der Formel E geht es nicht darum, die höchstmögliche Geschwindigkeit zu fahren", sagte Stoffel, "sondern es geht um Energie-Management." Da schlief mir schon das Gesicht ein. Einerseits ist es natürlich schwieriger, gleichzeitig eine vernünftige Pace zu fahren und den Energieverbrauch im Auge zu behalten, und die Teams schaffen das oft mit beeindruckender Präzision auf ein Zehntel Prozent.

Andererseits: Geht es nur mir so, oder ist das ständige Gucken nach der Energie nicht ein bisschen 2012? Vor zehn Jahren war der Reichweitenaffe auf der Schulter der ständige Begleiter in den damaligen Autos. Es hat sich seitdem viel getan. In aktuellen E-Autos gibt es so etwas nicht mehr abseits von Reichweiten-Rallyes, Fehlkäufen von du-brauchst-einen-Diesel-Fernfahrern und Artikeln von Redakteuren, deren Gehirn zehn Jahre nachgeht. Warum ist es dann ein zentraler Bestandteil einer Rennserie, die das technisch Mögliche zeigen sollte?

Die dritte Generation der Formel-E-Einheitskarosserien erinnert an frühe Formel-1-Wagen. Optik mal außen vor: Die Energiemenge bleibt wie vorher.

(Bild: Envision Racing)

Im Gespräch mit Ian James später kamen sehr interessante Dinge heraus, wie etwa der Umstand, dass Mercedes-EQ bei der Motoren-Effizienz mittlerweile bei 98 Prozent angelangt ist, was ich im EQXX-Text dann verwursten konnte. Das war für Ian zwar einerseits ein Grund zum Stolz, doch der Anlass, dieses Datum zu bringen, war ein anderer: Die Hersteller sind unzufrieden mit den Systemen, die sie an den Einheits-Fahrzeugen ändern dürfen.

Lesen Sie auch

Die Motoren, das Setup, die Steuerung, ja, na gut, aber der Hauptteil der Fortschritte elektrischer Fahrzeuge findet doch bei den Akkus statt! Ausgerechnet die sind a) Einheitsteile und haben b) selbst in der jüngst vorgestellten 3. Generation nur 50 kWh nutzbaren Strom, mit vielem Hieh! und Hah!, wieviel davon per Regelklick über den Fahrbetrieb hinaus gehende Energie abgezogen wird unterwegs. Die Weiterentwicklungen in Sachen Akkutechnik flossen bei Gen 3 in geringeres Gewicht des Einheitsakkus – eine zweifelhafte Entscheidung.

Damit blieben alle energie-abhängigen Probleme der Serie für die nächste Generation erhalten, und die Hersteller können sich auch weiterhin nicht mit dem wichtigsten Bauteil voneinander absetzen. Folglich stieg jetzt Mercedes-EQ aus der Serie aus, den deutschen Mitbewerbern Audi und BMW folgend. Von den deutschen Automarken fährt nur Porsche noch mit, und Porsche wohl auch nur, weil die einen ganz besonders langen Nagel im Kopf haben. Wenn auf dem Porsche-Parkplatz zum Feierabend die Schranke aufgeht, ist wahrscheinlich schon da wieder ein Laufrennen zur Bushaltestelle Porscheplatz oder ein Radrennen bis zur nächsten Ampel eröffnet. Die können einfach nicht anders.

Stoffel Vandoorne verlässt die Box beim Rom-GP. Habe ich was verpasst? Ich denke nicht.

(Bild: Mercedes-Benz)

"Ich habe ehrlich gesagt noch nie ein ganzes Rennen der Formel E geguckt", sagte ich Ian James. "Ich schaue nur manchmal Clips, die Youtube mir vorschlägt, also meistens Crashes. Ich glaube, ich habe grundsätzliche Vorurteile. Aber weißt du was? Ich schaue mir jetzt am Wochenende einfach mal ein ganzes Rennen möglichst unvoreingenommen an." Das tat ich dann. Das Rennen nach dem Gespräch war in Rom, das verpasste ich.

Deshalb hatte ich eine bessere Idee: nicht irgendein nächstes Rennen anschauen, sondern eines, das den Leuten besonders gut gefiel. Es war dann Monaco 2021, mit Herzschlag-Finish auf der Traditionsstrecke. Besser wird es nicht. Sie finden das Rennen bei Interesse auf Youtube, aber erwarten Sie jetzt nicht, vom Sessel gehauen zu werden. Selbst das bestmögliche Rennen zeigte die grundsätzlichen Probleme der Serie, die weit über die Sache mit den Akkus hinausgehen.

Fürsprecher der Serie führen an, dass die Rennen knapp sind, dass es keine dominanten Player gibt. Das stimmt. Diese Eigenschaft wurde jedoch so überreizt, dass sie vom Vorteil (siehe MotoGP) zu einem Nachteil umschlägt. Rennfahrer Nyck de Vries sagte in der Saison 2021, das Chaos komme rüber "wie eine Lotterie." Als er das sagte, konnten zwei Rennen vor Saisonende noch 15 Fahrer mathematisch betrachtet Meister werden. "Wenn man nur drei Teams hätte, die zum Ende noch den Titel holen können, wäre das genauso spannend, aber viel einfacher zu verfolgen", so de Vries weiter. "Es müssen sich einige Dinge ändern."

Die Saisons sind nicht "knapp", das geht eher ins Adjektiv "gewürfelt". Das ist deshalb ein Problem, weil es dann keine Helden geben kann, von denen der Motorsport eben lebt. Das Epos Lauda gegen Hunt wurde Stoff für einen Hollywood-Streifen, bei dem das Drehbuch aus der Realität schon beinahe fertig vorlag. Deshalb waren die Dokus eigentlich besser als der Film. Was könnte selbst der beste Drehbuchschreiber aus einer Saison Formel E aufkochen?

Damit überhaupt Spannung aufkommt, setzt die Formel E auf ein Reglement wie in einem Kinderrennspiel. Es gibt den "Attack Mode" und den "Fan Boost", die für einen Moment mehr Boost-Leistung im Antrieb freischalten. Das schiebt die Verantwortung für einen Sieg ein Stück weiter in Richtung Fahrer, was einigen Rennserien gut zu Gesicht stünde. Da jedoch in der Formel E so viele Fahrer die gleichen Gewinnchancen haben, unterstreicht das sich bei der Jugend anbiedernde Reglement eher den Umstand, wie egal die Autos sind. Wieso also sollte ich als Autohersteller da mitmachen, wenn ich mich technisch nicht profilieren kann?