Kommentar: Stage Manager auf älteren iPads – Apple ist (doch) lernfähig

Lange erzählte uns Apple, dass es fürs Fenstermanagement unbedingt teure M1-Tablets braucht. Stage Manager auf älteren iPads ist daher eine kleine Revolution.

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Craig Federighi

Ist durchaus lernfähig: Apples mächtiger Softwareboss Craig Federighi.

(Bild: Apple)

Von
  • Ben Schwan
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Apple hat sich in dieser Woche dazu entschieden, seine iPad-Funktion Stage Manager doch auf ältere iPads zu holen. Das war ein langer K(r)ampf – zeigt aber, dass der Konzern durchaus lernfähig ist, wenn die User ausreichend Druck machen

Doch der Reihe nach. Die Arbeit mit Fenstern am Rechner ist gewiss keine neue Erfindung. Apple machte sie mit dem Mac in den Achtzigern für Normalanwender populär (bevor sie auf dem PC zum Standard wurde). Doch schon Jahrzehnte zuvor war das nützliche GUI-Element zum schnellen Wechsel zwischen Anwendungen erfunden worden, Pionier Doug Engelbart gilt als einer der Väter.

Bei Apples Megaseller-Tablet iPad werkelt man hingegen seit Erscheinen der ersten Geräte im Jahr 2010 im Vollbild, egal, wie groß der Bildschirm war. Allein Multitasking-Features wie Split View ohne freie Einstellmöglichkeiten kamen über die Jahre hinzu. Ein echtes Fenstermanagement wollte Apple anfangs nicht – wohl auch, um das iPad besser vom Mac abzusetzen.

Mit iPadOS 16 soll sich das endlich ändern. Apple bringt mit Stage Manager erstmals eine Möglichkeit auf die Geräte, Apps in einzelnen Fenstern laufen zu lassen. Die kann man in ihrer Größe verändern, sogar die zuvor furchtbar aussehenden iPhone-Apps funktionieren damit besser. Zwar ist die Bedienung aufgrund Apples spezieller Lösung anfangs etwas ungelenk, man gewöhnt sich aber schnell daran und erhöht die Produktivität. Eine Win-win-Situation also für alle, zumal die Funktion natürlich optional bleibt.

Doch auf Apples Ankündigung, die während der Entwicklerkonferenz WWDC 2022 Anfang Juni nicht ganz überraschend kam – die Gerüchteküche hatte länger Entsprechendes gemunkelt –, folgte rasch Ernüchterung: Der Konzern wollte Stage Manager anscheinend dazu nutzen, den Verkauf seiner jüngeren iPads anzukurbeln. Denn, so verkündete Softwareboss Craig Federighi ganz offiziell: Das Fenstermanagement ist derart leistungshungrig, dass nur iPads mit dem neuesten Chip, also dem M1, für Stage Manager geeignet seien.

Das hieß: Nur iPad Pro M1 von 2021 (mit 11 und 12,9 Zoll) sowie iPad Air 5 (aus dem Frühjahr 2022) sollten bereit sein für das Fensterln. Garniert wurde das von Federighi mit reichlich Technobabble: Im Gespräch mit dem IT-Blog TechCrunch sagte er, nur die M1-iPads kombinierten "die hohe DRAM-Kapazität mit NAND-Modulen sehr hoher Kapazität und hoher Leistungsfähigkeit, die unsere virtuelles Memory-Swapping [VMS] superschnell macht". Praktisch heiße das, dass sich zwischen acht Apps hin und her schalten lasse, die dann "unverzüglich responsiv" seien und "sehr viel Speicher" zur Verfügung hätten. "Diese Möglichkeiten haben wir auf anderen Systemen einfach nicht."

Die Argumentation von "Hair Force One", wie Federighi sich einst spaßeshalber selbst bezeichnete, wurde allerdings alsbald öffentlich widerlegt: Denn wie sich zeigte, sollte Stage Manager auch auf dem billigsten iPad Air 5 laufen, das zwar einen M1-Chip hat, aber eben kein VMS, weil dazu zu wenig Speicher vorhanden ist. Gleichzeitig wurde bekannt, dass es offenbar einen Switch gibt, mit dem man Stage Manager auch auf älteren ("Legacy") Geräten aktivieren kann; zumindest soll dies Apples Entwicklern möglich gewesen sein.

Dann blieb es zunächst etwas ruhig in Sachen Fensterln auf dem iPad. iPadOS 16 wurde in den Oktober verschoben, was Apple-seitig intern offenbar auch wegen weiteren Arbeiten an Stage Manager begründet wurde. Schließlich kam dann in dieser Woche der echte Hammer: Stage Manager soll nun plötzlich doch auf älteren iPads laufen.

Seitens Apple ist das eine erstaunliche Kreidefresserei. All die in Inbrunst der Überzeugung vorgetragenen Argumente gegen das Fenstermanagement auf Nicht-M1-Geräten waren offenbar falsch. Das zeigt sich schon an ersten Tests mit der jüngsten iPadOS-16-Beta, die Stage Manager für ältere Modelle bereits inkludiert: Das Fenstermanagement läuft so, wie man es sich vorstellt, höchstens klitzekleine Verzögerungen sind ab und zu spürbar, die aber auch mit dem Beta-Stand zu tun haben können. Einzig nur M1-Geräten vorbehalten bleibt die Verteilung von Fenstern auch auf externe Monitore. Das Feature hat Apple jedoch gleich ganz aus der Beta getilgt und will es jetzt "später" erneut ergänzen. Das heißt: Stage Manager hat den gleichen Stand, egal ob mit M1 oder ohne.

Ich finde es gut, dass Apple sich hier als lernfähig erweist. Es zeigt, dass man auf Druck seitens der Nutzerschaft reagiert – und das zeitnah. Trotzdem muss die Frage erlaubt sein, was der ganze Quatsch sollte. Die M1-Geräte sind mittlerweile nicht mehr besonders neu. Das iPad Pro M1 ist von 2021, wird wohl im kommenden Oktober durch das M2 ersetzt. Gut, vielleicht hätte Stage Manager jemanden angelockt, sich extra das iPad Air M1 von diesem Jahr zu kaufen. Doch alte, loyale Pro-Besitzer derart vor den Kopf zu stoßen, war von Apples Management schlicht komplett unnötig. (Vermutlich liefe Stage Manager sogar auf Standard-iPads oder dem iPad mini 6; die müssen aber weiter draußenbleiben.)

Nun arbeitet Stage Manager also brav auch auf älteren iPad-Pro-Geräten, in denen statt dem M1 ein A12X beziehungsweise ein A12Z steckt. Bis sage und schreibe 2018 geht die Unterstützung jetzt zurück! Allein das zeigt, dass die Entscheidung, Stage Manager nur M1-Geräten vorzubehalten, marketinggetrieben war. Und das muss doch nicht sein, Apple – Du wolltest doch nachhaltiger werden?

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Ein Kommentar von Ben Schwan

Mac & i-Redakteur Ben Schwan schreibt seit 1994 über Technikthemen und richtet sein Augenmerk mittlerweile insbesondere auf Apple-Geräte. Er mag das Design von Mac, iPhone und iPad und glaubt, dass Apple nicht selten die benutzerfreundlicheren Produkte abliefert. Immer perfekt ist die Hard- und Software-Welt aus Cupertino für ihn aber nicht.

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(bsc)