Kommentar: AstraZeneca und die große Impfverwirrung

Das Covid-19-Vakzin von AstraZeneca steht im Kreuzfeuer der Kritik – doch eigentlich zu Unrecht.

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(Bild: Ivan Diaz / Unsplash)

Von
  • Jo Schilling

Wenn man einen Blick auf die aktuellen Impfstatistiken wirft, die auf dem gemeinsamen Infoportal des Bundesministeriums für Gesundheit und des Robert Koch Instituts veröffentlicht werden, sieht die Impfsituation in Deutschland zwar traurig, aber gar nicht mehr so schlecht aus, wie sie sich anfühlt, wenn man sich von den Schlagzeilen treiben lässt. Ja, wir sind zu langsam. Seit Ende Dezember sind bis Mittwoch gerade einmal 5,7 Prozent der Bevölkerung geimpft worden. Aber die Impferei nimmt Fahrt auf, in den vergangenen Tagen sogar beeindruckend. Während am 6. April noch gut 366.000 Menschen geimpft wurden, waren es am Tag darauf über 656.000 – so viele, wie noch nie. Wenn das so weiter geht, wird das noch etwas mit der Immunität gegen SARS-CoV-2 in Deutschland.

Einen nicht unbeträchtlichen Anteil an den Verzögerungen hat der Umgang mit dem Impfstoff von AstraZeneca. Was für ein Hin und Her, was für ein hick und hack in den letzten Wochen. Und schon wieder wird die Vektorimpfsau durch’s Dorf getrieben. Da ist in der Bild-Zeitung die Rede davon, dass Impfen nicht zur Mutprobe werden dürfe und wer jetzt noch weiß, welche Personen denn nun eigentlich mit dem Impfstoff von AstraZeneca immunisiert werden sollen, hat wirklich gut aufgepasst. (Für alle die nicht aufgepasst haben: Die Informationen dazu stellt das Bundesministerium für Gesundheit zur Verfügung.)

Wovon reden wir hier eigentlich, wenn wir von Risiken, Mutproben, Gefahren sprechen? Natürlich sind die Einzelschicksale tragisch. Nachrichten von jungen Menschen, die an den Folgen einer Impfung sterben, sind furchtbar, beängstigend und das Mitgefühl für die Angehörigen kann nicht groß genug sein. Aber rein statistisch sprechen wir von 169 Menschen, deren Hirnvenen von einer Thrombose – also einem Blutgerinnsel – verstopften und von 53 Menschen, die eine andere Thrombose erlitten haben. Bei etwa 34 Millionen Menschen, die bis zum vierten April mit AstraZeneca geimpft wurden. Das ist eine sehr, sehr seltene Nebenwirkung, die nur auffällt, weil gerade die ganze Welt auf das Impfgeschehen blickt und so viele Menschen innerhalb so kurzer Zeit geimpft wurden.

Um das Thrombose-Risiko durch AstraZeneca einzuordnen: Thrombosen sind die Begleiter jedes operativen Eingriffs. Nach einer Operation wird Patienten standardmäßig ein Heparin-Präparat gespritzt, das das Verklumpen des Blutes in den Gefäßen verhindert. Die verschiedenen Spielarten des Heparins sind also DAS Mittel gegen Thrombosen. Das Paradoxe: eine sogenannte heparininduzierte Thrombozytopenie (HIT) ist eine gefährliche Komplikation, die verschiedene Heparinsorten auslösen können. Sie führt zu den gefürchteten Gefäßverschlüssen – die dann natürlich nicht mit Heparin behandelt werden können. Je nachdem, welche Art Heparin verwendet wird, tragen Menschen, die eine neue Hüfte bekommen, ein Risiko von bis zu drei Prozent einen solchen – häufig tödlichen – Gefäßverschluss zu erleiden.

Ein Kommentar von Jo Schilling

Anderes Beispiel: Das Risiko einer Frau, die ein hormonales Kontrazeptivum – sprich: die Anti-Baby-Pille – einnimmt. Je nachdem, welches Präparat oder welche Kombination aus verschiedenen Präparaten sie einnimmt, liegt das Risiko für eine Lungenembolie, die durch ein gelöstes Blutgerinnsel in einer Vene entsteht, zwischen 0,05 und 0,12 Prozent. Das Thrombose-Risiko beim AstraZeneca-Impfstoff liegt gerade einmal bei 0,0006 Prozent und der rettet täglich massenhaft Leben.

Immer noch gilt das Zitat von einem der Gründerväter der deutschen Pharmakologie Gustav Kuschinsky: „Wenn behauptet wird, dass eine Substanz keine Nebenwirkungen zeigt, so besteht der dringende Verdacht, dass sie auch keine Hauptwirkung hat.“ Vielleicht sollten wir uns weniger aufregen und mehr impfen... (bsc)