Kommentar: Das Bullshit-Bingo der Verkehrswende

Ein paar Schlüsselbegriffe, die in jeder Debatte früher oder später auftauchen – und was dahintersteckt.

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(Bild: Virrage Images / Shutterstock.com)

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  • Gregor Honsel

Mehr noch als jedes andere Thema wird die Debatte um den Verkehr hoch emotional geführt – geht es doch schließlich (vorrangig) um des Deutschen Liebstes Kind und daher um nichts weniger als die persönliche Freiheit. Wie komme ich von A nach B? Welche Eventualitäten müssen abgedeckt sein? Welche Neuerungen müssen her? Welche weg? Es folgt daher ein kleines, bissiges Glossar, das Sie für Argumente in der Debatte rüstet.

Antriebswende

"Eine Antriebswende ist noch keine Verkehrswende", heißt es gerne aus eher linken Kreisen – oft gefolgt vom (bei Konservativen gut anschlussfähigen) Hinweis, dass E-Autos auch nicht besser seien als Verbrenner. Die Tatsache, dass das erste Argument zweifellos richtig ist, macht das zweite allerdings auch nicht besser.

Ein Kommentar von Gregor Honsel

Gregor Honsel ist seit 2006 TR-Redakteur. Er glaubt, dass viele komplexe Probleme einfache, leichtverständliche, aber falsche Lösungen haben.

Blackout

Passiert nach den Befürchtungen vieler unweigerlich, wenn alle Menschen ihre E-Autos gleichzeitig laden würden. Theoretisch richtig, gilt aber auch für Föns, Kaffeemaschinen oder Backöfen.

Bullerbü

Berlin sei nicht Bullerbü, sagte Franziska Giffey (SPD) im Berliner Wahlkampf. Soll heißen: Weniger Autos und mehr Radwege sei nichts für Metropolen wie Berlin, sondern nur etwas für idyllische Käffer. Zu denen zählt Giffey offenbar auch Städte wie Barcelona oder Paris.

Einzelhandel

Laut Twitter-Nutzer Nicoleopter die absurdeste Lüge der Verkehrswende, weil hundertfach widerlegt: "Der Einzelhandel leidet unter autofreien Einkaufsstraßen."

Elektromobilität

Wird von der Politik gerne als Fortsetzung des Autoverkehrs mit anderen Mitteln interpretiert. Konsequenterweise endet die Förderung deshalb da, wo es verkehrspolitisch gerade spannend wird – etwa bei elektrischen Leichtfahrzeugen wie dem Renault Twizy. Sind halt keine "normalen" Autos.

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Export

Bricht ein, sobald deutsche Autobauer nicht mehr ungebremst auf deutschen Autobahnen die Glanzstücke deutscher Ingenieurskunst zur Schau stellen können. Damit würde Porsche und BMW ein ähnliches Schicksal drohen wie Ferrari und Lamborghini, denen jegliche Kompetenz in Sachen Sportlichkeit und Geschwindigkeit bekanntlich abzusprechen ist.

Freiheit

Wird gerne verwechselt mit dem für sich beanspruchten Recht, unlustauslösende Regelungen zu bekämpfen oder zu ignorieren.

Ideologie

Soll sich etwas ändern, steht bestimmt irgendeine Ideologie dahinter. Soll alles so bleiben wie gehabt, ist das hingegen die Manifestation rationalen und unvoreingenommenen Denkens.

Individualverkehr

"Mobilität ist ohne Individualverkehr nicht denkbar! Grüne wissen’s angeblich besser und meinen: Doch!", twitterte der jetzige Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) im September. Der Nachweis, wann und wo genau die Grünen jemals die Abschaffung des Fahrradfahrens oder des Zufußgehens gefordert haben, steht noch aus.

Lastenräder

"Sie sind zu schwer, zu breit, viel zu schnell und werden von Leuten benutzt, die wie in einer Wahlwerbung der Grünen aussehen", findet Welt-Blogger Don Alphonso. Das Argument erweist seine glasklare Logik schon in dem Moment, in dem man ein Lastenrad mal neben ein SUV stellt. "Doch hier geht es nicht um Argumente, sondern um Gefühle", wie die Zeit schreibt. Lastenräder werden gerne von Leuten gefahren, die wir nicht mögen ("Alnatura-Adel"). Und deshalb sind Lastenräder doof.

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Maximaleventualbedarfsauto ("Rennreiselimousine")

Blechgewordenes Zeugnis des Glaubens, dass ein einziges technisches Artefakt jegliche hypothetische Aufgabe lösen können muss – etwa eine Großfamilie, einen Wohnwagen, zwei Hunde, drei Surfbretter, vier Mountainbikes und fünf Kisten Bier in weniger als drei Stunden von München zum Gardasee bringen – Verkehrs-Aktivitin Katja Diehl ("Autokorrektur", Twitter: She Drive Mobility) nennt das das #Maximaleventualbedarfsauto.

Naturgesetze

Etwas, was Gutmenschen grundsätzlich nie verstehen, sondern immer nur deren Kritiker. Letztere folgern aus der Energiedichte elektrochemischer Stromspeicher beispielsweise, dass Elektroautos genausowenig von A nach B kommen wie Hummeln fliegen können.

Parkraumbewirtschaftung

Eingriff in das Gewohnheitsrecht, öffentlichen Raum beliebig in Anspruch nehmen zu dürfen.

Personenbeförderungsgesetz

Der Versuch, die Bedürfnisse von öffentlichem Verkehr, Taxis und Start-ups unter einen Hut zu bringen, indem man möglichst wenigen weh tut. Außer den Start-ups.

Plug-in-Hybride

Fahrzeuge, die sowohl einen Auspuff als auch ein "E" auf dem Kennzeichen haben. Der Fortbewegung dient vor allem ersteres, der Förderung letzteres.

Pünktlichkeit

Erreichen Busse und Bahnen nie, Autos aber praktisch immer – zumindest, wenn man ausreichend Zeit für Staus und rote Ampeln einplant.

Was ist mit …?

"Handwerker und Kleinunternehmen sollen keine Transporter, sondern Lastenräder nutzen? Für Unternehmen im ländlichen Raum ist das nicht sehr realistisch. Grünes Öko-Biedermeier in Reinform", twitterte der jetzige Bundesverkehrsminister Volker Wissing Ende August. Mit anderen Worten: Er steht vor einem riesigen Baum voller tiefhängender Früchte, beklagt sich aber über die hoch hängenden ("Whataboutism").

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Reichweite

Reicht bei E-Autos grundsätzlich nie. Es könnte ja sein, dass man irgendwann einmal das dringende Bedürfnis verspürt, spontan auf ein Fischbrötchen von Oberstdorf nach Flensburg zu brettern.

Rohstoffe

Wie schädlich ihre Gewinnung ist, hängt unmittelbar von ihrer Verwendung ab. Handelt es sich um Lithium oder Kobalt, entwickeln manche Leute ein ebenso lobenswertes wie erstaunliches Interesse an globalen Lieferketten, Arbeitsbedingungen und Ökosystemen. Handelt es sich um Rohöl, ist das Interesse meist deutlich geringer.

Soziale Gerechtigkeit

Äußert sich vor allem darin, dass die Kosten für Autos dank Pendlerpauschale, Diesel- oder Dienstwagenprivileg deutlich langsamer steigen als die des Öffentlichen Verkehrs, den bekanntlich ohnehin nur Wohlbegüterte nutzen.

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Technologieoffenheit

Laut Verkehrs-Aktivistin Katja Diehl "zu oft einfach nur cool klingendes Framing für nix verändern wollen, weil mir der Status Quo ganz gut gefällt".

Tempolimit

Die niedrigst hängende Frucht der Verkehrswende, die mit größtmöglichem Gezeter für völlig unerreichbar erklärt wird.

Wasserstoff

"90 Prozent der Weltbevölkerung können sich kein E-Auto leisten", ließ der Politiker Jürgen Todenhöfer auf Wahlplakate drucken – und plädierte stattdessen für grünen Wasserstoff. Unerwähnt bleibt, dass sich nahezu 100 Prozent der Weltbevölkerung kein Wasserstoffauto leisten können.

Verbrennungsmotoren

Etwas, dessen Existenz um jeden Preis gerettet werden muss. Wenn es irgendwann kein fossiler Sprit mehr sein darf, dann wenigstens E-Fuels oder Wasserstoff – irgendetwas zum Verbrennen wird sich doch noch finden lassen. Die Erfindung der obenliegenden Nockenwelle darf schließlich nicht umsonst gewesen sein.

(grh)