Kommentar: Covid-19-Langzeitschäden müssen auf den Schirm

Das Gesundheitssystem sollte Long-Covid-Betroffenen besser helfen als es beim „Chronic Fatigue Syndrome“ der Fall war. Die Auslöser scheinen ähnlich zu sein.

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Langzeiterkrankte werden bei Covid-19 oft vergessen.

(Bild: Photo by engin akyurt on Unsplash)

Von
  • Veronika Szentpétery-Kessler

Zehn Prozent aller Infizierten, die nach durchgestandener Krankheit als genesen gelten, leiden oft auch Monate später unter verschieden schweren Langzeitwirkungen. Selbst dann, wenn sie nur eine milde Version erwischt hatten. Zu den Symptomen dieses „Long Covid“ getauften Phänomens gehören Atemschwierigkeiten, schlimme Kopf- und Brustschmerzen, Herzrasen bei der kleinsten Anstrengung, lähmende Müdigkeit (fatigue) und neurologische Probleme ähnlich wie bei einer Demenz. Das große Problem dabei: Nicht immer finden Ärzte sichtbare oder messbaren Schäden wie Narben in der Lunge, Labortests und Bildgebungsverfahren fördern kaum Anhaltspunkte zutage.

Der Statistikdienst Worldometer zählt bisher mehr als 73 Millionen „Genesene“, in Deutschland knapp 1,9 Millionen. Zehn Prozent davon – und es ist ja noch nicht vorbei – sind nicht nur auf der persönlichen Ebene der Gesundheit und Arbeitsfähigkeit eine heftige Zahl. Es rollt auch eine gewaltige Welle auf die Gesundheitssysteme zu, zumal immer mehr Patienten junge Menschen bis hin zu Teenagern sind und die Auswirkungen damit im schlimmsten Fall Jahrzehnte dauern könnten.

Und dabei die zehn Prozent sind noch eine vorsichtige Schätzung von Ärzten wie Zijian Chen, der in New York das Post-Covid-Zentrum am Mount-Sinai-Krankenhaus leitet. Einer Studie aus Irland zufolge berichtete sogar mehr als die Hälfte der Befragten auch zehn Wochen später von anhaltender Müdigkeit, während ein Drittel noch nicht wieder arbeitsfähig war.

Länder wie Großbritannien und die USA richten deshalb Long-Covid-Zentren ein, um die vielfältigen Langzeitschäden zu verstehen und zu behandeln. Auch in der Forschung kristallisieren sich ein Jahr nach den ersten bekannten Fällen bereits Erklärungen dafür heraus, was in den verschiedenen Körpersystemen schiefläuft. So geraten wohl Regelsysteme dauerhaft aus dem Ruder und kehren nicht mehr ins Gleichgewicht zurück: Teile des Immunsystems greifen auf einmal den eigenen Körper an oder scheinen in einer Art Daueraktivierung eine Rolle bei Symptomen wie Müdigkeit und Gedächtnisproblemen zu spielen. Dabei gibt es offenbar viele Parallelen zur Entstehung und Symptomen von Krankheiten wie das Chronic Fatigue Syndrome (CFS).

Ein Kommentar von Veronika Szentpétery-Kessler

Veronika Szentpétery-Kessler ist gelernte Biologin und schreibt über Medizin(techik), Biotechnologie und benachbarte Themen-Biotope.

Das legt einerseits erste Therapiemöglichkeiten nahe. Andererseits geht CFS nicht wieder fort und wurde darüber hinaus fast ein Jahrzehnt lang als psychisches Problem abgetan. Deshalb wird es besonders wichtig sein, Ärzte – und Patienten – diesmal besser über die neuen Erkenntnisse auf dem Laufenden zu halten und die Betroffenen nicht allein zu lassen, sondern ihnen flächendeckend Hilfe anzubieten. Sonst wiederholen wir die Fehler der Vergangenheit in einem ungleich größeren Maßstab.

(vsz)