Kommentar: Quo vadis Autodesign? Innen Biedermeier, außen Großkotzigkeit

In der gegenwärtigen Fahrzeuggestaltung überkreuzen sich zwei scheinbar gegensätzliche Tendenzen: Rückzug und Aggression.

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BMW i7

Der batterieelektrische BMW i7.

(Bild: BMW)

Von
  • Gregor Honsel

Lange habe ich gerätselt, warum Autos immer größer und schwerer werden. Praktische Gründe können es ja nicht sein. Der neue 7er-BMW hat mir nun endlich die Augen geöffnet: Irgendwo müssen die Designer ihre ganzen hypertrophen Schweller, Spoiler, Sicken und Hutzen ja schließlich unterbringen.

Jedes neue Modell noch etwas protziger und aggressiver zu machen, das ist offenbar die letzte Richtschnur einer ästhetisch vollkommen verwahrlosten Fahrzeugindustrie. Eleganz, Stil, Geschmack? Scheiß drauf. Wer Understatement will, soll halt Fahrrad fahren.

Die Entwicklung des neuen 7er stelle ich mir ungefähr so vor: Als Erstes wurde per Umfrage ermittelt, ab welcher Größe die BMW-Niere als absolut grotesk und albern empfunden wird. Dann wurde diese Größe noch einmal verdoppelt und der Rest des Autos drumherum gebaut. Das Ergebnis sieht nun aus wie ein Nacktmull im Darth-Vader-Kostüm.

Optisch nicht ganz so bizarr geraten ist der neue Mercedes EQS-SUV. Hier offenbart sich die gestalterische Schmerzfreiheit vor allem an einer Zahl: Mit Vollausstattung reicht sein Gesamtgewicht nahe an die 3,5-Tonnen-Grenze heran.

Was sagt das über die Kunden aus? Offenbar ist solch ein Macho-Mobil für manchen die letzte Möglichkeit, öffentlich herauszuposaunen, was für ein cooler Macker er doch ist. Früher wurden zu diesem Zwecke auch gerne aufgeknöpfte Hemden, Goldkettchen, Zigarren und dicke Uhren bemüht, doch damit würde man sich heute eher lächerlich machen. (Merke: Das Statussymbol von heute ist die Peinlichkeit von morgen.)

Ein Kommentar von Gregor Honsel

Gregor Honsel ist seit 2006 TR-Redakteur. Er glaubt, dass viele komplexe Probleme einfache, leichtverständliche, aber falsche Lösungen haben.

Diese neue Großkotzigkeit überkreuzt sich mit einer scheinbar gegenläufigen Entwicklung: Dem Neo-Biedermeier. Damit sind keine zeitlos designten Sofas gemeint, sondern der Rückzug ins private, häusliche, lauschige.

So gibt es beispielsweise beim 7er-BMW auf Wunsch auch "Wolle von ökologisch gehaltenen Merino-Schafen, vegane Sitzbezüge und bunt hinterleuchtete Kristallglas-Imitationen auf den Konsolen", wie Spiegel Online schreibt. Und von der Decke lässt sich ein 31-Zoll-Bildschirm herunterfahren.

Noch unverhohlener biedermeiert sich das "Audi Urbansphere Concept" bei der Kundschaft an: Auf elektrisch einstellbaren Luxussesseln, die sich um bis zu 60 Grad nach hinten neigen lassen, können sich Insassen ein "Wohlfühlprogramm mit Meditationselementen" zufächeln lassen. Vermutlich, um den Stress durch Staus und Parkplatzsuche zu kompensieren, den sie durch ihre monströse Ego-Kapsel erst mitverursacht haben.

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Je autonomer Autos werden, desto mehr wandeln sie sich von Fortbewegungsmitteln zu Exklaven des eigenen Wohnzimmers, zu mobilen Immobilien. Die böse Außenwelt mit Krieg, Klimawandel und Corona sperren diese Bollwerke der Biederkeit aus.

Der zentrale Unterschied zum historischen Biedermeier: Diese Neo-Biedermänner und -frauen zelebrieren ihren Rückzug ins Private offensiv in aller Öffentlichkeit, auf Straßen und Plätzen. Nach außen verbreiten ihre kuscheligen Kokons mit ihrer raubtierähnlichen Formensprache zwei widersprüchliche Botschaften: einerseits Einschüchterung und Dominanz, andererseits absolute Gleichgültigkeit gegenüber der Umwelt. Die aufgeblasene BMW-Niere kann man dabei durchaus als Chiffre für den ausgestreckten Mittelfinger sehen.

Lesen Sie dazu auch das Interview mit Designer-Legende Hartmut Esslinger: "Innen sieht es fast immer furchtbar aus".

(grh)