Kommentar: Das Drama um die Corona-Schulschließungen

SARS-CoV-2 fliegt zwar unter dem Radar durch die Schulen, aber es ist dennoch da. Das scheint nicht jedem Entscheider klar zu sein.

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(Bild: Halfpoint/shutterstock.com)

Von
  • Jo Schilling

Die Debatte über das Für und Wider der Schulschließungen, um die Verbreitung des Sars-CoV-2 Virus einzudämmen ist – gelinde gesagt – irritierend. Munter wird postuliert: Kinder seien am Infektionsgeschehen kaum beteiligt, Kinder seien keine Multiplikatoren, das Tragen von Masken könne das Infektionsgeschehen in den Klassenräumen hinreichend eindämmen – oder eben auch nicht. Tatsache ist, dass wir kaum etwas wissen.

Die Studienlage ist dünn und die Studien, die es gibt, sind schwierig vergleich- und interpretierbar. Man muss schon genau in die Details zum Studiensetting und zum Studienzeitpunkt schauen, um die Ergebnisse miteinander vergleichen zu können – ganz zu schweigen von der Flut an nicht begutachteten Studien auf Preprint-Servern.

Betrachtet man jedoch ausgewählte, anerkannte Einzelstudien von Qualitäts-Fachmagazinen (wobei selbst das renommierte Paper „The Lancet“ in der Kritik steht, zu früh und zu unkritisch zu veröffentlichen), zeigt sich doch eine Diskrepanz zwischen politischer Argumentation und wissenschaftlicher Erkenntnis. So hat eine im Dezember 2020 in „Plos one“ veröffentlichte Studie der Universität Toronto elf Faktoren identifiziert, die gegen eine Ausbreitung des Corona-Virus wirken. Sie haben vierzig Regionen in Amerika, Europa und Afrika untersucht – auch deutsche – und Schulschließungen sind eine dieser Maßnahmen, die im Konzert mit den anderen die Pandemie zurückdrängen.

Weshalb Schulschließungen so wirkungsvoll bei der Eindämmung des Infektionsgeschehen sind, legen inzwischen zwei Studien des Helmholtz-Zentrums München nahe. In der ersten Studie, die in „Cell“ im Oktober 2020 veröffentlich wurde, wies das Forschungsteam nach, dass in Bayern sechmal mehr Kinder und Jugendliche mit dem Virus infiziert waren, als gemeldet.

Der Grund ist banal: Da die Infektion bei Schulkindern in der Regel mild verläuft und sie seltener Symptome zeigen, hat niemand getestet. Fast die Hälfte der Kinder (47 Prozent) zeigte gar keine Symptome – das heißt aber nicht, dass sie das Virus nicht weitergeben. Und nun haben die Münchner noch eine zweite Studie nachgelegt und – Überraschung – auch in der zweiten Welle hatten sich in Bayern drei- bis viermal mehr Kinder mit Sars-CoV-2 infiziert, als bislang gemeldet waren. Und der Anteil der Kinder ohne Symptome war bei Vorschulkindern mit 68 Prozent und Schulkindern mit 51 Prozent sogar noch höher als während der ersten Welle.

Kinder scheinen also mitnichten weniger anfällig zu sein, als Erwachsene – sie werden nur erst einmal nicht so schwer krank. Dass der Infektionsdruck in Kitas sehr gering ist, belegt eine Studie aus Hessen, andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen – allerdings stammen diese Studien aus dem Frühjahr 2020 mit aus heutiger Sicht geradezu traumhaft niedrigen Inzidenzwerten und sind auf heutige Verhältnisse schlicht nicht übertragbar.

Das heißt nicht, dass Schule geschlossen werden sollen – es heißt aber auch nicht, dass sie geöffnet bleiben sollen. Es ist lediglich ein Plädoyer für ehrlichen Umgang mit Daten. Wenn Schulen trotz des Risikos geöffnet bleiben, weil „das Recht auf Bildung ein Menschenrecht ist“, wie die Leopoldina in ihrer letzten Stellungnahme schreibt.

Oder weil Kinder Gefahr laufen, unter der Corona-getriggerten steigenden Aggression im Elternhaus zu leiden. Oder weil unsere Wirtschaft davon abhängt, dass Eltern einen Aufbewahrungsort für ihre Kinder haben, um zu arbeiten. Oder, oder, oder…

Ein Kommentar von Jo Schilling

Dann sind das alles legitime Argumente und eine sinnvolle Basis für eine intelligente Risikoabschätzung – die dann auch zu einem sinnvollen Infektionsmanagement in den Schulen führen kann. Aber bitte nicht diese ständige Verharmlosung. Schulen sind ein Schutzraum für Kinder – aber die Schulmauern schützen nicht vor Viren. (jsc)