Kommentar: Warum Facebook zerschlagen werden muss

In einem Essay gibt Mark Zuckerberg den reuigen Datenschutz-Sünder, zeigt aber letztlich nur eines: Wenn wir wirklich Privatsphäre wollen, dürfen wir einen derartigen Daten-Monopolisten nicht zulassen. Ein Kommentar von TR-Redakteur Konstantin Kakaes.

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Warum Facebook zerschlagen werden muss

(Bild: Flickr / cc-by-2.0 / www.thoughtcatalog.com)

Von
  • Konstantin Kakaes

Als Facebook im Jahr 2012 an die Börse ging, hob der Gründer Mark Zuckerberg die Mission des Unternehmens hervor, die Welt „offener und vernetzter“ zu machen. Die Wirtschaft werde authentischer, menschliche Beziehungen stärker und Regierungen stärker rechenschaftspflichtig werden, schrieb Zuckerberg. Jetzt will der CEO von Facebook einen grundlegenden Sinneswandel durchgemacht haben.

Am 6. März veröffentlichte er auf Facebook „A Privacy-Focused Vision for Social Networking“, ein Essay mit 3200 Worten. Er wolle „eine einfachere Plattform aufbauen, bei der Datenschutz an erster Stelle steht“, heißt es darin. Und scheinbar überrascht schreibt Zuckerberg weiter: „Die Menschen wollen sich im digitalen Äquivalent des Wohnzimmers auch privat verbinden“.

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Zuckerbergs Essay ist eine Machtergreifung im Deckmantel der Reue. Wenn man es sorgfältig liest, kann man gar nicht anders, als zu einer Schlussfolgerung zu kommen: Wenn unsere Privatsphäre auf irgendeine bedeutende Weise geschützt werden soll, muss Facebook zerschlagen werden.

Das Unternehmen ist so schnell so groß geworden, dass es in keine Kategorien passt. Es ist eine Zeitung. Es ist ein Postamt und eine Telefonzentrale. Es ist ein Forum für politische Diskussionen und ein Sport-Sender. Es ist ein Erinnerungsdienst für Geburtstage und ein kollektives Fotoalbum. Es ist all das gleichzeitig, und noch vieles anderes, und deshalb nichts davon.

Zuckerberg beschreibt Facebook als einen Marktplatz. Das stimmt nicht. Facebook ist ein Unternehmen, das im vergangenen Jahr mehr als 55 Milliarden Dollar Werbeeinnahmen hatte, bei einer Gewinnmarge von 45 Prozent. Das macht es zu einem der größten geschäftlichen Erfolge in der Geschichte der Menschheit. Und so muss man das Unternehmen auch verstehen.

Facebook hat die Lizenz zum Gelddrucken, weil es herausgefunden hat, wie sich Privatsphäre in bis dahin unbekanntem Ausmaß zur Ware machen lässt. Zuckerberg verdient Geld mit einer Art Arbitrage-Geschäft: Er nutzt die Diskrepanz zwischen der Menge an Daten, die ihrer eigenen Meinung nach die zwei Milliarden Facebook-Nutzer weltweit verraten, und der Menge, die er an Anzeigenkunden verkaufen kann. In seinem langen Essay sagt er nichts Substanzielles darüber, wie sein Unternehmen in der angeblichen neuen Ära weiter profitabel sein soll. Das ist einer der Gründe dafür, dass man seine Erleuchtung mit gesunder Skepsis betrachten sollte.

„Offen gestanden haben wir derzeit keine starke Reputation dafür, Services anzubieten, bei denen Daten geschützt werden“, schreibt Zuckerberg. Entscheidend aber ist nicht die Reputation von Facebook, sondern sein Geschäftsmodell. Wenn Facebook durchgängig starken Datenschutz implementieren würde, hätte Zuckerberg Anzeigenkunden abgesehen von der schieren Größe seines Publikums nicht mehr viel anzubieten. Auch damit könnte Facebook noch viel Geld verdienen, aber längst nicht mehr so viel wie bisher.

Zuckerbergs Essay ist ein Lockvogel-Trick. Im Grunde stellt er eine aufgemotzte Variante von WhatsApp vor. Einige der Ideen könnten die Mühe wert sein. Bessere Verschlüsselung kann tatsächlich nützlich sein, und das Versprechen, keine Datenzentren in repressiven Ländern aufzubauen, ist lobenswert. Andere Vorschläge von Zuckerberg aber würden seine Monopolmacht auf beunruhigende Weise stärken. Seine neuen „Plattformen für privates Sharing“ sind nicht als Ersatz für das aktuelle Angebot von Facebook gedacht, sondern als Ergänzung. „Öffentliche soziale Netze werden im Leben der Menschen weiterhin eine wichtige Rolle spielen“, schreibt Zuckerberg. Diese Aussage aber bekommt er nicht mit seiner vagen Behauptung vereint, dass „Interaktionen mit Ihren Freunden und Ihrer Familie im gesamten Facebook-Netz eine grundlegend stärker private Erfahrung“ sein werden.

Indem er Datenschutz viel zu eng fast nur als Ende-zu-Ende-Verschlüsselung versteht, die ein Abhören von Kommunikation durch Dritte verhindert, drückt sich Zuckerberg davor, über die Schwächen und Fehltritte von Facebook nachzudenken. Privatsphäre bedeutet nicht nur, Geheimnisse zu wahren. Wichtig ist auch, wie Informationsflüsse Einfluss auf uns als Individuen und Gesellschaft haben. Was wir zu wem sagen, hängt vom Kontext ab. Soziale Netzwerke verändern diesen Kontext, und auf diese Weise auch den Charakter von Privatsphäre, in guter wie in schlechter Hinsicht.

Russische Propagandistin haben Facebook genutzt, um die US-Präsidentschaftswahl 2016 zu beeinflussen, die Militärführung von Myanmar, um einen Genozid an Rohingya anzustacheln. Dies sind Folgen der Art und Weise, wie Facebook Privatsphäre abgewertet hat. Sie haben nicht mit versagender Verschlüsselung zu tun.

„Datenschutz“, schreibt Zuckerberg, „gibt Menschen die Freiheit, sie selbst zu sein“. Das ist wahr, aber auch unvollständig. Das Selbst entwickelt sich im Laufe der Zeit. Datenschutz ist nicht allein deshalb wichtig, weil er uns erlaubt, zu sein, sondern auch deshalb, weil er uns Raum gibt, um zu werden. Julie Cohen, Rechtsprofessorin an der Georgetown University, hat dazu geschrieben: „Ein Umfeld mit weniger Privatsphäre beeinträchtigt auch die Fähigkeit zur Innovation. (…) Innovation erfordert Raum zum Basteln und gelingt deshalb am besten in einem Umfeld, das solche Räume wertschätzt und erhält.“ Wenn Facebook andauernd Push-Benachrichtigungen schickt, verringert es den mentalen Raum, den man zum Basteln und für das Entwickeln eigener Ideen zur Verfügung hat. Wenn Facebook gutgläubige Nutzer mit Fehlinformationen bombardiert, ist auch das eine Verletzung der Privatsphäre. Was mit ihr in den vergangenen Jahrzehnten geschehen ist und wie man ihr den richtigen Wert zumisst – diese Fragen übersteigen offenbar Zuckerbergs Horizont.

Facebook werde „Experten befragen und über den besten Weg nach vorn diskutieren“ und Entscheidungen „so offen und kooperativ treffen, wie wir können“, weil „viele dieser Themen Einfluss auf Teile der Gesellschaft haben“, verspricht der CEO. Aber das Problem dabei ist der zentralisierte Entscheidungsprozess. Selbst wenn Zuckerberg die beste Beratung bekommt, die er mit seinen Milliarden kaufen kann, ist das Ergebnis immer noch höchst beunruhigend: Wenn sein Plan funktioniert, würde das bedeuten, dass private Kommunikation zwischen zwei Menschen möglich wird, wenn Zuckerberg findet, dass es so sein sollte, und unmöglich, wenn er dagegen ist.

Wenn das alarmistisch klingt, denken Sie kurz über die Grundsätze nach, die Zuckerberg für den neuen Datenschutz-Fokus von Facebook nennt. Der problematischste davon ist die Art und Weise, wie er über „Interoperabilität“ denkt. Zuckerberg räumt ein, dass Menschen eine Wahl unter verschiedenen Messaging-Diensten haben sollten: Manche nutzen Facebook Messenger, andere bevorzugen WhatsApp, wieder andere Instagram. Jeden einzelnen davon zu nutzen, ist umständlich, schreibt Zuckerberg, also sollte es möglich sein, Nachrichten zwischen diesen Diensten zu verschicken.

Allerdings wäre es gefährlich, so Zuckerberg weiter, Kommunikation außerhalb der Kontrolle durch die „Sicherheits- und Schutzsysteme von Facebook“ zuzulassen. Das soll heißen, dass wir gern jeden beliebigen Messaging-Dienst nutzen können, solange er zu unserem Schutz von Facebook kontrolliert wird. Zuckerberg argumentiert für eine immer engere Integration der unterschiedlichen Bereiche von Facebook.

Monopolmacht ist selbst bei Unternehmen problematisch, die nur viel Geld mit dem Verkauf von Geräten verdienen: Sie gibt ihnen die Möglichkeit, übermäßigen Einfluss auf Regulierungsbehörden auszuüben und Verbraucher über den Tisch zu ziehen. Aber bei einem Unternehmen wie Facebook ist sie besonders heikel, denn sein Produkt ist Information.

Aus diesem Grund sollte Facebook zerschlagen werden. Das würde nicht jede der schwierigen Fragen klären, die seine Existenz aufwirft. So lässt sich nicht leicht sagen, wie man Meinungsfreiheit schützen, aber zugleich Hassrede und absichtliche Fehlinformationen verhindern kann. Aber eine Zerschlagung von Facebook würde Raum dafür schaffen, Lösungen zu entwickeln, die für die Gesellschaft insgesamt sinnvoll sind, nicht nur für Zuckerberg und die anderen Facebook-Aktionäre.

Ein notwendiger erster Schritt wäre mindestens die Abspaltung von WhatsApp und Instagram von Facebook. Das würde das Unternehmen kleiner machen, und somit weniger mächtig bei Verhandlungen mit anderen Unternehmen und Behörden. Monopole sammeln schlicht zu viel politische und wirtschaftliche Macht an, als dass im demokratischen Prozess noch ein Gleichgewicht bei Fragen wie Privatsphäre gefunden werden kann. Diese Erkenntnis hat Louis Brandeis schon vor einem Jahrhundert formuliert, in jüngerer Vergangenheit wurde sie vom Rechtsprofessor Tim Wu, dem Journalisten Franklin Foer und anderen aufgegriffen.

Verräterisch dabei: Die Macht von Zuckerberg ist derart groß geworden, dass er gar nicht für erforderlich hält, seine Ambitionen zu verstecken. „Wir können“, so schreibt er, „Plattformen für privates Sharing aufbauen, die für die Menschen noch wichtiger werden könnten als die Plattformen, die wir bereits aufgebaut haben, um sie bei offenerem Teilen und Verbinden zu unterstützen.“

Aber nur, wenn wir ihn lassen.

(sma)