Kommentar: Die gefährliche Blockchain-Utopie

Die großen Versprechungen hinter Bitcoin halten die Kryptowährung am Leben. Dabei mündet eine ihrer radikalsten Ausprägungen in ein gefährliches Narrativ.

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(Bild: mk1one/Shutterstock.com)

Von
  • Luca Caracciolo

Neulich las ich in einer Pressemitteilung, dass ein Software-Entwickler zur besseren Organisation von Bewerbenden eine Blockchain einsetzen will. Wozu? Schon oft habe ich bezweifelt, dass eine Blockchain bei der technischen Lösung eines Problems wirklich das richtige Mittel der Wahl ist. Denn meist wollen Projektteams und Entwickler mit Blockchains eher darauf aufmerksam machen, dass sie en vogue sind, in den richtigen Kreisen verkehren und die neuesten Trends kennen. Nun, Bitcoin und die dahinterliegende Blockchain-Technologie sind jetzt mittlerweile 13 Jahre alt. Also: Es ist nun wahrlich nicht mehr nötig, sich mit Blockchains zu schmücken.

Dass Bitcoin und die Blockchain-Technologie immer wieder totgesagt wurden, aber bis heute leben und eine so hohe Anziehungskraft entfalten, liegt insbesondere an dem Versprechen hinter der Kryptowährung und ihrer Basistechnologie. Die Idee eines dezentralen Geldes, dass ohne Intermediäre wie Banken auskommt, verfängt in einer Welt, in der die soziale Ungleichheit wächst. Über zwei Milliarden Menschen auf der Welt haben kein Bankkonto, können also quasi keine regulären Transaktionen innerhalb unseres Wirtschaftssystems tätigen. Hinzu kommt das Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen und Finanzmarkt-Akteuren, das seit der Finanzkrise 2008 abrupt gestiegen ist.

Ohne diesen geistigen Überbau wäre Bitcoin vermutlich längst tot. Denn er hat sich von seiner Funktion als dezentrales Zahlungsmittel längst verabschiedet und dient hauptsächlich als Spekulationsobjekt, als „digitales Gold“. Außerdem passt der gigantische Energieverbrauch des Bitcoin-Schürfens nicht in unsere Zeit. Und der dezentralen Technologie stehen eher zentralistische Besitzverhältnisse gegenüber, die eher der globalen Normalität entspricht: Einige wenige besitzen den größten Teil des Reichtums. Was also ist dran an den Erzählungen, die Bitcoin am Leben halten?

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In der Bitcoin- und Blockchain-Community selbst vermischen sich ganz unterschiedliche geistige Strömungen. „Es gibt ein eher links-anarchistisches und ein eher rechts-libertäres Lager. (…) Wie beim Dynamit erzeugt die Zusammenführung zweier unterschiedlicher Stoffe erhebliche Sprengkraft“, schreibt Ijoma Mangold in der „Zeit“. Die Vermischung dieser politischen Ansichten macht den geistigen Überbau der Bitcoin- und Blockchain-Community auch so anziehend für verschiedenste Menschen. Während die einen eine bessere Welt aufziehen sehen, weil Bitcoin und im weitesten Sinne auch Blockchain irgendwie zu einer gerechteren Verteilung von finanziellen Mitteln führen sollen, sehen die anderen eine Zukunft kommen, in deren radikalster Ausprägung staatliche Regulierung keine Rolle mehr spielt und die gesamte Organisation des Lebens über Netzwerke geregelt wird.

Ein Kommentar von Luca Caracciolo

Luca Caracciolo ist Chefredakteur der deutschen Ausgabe der Technology Review. Davor war er neun Jahre bei t3n tätig, zuletzt als Gesamt-Chefredakteur.

Während die eher linke Perspektive auf Bitcoin und Blockchain noch irgendwie sympathisch wirkt, gleichzeitig aber auch schrecklich naiv ist, weist die libertäre Inanspruchnahme vor allem der Blockchain gefährliche Züge auf. Denkt man nämlich diese Idee radikal zu Ende, würden wir in einer Welt leben, in der Gesetze in einer dezentralen Datenbank codiert sind und der Staat als schützendes Organ keinen Einfluss mehr hat. Alles wäre in einer binären Logik geregelt. Gesellschaftliches Zusammenleben führt aber zu Konflikten, die sich nicht in „0“ und „1“ fassen, geschweige denn lösen lassen. Es wäre eine libertäre Diktatur ohne menschliches Antlitz.

TR 5/2021

Blockchain als Infrastruktur-Technologie mag in speziellen Anwendungsbereichen sinnvoll sein, etwa wenn Unternehmen ihre Lieferkette kontrollieren und verifizieren wollen. Als Gesellschaftsutopie führt sie allerdings geradewegs in die Hölle. Der Staat als zivilisatorische Errungenschaft, als Regulierungsinstanz in komplexen spätmodernen Gesellschaften, ist schon ganz brauchbar. Ich würde jedenfalls nicht ohne ihn leben wollen.

Dann doch lieber HR-Management mit Blockchains.

(bsc)