Kommentar: Der Peak von Mastodon ist nicht erreicht, es geht erst richtig los

Neue Nutzende tröpfeln inzwischen nur noch auf Mastodon ein, viele sind wieder weg. Trotzdem sind Abgesänge völlig fehl am Platz, meint Martin Holland.

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Jakarta,,Indonesia,-,November,18,2022:,Mastodon,Vs,Twitter,Logo,Displayed

(Bild: Poetra.RH/Shutterstock.com)

Drei Monate nachdem Elon Musk die Welt mit Mastodon bekannt gemacht hat, gibt es schon die ersten Abgesänge auf das soziale Netzwerk aus Deutschland. Dabei war dort noch nie so viel los wie heute – und es gibt genug Anzeichen dafür, dass es auch nicht wieder so ruhig wird wie vor der Twitter-Übernahme. Das liegt nicht nur daran, dass das Chaos und die Marschrichtung beim großen Vorbild abschrecken. Es hilft auch, dass schon so viele interessante Accounts umgezogen sind. Inzwischen bin ich sicher: Die Zeit von Mastodon ist angebrochen.

Ein Kommentar von Martin Holland

Martin Holland schreibt seit 2012 für heise online und c't. Lange Zeit beschäftigte er sich vor allem mit den NSA-Enthüllungen des Edward Snowden und deren Folgen. Nachdem die längst Geschichte sind, haben sich neben weiteren IT-Themen, vor allem auch zu gesellschaftlichen Folgen von Internet, Social Media, Künstlicher Intelligenz & Co. schließlich Astronomie und Raumfahrt als wichtige Schwerpunkte etabliert.

Als der Guardian vor ein paar Tagen berichtete, dass die Aktivität auf Mastodon wieder zurückgeht und nahelegte, dass sich die 15 Minuten im Rampenlicht ihrem Ende nähern, erinnerte das an einen Artikel aus dem Jahr 2010: Damals hatte dieselbe Zeitung gefragt, ob das junge und recht ungewöhnliche Netzwerk Twitter seinen Scheitelpunkt erreicht hat. So wenig wie das damals für Twitter gestimmt hat, stimmte die Einschätzung bisher für Mastodon.

Zwar ist es richtig, dass das Wachstum deutlich abgenommen hat, aber die reine Zahl an Accounts sagt nicht so viel aus, wenn vor allem besonders aktive Konten wechseln. Hinzu kommt, dass sich etwa Journalisten und Journalistinnen schon aus Selbstschutz nicht den Launen des exzentrischen neuen Twitter-Eigentümers ausliefern sollten.

Anzeichen dafür, dass Mastodon etwa seit dem Jahreswechsel auch im so wichtigen US-Markt mit anderen Augen gesehen wird, gibt es zahlreiche. So sind seit der Sperrung mehrerer Presseleute auf Twitter nicht nur viel mehr ihrer Kollegen und Kolleginnen auf Mastodon aktiv, auch Institutionen und Unternehmen verstärken ihr Engagement: Besonders groß sind die Erwartungen vor allem für die angekündigte Instanz von Mozilla. Die Publishing-Plattform Medium.com und der Browserhersteller Vivaldi sind bereits aktiv. Außerdem hat der vor allem für Social-Media-Abteilungen wichtige Dienstleister Buffer jetzt ebenfalls Mastodon integriert.

Nach der Sperrung von Drittanbieter-Apps auf Twitter ist zudem absehbar, dass sich noch mehr erfahrene Entwickler und Entwicklerinnen Apps und Anwendungen für die Alternative widmen werden. Schon die bereits existierenden Apps sorgen für deutlich unterschiedliche Nutzungserfahrungen und zeigen das Potenzial von Mastodon auf. Während Twitters App-Alternativen dort inzwischen gegen die Richtlinien verstoßen, sind sie bei Mastodon explizit erwünscht. Wer möchte, kann sich das Netzwerk sogar im Browser als Twitter-Klon darstellen lassen. Es gibt Anwendungen für Windows, Linux, Android und iOS. Einige Apps erlauben es, Beiträge mit einer Zeitschaltung zu versehen, mehrere Accounts zu benutzen oder Inhalte nachzubearbeiten. Die Vielfalt ist immens und wird größer.

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Hat man sich erst einmal etwas eingewöhnt, ergeht es vielen so, dass sie die Lust am Basteln (wieder-)entdecken und gleich eine eigene Instanz einrichten wollen. So weit muss man aber gar nicht gehen und kann trotzdem tiefer einsteigen. Zwar ist Mastodon auch schon mehr als 6 Jahre alt, aber viele lange eingeübte und akzeptierte Aspekte der Plattform stehen nach dem jüngsten Zustrom wieder zur Debatte. So hatte sich Mastodon-Entwickler Eugen Rochko lange geweigert, zitierende Beiträge ("Quote-Tweets" auf Twitter) zu ermöglichen. Davon könnte er nach Debatten auf der Plattform abrücken. Auch sonst wird gerade ausgehandelt, wie es auf Mastodon zukünftig aussehen soll. Das nächste große soziale Netzwerk kann also aktiv mitgestaltet werden und wo ist das schon möglich? Es bleibt spannend und es lohnt sich reinzuschauen.

(mho)