Energiemangel lässt sich nicht mit digitalen Thermostaten bekämpfen

In der EU sollen bis zum Winter 1,5 Millionen smarte Thermostate installiert werden, fordern EU-Kommission und US-Regierung. Totaler Unsinn, findet Sven Hansen.

Lesezeit: 3 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 533 Beiträge

(Bild: Pixabay)

Von
  • Sven Hansen

US-Regierung und EU-Kommission haben Ende Juni am Rande des EU-Gipfels vorgeschlagen, bis zum Winter 1,5 Millionen smarte Thermostate in europäischen Haushalten zu installieren. Mit den Geräten sollen Haushalte automatisch bedarfsgerechter heizen, dadurch den Gasverbrauch reduzieren – und so die Abhängigkeit von Russland mindern. Die Deutsche Energie-Agentur (Dena) setzt noch eins drauf und will Hausbesitzer zum Einbau verpflichten.

c’t-Redakteur Sven Hansen findet die Vorschläge von Ursula von der Leyen und US-Präsident Joe Biden zur Thermostat-Installation nicht nur unsinnig, sondern absolut kontraproduktiv.

Mehr von c't Magazin Mehr von c't Magazin

Für die EU 1,5 Millionen smarte Heizungsthermostate und eine Einbaupflicht für 41,5 Millionen Haushalte in Deutschland? Das klingt nicht schlecht, was sich EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, US-Präsident Joe Biden und Dena-Chef Andreas Kuhlmann für den anstehenden Winter haben einfallen lassen. Stellt man die 1,5 Millionen Thermostate den rund 200 Millionen EU-Haushalten gegenüber, klingt das EU-US-Vorhaben dann aber nicht mehr ganz so ambitioniert. Wenn dann in einem Haushalt auch noch mehr als ein einzelner Heizkörper hängt – man mag sich die drohenden Verteilungskämpfe kaum ausmalen.

Ein Kommentar von Sven Hansen

c't-Redakteur Sven Hansen kümmert sich bei c't um vernetzte Heimunterhaltung, Smart Home und Automotive-Themen wie Elektromobilität oder autonomes Fahren. Außerdem schreibt er gerne Reportagen.

Lassen wir das Problem der schnellen, unbürokratischen Verteilung und Installation der smarten Hardware mal beiseite, bleibt noch die viel wichtigere Frage nach dem Sinn der Maßnahme: Stünden noch Millionen Fensteröffnungssensoren auf der Liste, könnte man vielleicht auf Einsparungen durch ein aktives Ausbremsen der Fraktion dauerheizender Kippfenster-Freunde hoffen. Das Abschalten der Heizung bei offenen Fenstern ist der einzige Anwendungsfall, bei dem sich alle Experten über ein hebbares Einsparpotenzial einig sind.

Die übrigen Vorteile der smarten Thermostate sind eher im Segment „Komfort“ angesiedelt. Die Wunschtemperatur lässt sich per Sprache einstellen, die Heizung im Wochenenddomizil kann man schon aus der Ferne mit dem Smartphone einschalten oder mehrere Heizkörper in der Wohnküche gehorchen einem per Funk angebundenen Wandthermostat. Das hektische Rauf- und Runterregulieren der Temperatur bringt wenig, ein Absenken der Grundtemperatur um 2 Grad im Vergleich aber viel.

Doch damit nicht genug: Eine Pflicht für smarte Thermostate in 41,5 Millionen Haushalten würde Hunderte Millionen neue AA-Batterien bedeuten, denn die meisten Modelle schlucken genau die und laufen damit etwa ein bis zwei Saisons lang – je nach Heizverhalten. Hinzu kommen die vielen unterschiedlichen Ventilanschlüsse, für die man Adapter verteilen muss; welcher davon wie weit verbreitet ist, kann man kaum sicher sagen. Der daraus resultierende Plastikmüll des unnötig produzierten Überschusses ist in Kombination mit riesigen Batteriemengen nichts weiter als die nächste Umweltsauerei an anderer Stelle. Das Fass der umweltschädlichen Luft- und Seelogistik sowie der knappen, konfliktbehafteten Metalle ist dabei noch gar nicht offen.

Der Vorschlag, 1,5 Millionen Thermostate in die EU zu werfen – oder gar eine Einbaupflicht in Deutschland einzuführen – und aufs Beste zu hoffen, ist nichts weiter als eine undurchdachte politische Luftnummer. Wer schon jetzt Vorlauftemperatur und Thermostate mit Bedacht einstellt, braucht keine smarten Thermostate. 200 Millionen Fleecedecken, 50 Millionen Thermoskannen und vor allen Dingen mehr Bildungsangebote in puncto Energie wären sinnvollere Investitionen – Winter is coming. (sha)