Kommentar: AMDs Radeon RX 6500 XT zeigt, wie kaputt der Grafikkartenmarkt ist

In normaleren Zeiten wäre AMDs jüngster Radeon-Sprössling eher eine 100- statt 300-Euro-Grafikkarte gewesen. Ein Kommentar von Mark Mantel.

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Herstellerkarten der Radeon RX 6500 XT. Die Preisempfehlung von 199 US-Dollar ist Wunschdenken.

(Bild: AMD)

Von
  • Mark Mantel

AMD hat die neue Radeon RX 6500 XT in allen Belangen auf niedrige Produktionskosten getrimmt, setzt die Preisempfehlung aber trotzdem auf rund 210 Euro. Das ist viel zu hoch für eine Grafikkarte, die Spielern sogar schon bei Full-HD-Auflösung Abstriche an der Darstellungsqualität aufnötigt. Damit nicht genug der Preistreiberei: Auch die Hersteller der Grafikkarten wie Asus und MSI schlagen noch ein bisschen auf und nennen Richtpreise von sogar 300 Euro. Und dann kommt der Handel und hält zusätzlich die Hände auf.

Angesichts der extremen Nachfrage wollen alle absahnen – die Radeon RX 6500 XT zeigt wie unter einem Brennglas die für PC-Spielerinnen und -Spieler kaputte Situation des Grafikkartenmarkts. Denn stellen wir den hohen Preisen die bescheidenen Spezifikationen gegenüber, können wir nur noch mit dem Kopf schütteln. Auch im Nvidia-Lager sieht es nicht besser aus, wie die überteuerte GeForce RTX 3080 12 GByte beweist.

Ein Kommentar von Mark Mantel

Mark Mantel ist seit 2019 Redakteur bei heise online und c't. Er kümmert sich hauptsächlich um die Online-Berichterstattung rund um PC-Hardware.

AMDs Versuch, die Radeon RX 6500 XT mit einem Vergleich der Radeon RX 570 als Mittel- und nicht als Einstiegsklasse zu verkaufen, fällt dem Hersteller zu Recht auf die Füße. Die Radeon RX 570 erschien im April 2017, war selbst aber nur eine Neuauflage der Radeon RX 470 aus dem Vorjahr. Kein zusätzlicher Speicher, absurd abgespeckte Videofunktionen, mindestens 20 Prozent Aufpreis. Noch besser: Die RX 570 gab es optional mit 8 GByte Speicher, die RX 6500 XT hat immer 4 GByte. Nach AMDs eigenen Worten würde die Grafikkarte "für heutige Spiele offensichtlich nicht ausreichen". Wo bleibt nun der Fortschritt in fünf Jahren GPU-Entwicklung?

Gerade bei der Radeon RX 6500 XT gibt es kaum Anhaltspunkte, die auf allzu hohe Produktionskosten schließen lassen. Der eingesetzte Grafikchip ist winzig, die Fertigungspreise sind 2021 nur moderat gestiegen, Speicher gibt es derzeit im Überfluss und bei einer Leistungsaufnahme von 107 Watt ist keine aufwendige Kühlung oder Stromversorgung notwendig. Wenn sich jemand an diesen 300-Euro-Grafikkarten erfreuen kann, dann die Hersteller mit ihren Margen.

Renderbild der Navi-24-GPU: Mit 107 mm² ist sie sehr klein gehalten und sollte selbst mit TSMCs moderner 6-Nanometer-Fertigung günstig in der Produktion sein.

(Bild: AMD)

"Aber der Chipmangel treibt die Preise hoch!" könnten Sie jetzt einwerfen. Schaut man sich allerdings mal die Zahlen von Marktbeobachtern an, stellt man fest: Chipmangel bedeutet nicht, dass Hersteller plötzlich kaum noch Grafikkarten ausliefern können. Nein, nein. Die Nachfrage ist bloß so hoch, dass das Wachstum nicht mithält. Vorangetrieben wird diese Nachfrage zu großen Teilen von Krypto-Mining-Farmen – die Rechenleistung im Ethereum-Netzwerk etwa steigt stetig. PC-Spielerinnen und -Spieler stehen leider am Ende der Nahrungskette und bekommen die überzogenen Preise reingedrückt, weil man es mit ihnen eben machen kann.

Jon Peddie Research etwa meldete im Dezember 2020, dass im dritten Quartal 2020 rund 9,1 Prozent mehr Grafikkarten verkauft wurden als im Vorjahr. Im dritten Quartal 2021 waren es noch mal 25,7 Prozent mehr – 12,7 Millionen Grafikkarten binnen dreier Monate (für das vierte Quartal gibt es noch keine Zahlen).

Sowohl AMD als auch Nvidia haben in dem Zeitraum überproportionale Umsatzsteigerungen mit Grafikkarten erzielt: Nvidias Umsatz mit GeForce-GPUs stieg vom Q3/2020 zum Q3/2021 um 42 Prozent auf gut 3,2 Milliarden US-Dollar, AMDs Geschäftsbereich "Computing and Graphics" wuchs um 44 Prozent auf 2,4 Milliarden US-Dollar. "Computing and Graphics" beinhaltet zwar auch (Ryzen-)Prozessoren, da AMD Nvidia jedoch GPU-Marktanteile abgeknöpfte, sollten Radeons einen erheblichen Anteil am Plus haben.

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Statt überteuerte Grafikkarten für Gaming-PCs anzupreisen, könnten AMD, Nvidia und andere Kartenhersteller langsam ernsthaftere Versuche unternehmen, die Abermillionen produzierten Grafikkarten in die Hände von Spielerinnen und Spieler zu bekommen. Keine Beteuerungen mehr, wie wichtig Gamer der Firma seien, sondern Taten sprechen lassen. Dann müssten die Hersteller und die Lieferkette vielleicht aber auch strikter nachverfolgen, wie viele GPUs an Krypto-Mining-Farmen gehen, und der Preistreiberei im eigenen Lager, bei Shops und bei Scalpern Einhalt gebieten.

(mma)