Kommentar: Warum Öko-Label für Geldanlagen so wichtig sind

Wirklich nachhaltige Geldanlagen zu finden, ist kompliziert. Die EU hätte mit ihrer Taxonomie Transparenz schaffen können. Doch diese Chance hat sie verspielt.

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(Bild: nuruddean / Shutterstock.com)

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  • Gregor Honsel

Die EU-Kommission will Atomkraft und Erdgas für nachhaltig erklären. Was das aus energiepolitischer Sicht bedeutet, hat mein Kollege Wolfgang Stieler bereits kommentiert. Ich möchte hier einen anderen Aspekt beleuchten: die Folgen für "grüne" Geldanlagen.

Der Gedanke hinter der sogenannten "Taxonomie" ist es, eine Art Öko-Label für Geldanlagen zu schaffen. So ein Siegel tut dringend Not, denn wer versucht, sein Geld halbwegs unschädlich und trotzdem profitabel anzulegen, der findet sich schnell in einem Gewirr aus Intransparenz und Zielkonflikten wieder.

Es beginnt damit, den Begriff "nachhaltig" überhaupt zu umreißen. In der Finanz-Branche hat sich dazu das Kürzel "ESG" durchgesetzt: Environmental, Social, Governance. Das bedeutet unter anderem: Die entsprechenden Firmen sollen nicht nur umweltfreundlich wirtschaften, sondern auch ihre Mitarbeiter anständig behandeln und sich gegen Korruption einsetzen. Es gilt also, ganz schön viel unter einen Hut zu bringen.

Ein Kommentar von Gregor Honsel

Gregor Honsel ist seit 2006 TR-Redakteur. Er glaubt, dass viele komplexe Probleme einfache, leichtverständliche, aber falsche Lösungen haben.

Daraus ergibt sich ein Zielkonflikt: Je enger man diese Kriterien fasst, desto weniger Unternehmen bleiben übrig. Eine breite Streuung ist aber, predigen Berater immer wieder, das A und O einer robusten Geldanlage. Oft versuchen Fonds deshalb einen Spagat zwischen Breite und Nachhaltigkeit: Sie schließen bestimmte Branchen aus – etwa Glücksspiel und Rüstung – und picken sich aus allen anderen Branchen die Unternehmen heraus, die sie für die nachhaltigsten halten. Dieser "Best in class"-Ansatz kann allerdings dazu führen, dass in angeblichen Nachhaltigkeitsfonds auch Mineralöl-Unternehmen auftauchen. Zudem herrscht über die Best-in-Class-Einstufung wenig Einigkeit. So findet sich beispielsweise praktisch jeder große Nahrungsmittelhersteller – ob Nestlé oder Danone, ob Pepsi oder Coca Cola – in irgendeinem ESG-Fonds wieder.

Fokussieren sich Fonds hingegen nur auf bestimmte Branchen – etwa Erneuerbare Energien – sind diese extrem volatil und konjunkturabhängig. Dafür brauchen Anlegerinnen und Anleger starke Nerven.

Erschwerend kommt hinzu, dass es kaum zu durchschauen ist, wie streng oder locker ein Fonds die ESG-Kriterien auslegt. Die Selbstbeschreibung im Verkaufsprospekt bietet dafür allenfalls vage Anhaltspunkte. Das gilt besonders für die preiswerten ETFs (Exchange Traded Funds). Hier gibt es keinen Fondsmanager, der aktiv entscheidet, welche Unternehmen er aufnimmt. Stattdessen bildet der Fonds passiv bestimmte Indizes ab, zum Beispiel den MSCI World oder seine deren mehr oder minder nachhaltigen Ableger. Nach welchen Kriterien diese Indizes zusammengestellt werden, ist nur nach intensiver Recherche in Erfahrung zu bringen. Wenn überhaupt.

Wer sich sein gutes Gewissen etwas kosten lassen will, kann auch in aktiv gemanagte Fonds investieren. Das ist natürlich auch Vertrauenssache. Bei Fondsgesellschaften, die "Öko" bereits groß im Namen tragen, darf man wohl darauf hoffen, dass dort Überzeugungstäter am Werk sind. Allerdings lassen sich diese ihre Dienste üppig entlohnen: Die Fonds von Ökoworld etwa sind mit einem Ausgabeaufschlag von bis zu fünf Prozent und einer jährliche Verwaltungsgebühr von bis 2,5 Prozent selbst im Vergleich zu anderen aktiven Fonds ziemlich kostspielig.

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Wer stichprobenartig die Zusammensetzung einschlägiger Fonds oder ETFs überprüft, wird eine bemerkenswerte Entdeckungen machen: Die größten Anteile machen oft Digitalkonzerne wie Microsoft, SAP, Nvidia, Telekom, Alphabet, Amazon oder Apple aus. Das ist einerseits logisch, weil diese im Verhältnis zu ihrem Umsatz weniger CO2 erzeugen als etwa ein Stahlhersteller. Aber andererseits ist es fraglich, ob ein Investment in diese üblichen Verdächtigen wirklich dem Klima dient. Möglicherweise wäre der Hebel bei einem Stahlwerk größer – dann nämlich, wenn sich Fonds als Vertreter der Anteilseigner für eine umweltfreundlichere Unternehmenspolitik einsetzen. Was allerdings nicht alle gemanagten Fonds tun. Und ETFs schon gleich gar nicht.

Es hilft also nichts: Anlegerinnen und Anleger müssen sich selbst Gedanken machen über ihr Renditeziel, ihr Sicherheitsbedürfnis und ihre Schmerzgrenze bei den ESG-Kriterien. Aber ein einheitliches europäisches Siegel könnte zumindest mehr Transparenz in die Sache bringen. Doch wenn Erdgas und Atomkraft einbezogen werden, verliert das Siegel seinen Wert. Institutionelle Anleger könnten sich dann zwar auf die Position zurückziehen, sich zumindest formal an Nachhaltigkeitsregeln zu halten.

Tatsächlich aber ist auch die Finanzbranche damit offenbar nicht glücklich. Und Privatanleger müssen weiterhin im Nebel nach geeigneten Anlagen fischen. Eine gewisse Hilfe bieten zwar Portale wie Cleanvest, Finanztest, Morningstar, Ecoreporter und das Forum Nachhaltige Geldanlagen, aber es bleibt mühselig. Hier hat die EU eine große Chance verspielt.

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(grh)