Kommentar: Fracking in Deutschland ist auch keine Lösung

Kein Platz, kein wirtschaftlicher Gewinn, kein Klimanutzen und dann auch noch der Umweltschaden. Der Aufwand für das Fracking würde sich nicht lohnen.

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Fracking-Equipment von Halliburton

(Bild: Joshua Doubek, Lizenz CC BY-SA 3.0)

Von
  • Hanns-J. Neubert

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) fordert, die umstrittene Erdgasförderung aus unkonventionellen Quellen mittels Fracking "ergebnisoffen zu prüfen". Als sei das nicht schon längst geschehen, beispielsweise durch die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) oder im Regelungspaket Fracking der drei Bundesministerien für Wirtschaft, Umwelt und Forschung der Vorgängerregierung. Dass die wichtigsten unkonventionellen Erdgasfelder in Norddeutschland liegen, kommt ihm dabei gut zupass. So braucht er in Bayern weiterhin nichts zu tun, etwa Windkraftwerke zu bauen. Schließlich gilt Erdgas ja jetzt als "Grün".

Unkonventionelles Erdgas liegt in Erdschichten von bis 3.000 Metern Tiefe, manchmal auch tiefer. Mit herkömmlichen Fördertechniken, die nur relativ leicht anzapfbare Gasblasen öffnen, ist es dort nicht erreichbar.

Über Jahrmillionen stieg hier fossiles Gas aus der Tiefe nach oben in poröses Gestein, das sich dann im weiteren Verlauf der Erdgeschichte verdichtete. Aus diesen Schichten fördert man das so genannte "Tight Gas". Schiefergas dagegen verblieb dort, wo es entstand, nämlich in Schiefergestein oder in Kohleflözen.

Nach Schätzungen der BGR liegen die Erdgasmengen aus unkonventionellen Quellen in Deutschland irgendwo zwischen 0,92 und 2,86 Billionen Kubikmetern. Damit ließen sich 20 Prozent des deutschen Erdgasbedarfs über viele Jahre sichern. Der Bundesverband Erdgas, Erdöl und Geoenergie BVEG rechnet aber, dass sich nur die Hälfte davon wirtschaftlich sinnvoll fördern ließe. Weltweit sollen diese tiefen Erdschichten noch 206 Billionen Kubikmeter an Reserven vorhalten, mehr als die Hälfte davon liegen in Russland, Iran, Katar und Turkmenistan.

Um da aber ran zu kommen, muss man das Tiefengestein brachial durch Fracking zerstören. Damit lassen sich kleine Risse erzeugen, durch die das in den Steinporen gefangene Gas an die Oberfläche strömen kann. Das Vorgehen bringt einige Nachteile für unsere Umwelt mit sich.

Nicht nur, dass für einen einzigen "Frac" 300 bis 600 Kubikmeter Wasser als Druckmittel drauf gehen, enthält dieses auch einen riskanten Chemiecocktail. Der kann aus an die Tausend verschiedenen Stoffen bestehen. Viele davon sind krankheitsauslösend, wie nicht nur eine neue Studie aus Harvard nahelegt. Es sind in erster Linie Lösungs- und Desinfektionsmittel mit exotisch klingenden Namen, wie Terpene, Glutaraldehyd, Isothiazolinone, Ethylenglycolmonobutylether, Propanol, aber auch Tenside, Schwefelwasserstoff, Salzsäure.

Ein Kommentar von Hanns-J. Neubert

Hanns-J. Neubert ist freier Wissenschaftsjournalist. Seine Schwerpunkte sind Klima- und Energiethemen. Für MIT Technology Review schreibt er wöchentlich Online-Artikel im Kontext des Klimawandels. Eine Auswahl seiner Texte:

Doch damit nicht genug: Etwa die Hälfte des eingepumpten Wassers kommt wieder hoch und spült diesen Cocktail an die Oberfläche. Dazu aber auch Substanzen, die es unter Druck aus dem Untergrund löste, wie Bromid, Chlorid, Barium und radioaktives Strontium.

Natürlich entstehen beim Fracking auch manchmal Erdbeben, so genannte induzierte Erdbeben. Wie viel und wie oft ist unbekannt. Klar ist, sie verlaufen langsamer und dauern länger als natürliche Erdbeben gleicher Stärke, wie ein deutsch-kanadisches Geologen-Team herausfand. Ein natürliches Erdbeben der Stärke 1,5 dauert beispielsweise durchschnittlich sieben Sekunden, ein induziertes mindestens zehn. Das könnte daran liegen, dass der Druck der Fracking-Flüssigkeit bereits existierende Risse noch weiter aufbricht, wodurch sich der Druck weiter ausbreiten kann. Genauso gut könnte es die Flüssigkeit selbst sein, die sich weiter in der Zielschicht ausbreitet, noch in größerer Entfernung den Druck und dort das Spannungsgefüge im Boden erhöht.

Bei derlei Umständen ist es nicht verwunderlich, dass unkonventionelles Fracking in Deutschland seit 2017 verboten ist. Bis dahin gab es etwas mehr als 300 Fracking-Aktionen. Weltweit gibt es wohl inzwischen mehr als eine Million solcher Bohrungen, die den USA vor allem kurz nach der Jahrtausendwende einen Gasboom bescherten. Vom größten Gasimporteur wurden die USA zur weltweit führenden Exportnation für Erdgas, vor Russland, Iran und China.

Um Fracking aber auch in Deutschland wieder zu beleben, dürfte schlicht und einfach der Platz fehlen. So ein Frac bleibt nämlich nicht lange produktiv. Es muss immer wieder neu nachgebrochen werden. In den USA kann man inzwischen durch fast menschenleere Landstriche fahren, wo sich über Hunderte von Kilometern hinweg Bohrloch an Bohrloch reiht, mit nur wenigen Hundert Metern Abstand. Wäre Deutschlands Untergrund ähnlich durchgefrackt, würde es eines Tages auch eng werden für Erschließung der tiefen Geothermie.

Im übrigen wäre es auch schlicht und einfach zu spät. Für die Bohrtürme, die Fracking-Chemie und die Behandlung des Rückflusswasser müsste eine ganz neue Industrie aufgebaut werden. Bis das erste Gas gefördert wird, dürften drei Jahre ins Land gehen, zehn weitere, um nennenswerte Mengen zu fördern. Das wäre dann 2035, zehn Jahre, bevor Deutschland klimaneutral sein will. Das würde sich wirtschaftlich kaum lohnen.

Alternativ auf Fracking-Gas aus den USA zu setzen, wie es Deutschland jetzt durchzieht, ist auch ein herber Rückschlag für die Klima-Ambitionen.

Denn beim Erdgas-Fracking gelangt besonders viel Methan quasi nebenbei in die Atmosphäre. Das ist, auf hundert Jahre gesehen, 28-mal stärker wirksam als CO2. Robert W. Howarth von der Cornell-Universität in Ithaka, New York, konnte durch die Analyse der Isotopenverhältnisse von 13C und 12C nachweisen, dass die steigende Methankonzentration in der Atmosphäre in der Tat der Förderung von Schiefergas zuzurechnen ist.

Zu weiteren CO2-Emissionen dürfte der Bau der Infrastruktur für die Anlandungen des tiefgekühlten, unter Druck stehenden Flüssiggases mit Schiffen führen. Einen Teil der teuer eingekauften Energie fließt auch in die Rückvergasung und die Speicherung. Hinzu kommt, dass der Bau von Terminals ja ebenfalls Energie kostet, ganz zu schweigen von Stahl und Beton, die beide bei der Herstellung reichlich CO2 emittieren.

Der einzig mögliche Schluss lautet daher: Fracking ist auch keine Lösung.

(jle)