Kommentar: Von Wirkungsgrad und Ideologie

Über das schlichte Prinzip, Energie möglichst effizient einzusetzen, herrscht nicht mehr überall Konsens.

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(Bild: Krisana Antharith/Shutterstock.com)

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  • Gregor Honsel

Neulich habe ich auf Twitter ein lustiges neues Wort gelernt: "Wirkungsgrad-Ideologie", gerne vertreten von sogenannten "Wirkungsgrad-Aposteln". Damit sind Menschen gemeint, die es beispielsweise für eine schlechte Idee halten, elektrische Energie, statt sie direkt zu nutzen, erst (unter hohen Verlusten) in chemische Energie umzuwandeln und dann wieder (unter ebenfalls hohen Verlusten) zurück in elektrische.

Das "Grundproblem der Wirkungsgrad-Apostel" bestehe im "Denken in nationalen EE-Erzeugungspotenzialen. D ist und bleibt Energieimporteur. Solarstrom ist in anderen Regionen der Welt so billig, dass d. Wirkungsgrad bei Umwandlung in transportfähige Moleküle praktisch keine Rolle mehr spielt." So twitterte es Kurt-Christoph von Knobelsdorff, Geschäftsführer der bundeseigenen NOW GmbH ("Nationale Organisation Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie"). Sie koordiniert unter anderem die Förderung von Wasserstofftechnologie sowie den Aufbau einer Ladeinfrastruktur.

Abgesehen davon, dass ich es ziemlich bizarr finde, ausgerechnet das Beharren auf den sorgsamen Umgang mit Energie als Ideologie zu diffamieren – was ist an dem Argument dran?

Dass man in "nationalen EE-Erzeugungspotenzialen" denken sollte, halte ich ebenfalls für vollkommen unstrittig. Und in der Tat sind Erneuerbare in vielen Gegenden der Welt mittlerweile die billigste Energiequelle überhaupt. Allerdings verursachen Erneuerbare auch Kosten in Form von Naturverbrauch, Flächenbedarf sowie – nicht zu vergessen – in Form von politischer Akzeptanz, die in diesen Gestehungskosten nicht vollständig enthalten sind. Allein deshalb werden sie wohl niemals in beliebigen Mengen zur Verfügung stehen. Also gilt, es mit ihnen zu haushalten.

Zweitens gilt: Egal wie tief die Gestehungskosten des Stroms fallen werden – Umwandlung und Transport in chemische Energieträger werden immer zusätzliche Kosten verursachen. Das bedeutet: Dieser Pfad wird immer Konkurrenz zur direkten Verwendung von Strom stehen und sich daran messen lassen müssen – energetisch wie wirtschaftlich.

Ein Kommentar von Gregor Honsel

Gregor Honsel ist seit 2006 TR-Redakteur. Er glaubt, dass viele komplexe Probleme einfache, leichtverständliche, aber falsche Lösungen haben.

Drittens: Welches Problem genau sollte eine "Umwandlung in transportfähige Moleküle" adressieren? Den Klimawandel oder schlechte Gewissen mitteleuropäischer SUV-Fahrer? Dem Klima ist es egal, wo genau auf der Welt Treibhausgase eingespart werden, ob in Europa oder Nordafrika. Der zentrale Unterschied: In Nordafrika ist der Hebel größer, weil der Strom sich dort direkt ohne Umwandungs- und Transportverluste nutzen ließe, um fossile Brennstoffe zu verdrängen.

Konkret: Marokko und Algerien verbrauchen zusammen im Jahr mehr als 80 Terawattstunden Strom, von denen – trotz spektakulärer Solarkraftwerke – nur ein Bruchteil aus erneuerbaren Quellen stammt. Dazu kommen noch die ganzen fossilen Brennstoffe für Wärme und Verkehr. Erst wenn das letzte fossile Kraftwerk, der letzte Holzherd, das letzte Diesel-Taxi in Nordafrika durch CO2-freie Varianten ersetzt sind, und wenn es dann weiterhin genug Ressourcen und Akzeptanz für zusätzliche Solar- und Windparks gäbe – dann erst, und nur dann, könnte man darüber nachdenken, was man mit dem dort gewonnenen Strom sonst noch alles anfangen kann.

Nun könnte man argumentieren, dass die Energieversorgung sonnenreicher Schwellenländer nicht das Problem Deutschlands ist – schließlich hat die Bundesrepublik eigene Klimaziele nach dem Pariser Abkommen zu erreichen. Das mag sein, darf aber nicht dazu führen, effizientere Lösungen in anderen Ländern zu sabotieren, indem man ihnen den Strom wegkauft. Eine Lösung könnte darin bestehen, dass Deutschland in dortige Kraftwerke investiert oder Emissionszertifikate erwirbt (wofür der europäische Emissionshandel allerdings entsprechend ausgeweitet werden müsste). Merke: Geld lässt sich leichter transferieren als Strom oder Wasserstoff.

Wenn man das nicht will, weil man sich nicht von Dritten abhängig machen oder lieber die einheimische Industrie oder das gute Gewissen der SUV-Fahrer unterstützen möchte – auch gut, dann möge der Staat sich halt hierzulande stärker für Erneuerbare einsetzen. Mit Ideologie haben beide Varianten jedenfalls nichts zu tun. (grh)