Kommentar: Appelle zum Energiesparen sind naiv

Es wird viel über hohe Energiepreise gejammert, aber im Alltag kümmern sich viele Menschen nicht einmal um die einfachsten Einsparmöglichkeiten.

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Überall smarte Geräte im Haus, doch auf die schlichte Idee, den Monitor einfach mal auszuschalten, kommt so mancher nicht, meint TR-Redakteur Gregor Honsel.

(Bild: Proxima Studio/Shutterstock.com)

Von
  • Gregor Honsel

Von meinem Balkon aus kann ich in ein Büro sehen, in dem rund um die Uhr ein Monitor leuchtet, Tag für Tag, Nacht für Nacht, Wochenende für Wochenende.

An unserem Sportplatz wurde vor kurzem ein mehrstöckiges Parkhaus gebaut, bei dem schon gegen 18 Uhr das Licht angeht – auch, wenn im Sommer die Sonne noch hoch am Himmel steht.

Wenn bei Veranstaltungen wie Skate by night oder Velocity Night die Seitenstraßen für 10 oder 15 Minuten abgesperrt werden, kommt gefühlt nur jeder zweite Autofahrer auf die Idee, den Motor auszustellen.

Natürlich sind das alles Peanuts – die paar Watt, die ein Monitor zieht, und die paar Milliliter, die ein Motor im Leerlauf verbraucht, lassen die Welt nicht untergehen. Aber im Gegenzug ist es auch unfassbar einfach und mit keinerlei Verzicht verbunden, den Rechner oder den Motor auszuschalten. Und wie schwer kann es sein, ein neu errichtetes Parkhaus wenigstens rudimentär smart zu machen? Ich glaube nicht einmal, dass dahinter ein Kosten-Nutzen-Kalkül steckte. Vermutlich war es den Planern schlicht egal.

Ein Kommentar von Gregor Honsel

Gregor Honsel ist seit 2006 TR-Redakteur. Er glaubt, dass viele komplexe Probleme einfache, leichtverständliche, aber falsche Lösungen haben.

Diese Beispiele sind zugebenermaßen anekdotisch. Doch auch empirische Befunde weisen in die gleiche Richtung: So fühlen sich laut einer Untersuchung trotz der immer wieder beklagten Spritpreise nur die wenigstens Autofahrerinnen und Autofahrer bemüßigt, den Fuß vom Gas zu nehmen.

Darin zeigt sich das generelle Problem beim Energiesparen: Vom Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag brauchen wir gar nicht erst anzufangen, solange das Thema vielen Leuten so dermaßen egal ist, dass sie sich nicht einmal zu einer Viertelumdrehung des Zündschlüssels aufraffen können.

Was folgt daraus? Erstens: Hört auf, mir vorzujammern, Sprit und Strom seien zu teuer. So schlimm kann es nicht sein. Zweitens: Robert Habecks Appelle, Energie zu sparen, sind naiv bis weltfremd. Wen weder Spritpreise noch Umweltgedanken dazu bringen, einen Finger krumm zu machen, der wird sich kaum durch die Appelle eines Politikers motivieren lassen. Drittens: Höhere Energiekosten würden wohl wenig bringen, zumindest für Privatpersonen. Sie würden vor allem ärmere Menschen treffen, aber kaum diejenigen, denen das Thema immer schon am Gesäß vorbei ging. Oder bei denen, bei denen der Arbeitgeber den Strom bezahlt – wie beim dauerleuchtenden Monitor.

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(grh)