Kommentar: Stillstand als Fortschritt beim Jugendmedienschutz
Es wird albern: Der nĂ€chste Anlauf der BundeslĂ€nder zum Jugendmedienschutz wĂ€rmt lĂ€ngst gescheiterte Konzepte auf. Eltern sollten sich lieber selbst um den Schutz ihrer Sprösslinge kĂŒmmern.
Okay, manchmal hĂ€tte unser Ă€lterer Sohn gerne einen Papa, der sich nicht so gut mit Hau-Drauf-Games und verbotenen Webseiten auskennt. Das sagt er zumindest oft seinen Freunden. Er darf zu wenig, meint er dann. Dabei geht fĂŒr ihn sehr viel, wenn ich dabei bin, und noch einiges, wenn er alleine mit aktiviertem Blacklist-Filter surft. Informierte Eltern, geleitete Sprösslinge und brauchbare Schmutz-Abwehr-Software: Jugendmedienschutz funktioniert bei uns recht problemlos.
So ziemlich der letzte, auf den ich mich in dieser wichtigen Angelegenheit verlassen wĂŒrde, ist der Staat. Hier ein Beispiel, warum das so ist: Die Aufsichtsstelle, die ĂŒberwachen soll, welche Jugendmedienschutz-MaĂnahmen funktionieren und welche nicht, heiĂt Kommission fĂŒr Jugendmedienschutz (KJM). Erstmalig hat diese im vergangenen Jahr zwei Jugendschutz-Programme als tauglich anerkannt, nĂ€mlich die von Telekom und Jusprog. Diese beiden Filter funktionieren im Vergleich zur Konkurrenz, beispielsweise der von mir privat eingesetzten Salfeld-Software, eher mittelmĂ€Ăig, wie Tests von c't und anderen Stellen immer wieder ergeben. Nicht gerade vertrauenerweckend, finde ich. Anderen Eltern geht es wohl Ă€hnlich wie mir, denn just diese staatlich anerkannten Schutzfilter werden kaum eingesetzt.
Peinlicher Aufguss
Wenn sich nun der Staat in Form der zustĂ€ndigen BundeslĂ€nder anschickt, die Jugendmedienschutz-Regeln neu zu formulieren, sollte gesunde Skepsis vorherrschen. Zurzeit gilt ja sogar noch der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV) aus dem Jahr 2003, weil dessen Novellierung 2010 krachend gescheitert war. Was meine Kinder können, sollte der Staat auch beherrschen: Aus Niederlagen Lehren zu ziehen und beim nĂ€chsten Mal vieles besser zu machen. Was aber die Rundfunkkommission der LĂ€nder nun als Entwurf veröffentlichte, ist nicht das angekĂŒndigte neue Konzept, sondern ein peinlicher Aufguss von lĂ€ngst gescheiterten Ideen.
Website-Betreiber sollen Software-Filtern immer noch mit Markierungen signalisieren, ob sie ihre Seiten "ab 12" oder "ab 18" klassifizieren. Ein solches freiwilliges Labeling-Konzept ist auf internationaler Ebene unter dem Namen "ICRA" wirkungslos verpufft. Ausgerechnet als deutsche Insellösung im weltweiten Internet-Ozean soll es nun funktionieren, so die absurde Vorstellung der Jugendschutz-Beamten. Schon klar: Die Bikini-Fotos im Urlaubs-Fotoalbum soll der brave deutsche Homepage-Bastler klassifizieren, wĂ€hrend einen Klick weiter auf den groĂen US-Fotoplattformen wie Tumblr, imgur und Co. harter Porno ohne Label zu sehen ist. Sie haben es offenkundig immer noch nicht verstanden, dass man dem Medium Internet nicht mit Regeln aus der Rundfunk-Welt beikommen kann. Netzaktivist Alvar Freude kommentiert treffend: "Das Internet ist kein zweiter Fernseher!"
Man könnte dieses Beharrungsvermögen drollig finden, wenn nicht knallharte wirtschaftliche Interessen hinter dem staatlich verordneten Schein-Schutz stehen wĂŒrden. LĂ€ngst sind nĂ€mlich mit dem age-de.xml-Label die Alterskennzeichnungen im Web durch die HintertĂŒr eingefĂŒhrt. Weil die deutsche "Erotikindustrie" ihre ab-16-Seiten Filter-lesbar altersklassifiziert, darf sie auf die ansonsten nötige, vom Rundfunk hergeleitete Web-SendezeitbeschrĂ€nkung (!) verzichten. Damit steht sie schon heute auf der Gewinnerseite eines bizarren Jugendmedienschutz-Konzepts. Auch der Regulierungs-Wasserkopf in Form von Institutionen wie FSM, KJM und jugendschutz.net, wird profitieren und darf auf höhere monetĂ€re Zuwendungen aus den öffentlichen Töpfen hoffen â mehr Regulierung bedeutet eben auch mehr Kontrollbedarf.
Alberne VorschlÀge
Den albernen "VorschlĂ€gen zum Jugendmedienschutz" lĂ€sst sich dennoch durchaus Positives abgewinnen: Sollten die die nutzlosen Regeln Gesetz werden, wĂ€ren sie wenigstens ungefĂ€hrlich, was nicht selbstverstĂ€ndlich ist. Man stelle sich beispielsweise vor, die Jugendschutz-Beamten wĂ€ren von einem durchgeknallten CSU-Hardliner auf die Idee gebracht worden, in der Symbolpolitik-Kiste von Ursula von der Leyen zu wĂŒhlen â schwuppdiwupp hĂ€tten wir wieder eine Debatte um Provider-DNS-Sperren am Hals. Nun dĂŒrften sich allenfalls private Forenbereiber oder Blogger Ă€rgern, weil sie ihre Sites labeln und eine Beschwerde-Mailadresse einrichten mĂŒssten.
Dies lĂ€sst sich als negative Begleiterscheinung verkraften. Alles in allem schafft die Rundfunkkommission der LĂ€nder mit ihrem neuen Entwurf eine Win-Win-Situation fĂŒr alle Beteiligten: Sie selbst kommt ihrem Auftrag nach, den Jugendmedienschutz zu regeln, Ă€ndert aber in Wahrheit nichts relevantes. Die regulierte Selbstregulierung mit all ihren Gremien darf weiterhin vor sich hinwerkeln. Den Nutzern bleibt der ungefilterten Zugriff auf Inhalte erhalten. Und fĂŒr mich als Vater Ă€ndert sich nichts zum Schlechten. Genau genommen: Es Ă€ndert sich gar nichts. Ich muss nicht auf vernĂŒnftige UnterstĂŒtzung des Staates warten, sondern bleibe Herr meines eigenen hĂ€uslichen Jugendmedienschutz-Konzepts. (hob)