Kommentar: Automatisierung in macOS – Apple räumt die Schmuddelecke nicht auf

Die WWDC-Keynote präsentierte am Rande Frameworks, Xcode und dann die automatische Übersetzung von Intel nach ARM – doch kein Wort zur Automatisierung in macOS.

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 144 Beiträge

(Bild: THINK A/Shutterstock.com)

Von

Wer sich die Keynote von Apples WWDC als nicht Initiierter angehört hat, mag sich gefragt haben, was das "D" (für Developer) im Titel der Veranstaltung soll. Denn vor allem ging es darum, eigene Produkte in den höchsten Tönen zu loben, neue Icons, Seitenleisten und Komplikationen für die Armbanduhr zu präsentieren und die künftige hauseigene CPU zu hypen.

Immerhin brachte die "State of the Union"-Ansprache des für Entwicklerthemen zuständigen Vizepräsidenten neben Marketinggequatsche echte Informationen für Entwickler und Entwicklerinnen. Neue Frameworks hier, schöneres Xcode da und die automatische Übersetzung von Intel nach ARM dort. Kein Wort jedoch und laut Veranstaltungskalender auch keine Vorträge zu "Automatisierung in macOS".

Ein Kommentar von Christian Kirsch

Christian Kirsch war Software-Entwickler, dann betreute er 15 Jahre lang als iX-Redakteur vor allem Software-Themen. Heute ist er freier IT-Journalist. Seit ihn das Gefummel mit Linux-Upgrades zu sehr nervte, nutzt er ein Apple-Notebook. Inzwischen arbeitet er nur noch mit Macs, auch für Software-Entwicklung – mit wachsendem Unwohlsein.

Seit Urzeiten enthält das Betriebssystem mit AppleScript eine Programmiersprache, mit der sich viele Mac-Programme und einige Aspekte des Betriebssystems steuern lassen. Auf der WWDC 2004 stellte Apple "Automator" vor – ein Programm, das die Automatisierung alltäglicher Aufgaben auch Laien ermöglichen sollte. Zehn Jahre später veröffentlichte die Firma "JavaScript for Automation" (JXA) als zweite Skriptsprache zum Steuern von Programmen. Seitdem passiert – nichts.

AppleScript dümpelt, schlecht dokumentiert und gar nicht gepflegt, vor sich hin. Große Teile des Betriebssystems lassen sich nicht skripten. Automator gibt es noch, ist aber für ernsthafte Aufgaben nicht zu verwenden. Seit Catalina ist die Skript-Implementierung der ohnehin kröpeligen Notes-App von Apple defekt. Allgemein bekannt, aber es kommt kein Bugfix.

JXA lungert wie eine vergessene Wollmaus irgendwo in der Ecke herum. Niemals tatsächlich dokumentiert, die wichtigsten Informationen finden sich in Release Notes zu Mac OS X 10.10 und dem 2015 erschienenen 10.11. Ein Jahr später verließ der für Automatisierung zuständige Vize-Präsident die Firma, und seitdem gibt es niemanden mehr, der dafür verantwortlich wäre.

Solange Apple jedoch noch Geräte verkauft, mit denen Menschen arbeiten, statt nur Filmchen zu gucken, Musik zu hören und soziale Netze zu frequentieren, gibt es auch Bedarf für automatisierte Abläufe. Allerdings wächst die Frustration unter denjenigen, die mit den vorhandenen spärlichen Mitteln zurechtkommen müssen.

AppleScript ist eine geschwätzige, veraltete Sprache mit mehr Lücken als Features: Die String-Funktionen verdienen den Namen nicht, es gibt offiziell keine asynchronen Methoden, obwohl einige offenbar implementiert sind, Fehlermeldungen sind obskur, es gibt von Apple weder IDE noch Debugger dafür.

JXA stellt sogar etliche neuere ECMAScript-Funktionen bereit. Welche, findet man allerdings nur durch Probieren heraus. Code lässt sich damit wesentlich knapper schreiben als mit AppleScript, es gibt eingebaute reguläre Ausdrücke, brauchbare String- und Datums-Methoden, (Pseudo-)Klassen und so weiter. Wie für AppleScript fehlt eine IDE. Sehr, sehr anspruchslose Entwickler können Apples Browser Safari zum "Debuggen" nutzen. Der weiß allerdings nichts über die JXA-Objekte und -Methoden, und auch mit JavaScript kann man JXA-Objekte nicht untersuchen. Schlimmer: Einige AppleScript-Funktionen sind gar nicht umgesetzt, andere falsch.

Die Skriptsprachen Ruby, Python und Perl, bisher immer im Lieferumfang von macOS oder Xcode enthalten, hat Cupertino mit Catalina abgekündigt. Entwicklerinnen sollen sich darauf einstellen, sie in Zukunft selbst zu installieren. Was angesichts der zunehmenden Abschottung des Betriebssystems zunehmend schwieriger wird.

All das sendet ein klares Signal: Automatisierung interessiert Apple nicht. Wer arbeiten will, soll klicken. Doch gerade als Beleg für die Professionalität seiner Produkte angeführte Software von Adobe oder Affinity, Arbeitspferde wie DEVONthink Pro und Tools wie KeyboardMaestro sind auch deshalb populär, weil sich Arbeitsabläufe darin durch Automatisierung vereinfachen und wiederholen lassen.

Wenn Apple seinen Anwendern keine modernen Werkzeuge liefert, die ihnen dieses Vereinfachen eintöniger Arbeit ermöglichen, könnten sie womöglich doch irgendwann über den Tellerrand gucken.

(ane)