Kommentar: Der 1500-Dollar-Elko, oder von spendablen HiFi-Freunden

Wenn bei Ebay ein simpler Hochvolt-Elko zum Gegenwert eines passablen Gebrauchtwagens den Besitzer wechselt, stimmt etwas nicht mit dieser Welt.

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Von
  • Carsten Meyer

Der Tag hätte so schön werden können: Gerade hatte ich bei Ebay versehentlich ein Konvolut aus 17 Blitzgeräten für knapp vier Euro ersteigert – nun gut, kann man ja immer mal gebrauchen. Nur der beobachtete alte Hochvolt-Elko, den ich für ein Röhrenverstärker-Projekt benötigte, machte mir langsam Sorgen: Nach elf überhasteten Geboten von Leuten, die offensichtlich nicht wissen, wie man bei Ebay gewinnt, hatte er schon mein virtuelles Limit von 10 Euro (immerhin ist eine Befestigungsschelle beigelegt) erreicht. Der Hammer fiel dann bei unfassbaren 1525 US-Dollar.

Kein Scherz: Hochvolt-Elko für 1525 US-Dollar. Der Preis gilt für ein Exemplar, wohlgemerkt.

Der geneigte Q-Anonist würde natürlich sofort vermuten, dass eigentlich gar kein profaner 200µF-Elko versteigert wurde, sondern eine körpernahe Dienstleistung von minderjährigen Tunnelbewohnern (Illuminaten-Code "Black Gate") oder ein paar Gramm frisch gezapftes Adrenochrom. Das ist natürlich Quatsch von "very fine people", aber was steckt wirklich dahinter?

In der Tat ist das Stichwort "Verschwörungstheorie" gar nicht so weit von dem entfernt, was sich in Wirklichkeit hinter dem atemberaubenden Preis verbirgt. Drei Google-Klicks weiter war ich schlauer: "Black Gate" hieß eine Kondensator-Serie des japanischen Herstellers Rubycon, die zu ihrer Zeit (sie wurde bis 2006 gebaut) mit sehr guten elektrischen Werten glänzte, was sie für Audio-Anwendungen prädestinierte. Die Daten allein erklären allerdings nicht den horrenden Preis, zumal heutige Low-ESR-Typen mindestens ebenbürtig sind – das lässt sich nicht wegdiskutieren.

Wenig überraschend teilt der High-End-Adept ein paar bemerkenswerte Eigenschaften mit querdenkenden Verschwörungssuchenden: Entweder eine ausgeprägte Leichtgläubigkeit gepaart mit einem Bildungsnotstand in Naturwissenschaften oder eine gut entwickelte Profilneurose. Kommen in einschlägigen Foren genügend Letztere zusammen, sind Erstere schon überzeugt: Nur mit einem teuren Spezial-Filzstift behandelte Audio-CDs klingen anständig, Cinch-Kabel unter 250 Euro sind nur billiger Dreck und D/A-Wandler wandeln viel luftiger, wenn man die Chips mit C37-Lack bepinselt – natürlich erst nach einer Einlaufzeit von 50 Stunden. Wer so etwas heraushören und blumigst beschreiben kann, darf sich der Bewunderung seiner Leser sicher sein, genau wie jener, der in den Tiefen des Internets neue Beweise für die Nichtigkeit von PCR-Tests aufgetan haben will.

Der Autor (mit langjähriger Tonstudio-Erfahrung) ist immer wieder überrascht, wie einfach man solventen HiFi-Freunden das Geld aus der Tasche ziehen kann. Wenn sich ausgerechnet Endfünfziger (also Personen, die gerade noch Töne bis 13 oder 14kHz wahrnehmen) Lautsprecher- und Audio-Kabel für ein paar tausend Euro (manchmal durchaus pro Meter!), CD-Entmagnetisierer und vergoldete Sicherungsautomaten aufschwatzen lassen, fragt sich der studierte Nachrichtentechniker, warum solche Leute nicht gleich auch Orgon-Engelspyramiden aufstellen und gegen Chemtrails demonstrieren.

Wenn Sie beim Musikhören den Kopf um 30 Grad neigen oder Ihr Partner das Grünzeug neben den Boxen neu sortiert, hat das einen sehr viel (!) größeren Einfluss auf den Klang als überteuertes High-End-Gedöns. In keinem Recording-Studio der Welt werden Sie klangverbessernde Stecker-Essenzen, Strippen im Wert eines Monatsgehalts oder goldplattierte Steckdosenleisten finden – solch dubiose Produkte sorgen bei den gestandenen Profis regelmäßig für Heiterkeit.

Kommen wir zurück zu unserem Rekord-Elko: Der wird natürlich keine Wunder bewirken, auch wenn man für das Geld gleich ein Dutzend hungernde Kinder ein Quartal lang hätte ernähren können. Er macht im Prinzip nichts anderes als alle anderen Siebelkos dieser Welt auch – die Wogen der gleichgerichteten Versorgungsspannung glätten. Offensichtlich hatte er aber das Glück, genügend mit goldenen Ohren gesegnete Fürsprecher in Audio-Blogs und -Foren zu finden. So einfach ist das.

Bei Neumond formiert: NSF-Elko von 1968.

Zu guter Letzt noch eine erfreuliche Nachricht: In einer meiner Wühlkisten fanden sich doch noch zwei der gesuchten Elkos (siehe Bild): Die "Klangmeister"-Serie von NSF zeichnet sich durch besonders trockene, gut durchzeichnende Bässe, luftige, unaufdringliche Höhen und eine unübertroffene Stimmenwiedergabe aus, die sämtliche Duelunds in den Schatten stellt. Dem Vernehmen nach wurden diese zwei Elkos im Mai 1968 von der begnadeten Kondensator-Wicklerin Irma Kleinschmidt höchstselbst auf der legendären Maschine 12 bei NSF gewickelt und bei Neumond formiert. Ich brauche nur einen, den anderen stelle ich mal bei Ebay ein.

(mho)