Klartext Motorradlärm: Auf beiden Ohren taub

Fahrverbote, neue Lärm-Obergrenzen, Lärm-Streckensperrungen in Tirol: Das Thema "laute Motorräder" steht wieder oben auf der Agenda. Und womit? Mit Recht.

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(Bild: KTM)

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Kaum gibt es wieder mehr Themen als nur Weltuntergang, drängen neue Lärmschutzbestimmungen für Motorräder in den Newsstream. Die Länderkammer schlug ein Motorrad-Fahrverbot an Sonn- und Feiertagen vor, von dem nur Maschinen mit "alternativen Antrieben" ausgenommen wären.

Das zeugt von überfrommer Hoffnung und Naivität gleichermaßen. Es ist sehr einfach, ein lautes Elektromotorrad zu bauen. Ein gerade verzahntes Getriebe (Energica) oder gar eins mit Umlenkung (Harley) reicht, dass sich Anwohner (Energica am Sellajoch) oder gar der Fahrer selbst (Livewire-Prototyp am Hockenheimring) beschwert. Man gebe alternativen Antrieben bitte keinen Krach-Blankoscheck, sondern nutze lieber ihr Potenzial leiseren Fortkommens.

Der Bundesrat spurtete etwa zur selben Zeit herbei, um bei den Motorrädern mitzureden. Er forderte eine Geräuschgrenze von 80 dBA für Motorräder. Alle den Vorschlag einbringenden Personen haben also keinerlei Ahnung von der Materie, über die entschieden werden soll. Geht es ums Standgeräusch? Oder doch ums Fahrgeräusch? Die aktuelle Obergrenze nach ECE-R41 (eingeführt zeitgleich mit der Abgasnorm Euro 4) liegt nämlich bei recht komplex ermittelten 77 dBA im Vorbeifahren. Wird das jetzt also wieder gelockert? Oder kommt eine generelle Standgeräuschbegrenzung? Audi müsste den Sportwagenbau einstellen. Niemand weiß es, am wenigsten die Bundesratlosen, die das vorschlugen.

Mit der Energica Eva am Sellajoch, das gerade für Verbrenner gesperrt war. Ein Anwohner beschwerte sich über die Lautstärke des Getriebes. Es ist also ganz gut, dass Geräuschvorschriften auch für E-Kräder gelten.

(Bild: Energica)

Und zum dritten Glockenschlag preschte das österreichische Bundesland Tirol an die Spitze, indem es Fahrverbote bereits umsetzte: Auf vielen beliebten Ausflugsstrecken gilt dort ab dem 10. Juni ein Fahrverbot für alle Motorräder mit einem Standgeräusch von über 95 dBA. Darüber wurde viel gelästert, nur ist das Standgeräusch eben aufwandsarm in einer Verkehrskontrolle messbar. Der Wert des Standgeräuschs existiert nur für diese Kontrolle, es gibt keine Homologations-Vorgaben.

Er ist leider zudem ein realistischeres Indiz auf die Reallautstärke, weil die Hersteller für die Vorbeifahrmessung weiterhin ein Klappenwerk wie in einer Kirchenorgel auffahren, um sich an den Regeln vorbeizuschummeln. Nun scheint ein Fahrverbot anhand eines Wertes, für den es keine Vorgaben gibt (auch beim Auto nicht), unfair. Doch es gibt in dieser Diskussion keine Mehrheiten an Unschuldigen, weder beim Gesetzgeber noch bei den Herstellern oder den Motorradfahrern.

Der erste Punkt, den schon jeder Industrie- und Interessenverband bemerkte: Warum eigentlich Lärmschutzvorschriften nur für Motorräder? Den Anwohnern wäre doch geholfen, wenn Krachdeppen in Audi R8 ebenso behandelt würden. Ein Lärmlimit für alle Ausflugsfahrzeuge, vom Oldtimer über das Quad bis zum Motorrad, das fordern gerade viele Motorradfahrer. Doch wissen sie, was das bedeutet? Dann gälten die Leistungs-Klassen für PKW, was für die meisten Motorräder hieße: maximal 75 dBA statt jetzt 77 dBA Fahrgeräusch, mit einer bereits festgeschriebenen Verschärfung 2022.

Das wäre technisch noch nicht schwer. Schwer wäre es, die LKW-Werte auf PKW-Niveau herunterzubringen. Oder den Bestandsschutz auszuhebeln: Alle Oldies müssen moderne Grenzwerte einhalten, für die sie nie erdacht waren. Wollen wir das wirklich? Oder haben sich die Leute damals schon was gedacht, als unterschiedliche Fahrzeugarten unterschiedliche Vorgaben gemäß ihrer Eigenarten erhielten?

Und wo endet "Gleiches Recht für alle"? Beim Abgas doch sicher noch nicht. Hieße für Motorräder: Euro 6d inklusive EVAP und ISC statt Euro 5. Wo endet die Gleichheit? Ein ESP (Pflicht für PKW) gibt es für Krafträder nicht, weil ein Motorrad nicht schleudert, sondern auf die Seite kippt und sich fortan spanabhebend weiterbewegt. Motorräder fallen aufgrund ihrer geringen Relevanz am Verkehrsaufkommen und ihrer Bauart unter angepasste Vorgaben. Davon würde ich jetzt nicht abweichen – vor allem, weil es auch für Autos keine Standgeräuschvorgaben gibt. Es gibt bessere Hebel.

Für die, die es nicht wissen: Ich fahre ganzjährig Motorrad, in den meisten Jahren mit weit überdurchschnittlicher Jahreskilometerzahl. Ich besaß noch nie andere Auspuffanlagen als Serie. Selbst wenn man das als Daumenregel verwendet, steht man schnell da wie Ducati-Fahrer am Sachsenring: "Was, meine Serien-Anlage ist hier zu laut und ich darf nicht fahren?" Die Motorradhersteller haben in den vergangenen 20 Jahren so viel Lärm-Engineering betrieben, dass neuere Motorräder ab Werk stets lauter sind als welche aus den Achtzigern oder Neunzigern, obwohl damals laxere Regeln galten. Schlimmster Schreier in Summe: ausgerechnet BMW Motorrad, denn BMW verkauft nicht nur sehr viele Motorräder, sondern auch sehr laute.

Ich habe es oft gesagt, doch offenbar nicht oft genug oder es haben zu wenige mitgesagt: Liebe Leute in München, was ihr da veranstaltet, ist schlicht und ergreifend asozial. BMW-Motoren tönen auffällig laut. Das gilt für das Superbike S 1000 RR, das gilt für sportliche Landstraßenmodelle wie S 1000 XR und R, das gilt für die Retro-Modelle der "nineT"-Linie, das gilt sogar für den Bestseller GS. Mit dem Wechsel von Euro 3 zu Euro 4 und ECE-R41 wurde die GS in kein Jota leiser. Die kritisierte Klappensteuerung blieb erhalten. Die von uns zuletzt getestete R 1250 GS Adventure fiel sogar dadurch auf, dass sie es dem Fahrer besonders leise macht, dem Umfeld dagegen besonders laut. Asozial deluxe.

Ducati Panigale 959, eins der ersten Ducati-Kräder nach ECE-R41. Sie war auffällig leise. Dieser Zustand hielt natürlich nicht lange an. Aktuelle Ducs spielen beim Schalldruck wieder ganz vorne auf.

(Bild: Bridgestone)

Natürlich bleibt BMW nicht alleine. Ducati hat sich nach anfänglichen Schwierigkeiten mit der ECE-R41 ("huch, wir müssen das jetzt in SERIE einhalten?!") berappelt und stellt eine V4 Streetfighter hin, die zwar wunderschön aussieht, aber nirgends sozialverträglich hinfahren kann. Starte sie und dein Block ist wach. Fast so schlimm wie ein Audi R8. "You meet the nicest people on a Honda" galt früher. Das ändert sich mit den aktuellen Superbikes der Fireblade-Reihe, denn die sind so laut, dass nice people sich blutenden Ohres abwenden.