Kommentar: Was wirkliche Technologieoffenheit für die Gasbranche bedeuten würde

„Technologieoffenheit“ ist zum Kampfbegriff verkommen. Doch nimmt man ihn ernst, dürfte das Ergebnis denen am wenigsten gefallen, die ihn am liebsten nutzen.

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(Bild: the blowup / Unsplash)

Von
  • Gregor Honsel

Das Recherchezentrum Correctiv ist der Frage nachgegangen, welchen Einfluss die Gaslobby auf die deutsche und die europäische Wasserstoffstrategie hat. Überraschung: Einen gewaltigen.

"Bei der Umsetzung der nationalen Wasserstoffstrategie wird die Bundesregierung vom Wasserstoffrat beraten. Er besteht zum Großteil aus Experten und Expertinnen mit wirtschaftlichen Interessen: Zu den 26 Mitgliedern gehören 15 Gasunternehmen und -netzbetreiber, der Vorsitzende der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, sieben Personen aus der Wissenschaft und zwei aus Nichtregierungsorganisationen", schreibt Correctiv – und zitiert Nina Katzemich von der NGO Lobbycontrol mit den Worten: "Die industrielastige Zusammensetzung birgt die große Gefahr, dass weniger die Rolle von Wasserstoff für den Klimaschutz diskutiert wird – sondern eher, wie die verschiedenen Industrien von ihm profitieren können."

Ein Kommentar von Gregor Honsel

Gregor Honsel ist seit 2006 TR-Redakteur. Er glaubt, dass viele komplexe Probleme einfache, leichtverständliche, aber falsche Lösungen haben.

Aus meiner eigenen Erfahrung mit der Gas-Branche kann ich das zumindest teilweise bestätigen: Vieles dreht sich um die Frage, wo man „sauberes“ Methan beziehungsweise „sauberen“ Wasserstoff herbekommt (wie auch immer das genau definiert sein mag). Das ist aus Sicht der Branche verständlich, schließlich ist ihr Geschäft der Handel mit Gasen. Und nicht immer steht reines Profitinteresse oder Greenwashing dahinter – so zumindest mein subjektiver Eindruck.

Das eigentliche Problem liegt woanders: im System. Was wir – als Kunden und als Gesellschaft – wollen, ist schließlich kein Gas. Sondern Wärme, Elektrizität, Mobilität. Über welche Pfade sie hergestellt werden, ist erst einmal egal, solange sie so günstig und klimafreundlich wie möglich sind. Und genau hier öffnet sich die Schere zwischen Branchen- und Gesellschaftsinteressen: In der Gasbranche laufen alle Pfade über irgendeine Form von Gas.

Wie lässt sich das ändern? Meiner Meinung nach mit echter Technologieoffenheit. Der Begriff wurde in letzter Zeit zwar stark in der Debatte um die Elektromobilität strapaziert und instrumentalisiert. Und der Bundesverband Erdgas, Erdöl und Bioenergie (BVEG) schreibt: "Gelebte Technologieoffenheit schafft Raum für Wasserstoff-basierte Techniken, alternative (synthetische) Kraftstoffe, den Ausbau der Geothermie und vieles mehr."

Klingt gut, aber was genau ist damit gemeint? „Echte“ Technologieoffenheit bedeutet für mich: Alle konkurrierenden Technologien, ob Wasserstoff, Methan oder Strom, müssen sich am gleichen Maßstab messen lassen. Und dieser Maßstab muss das eigentlich zu erreichende Ziel sein, nicht irgendein Zwischenschritt dorthin.

Konkret bedeutet das beim Beispiel der Mobilität: Mit welchem Ausstoß an Treibhausgasemissionen, mit welchem Verbrauch an Rohstoffen, mit welchen weiteren sozialen Folgen und zu welchen Kosten lassen Menschen von A nach B bringen? Noch konkreter: Was ist die Well-to-Wheel-Bilanz und die Total Cost of Ownership pro Personenkilometer über die gesamte Lebensdauer eines Fahrzeugs hinweg?

Das ist natürlich leicht hingeschrieben. In der Praxis aber dürfte die Antwort beliebig komplex werden, wenn man nur tief genug hineinbohrt. Doch es gibt genug Möglichkeiten, ihr auch ohne ausufernde Bilanzierungsbürokratie zumindest nahezukommen: Zum Beispiel müsste auch die Vorkette der Benzin- und Dieselproduktion auf die CO2-Flottenbilanz der Autohersteller angerechnet werden („Well-to-Tank“) – und auf alle anderen finanziellen und rechtlichen Regulierungen. Diese Vorkette kann laut Wuppertal-Institut bei Benzin knapp 30 Prozent und bei Diesel gut 15 Prozent der gesamten Emissionen ausmachen. Im Moment zählt allerdings nur „Tank-to-Wheel“.

Im Gegenzug müsste auch die Well-to-Wheel-Bilanz des Ladestroms bei E-Autos einfließen. Und natürlich der Ressourcenverbrauch bei der Herstellung. Im Moment geht weder das eine noch das andere in die Rechnung ein. Dass man in beiden Fällen nur mit Schätzungen, diskutablen Annahmen und Mittelwerten wird arbeiten können, ist nicht schön. Aber immer noch besser, als diese Faktoren schlicht zu ignorieren.

Besonders groß ist der Hebel für eine Well-to-Wheel-Betrachtung – und nun kommen wir wieder auf die Gasbranche zurück – beim Thema Methan. Denn schon bei der Produktion können, je nach Fördermethode, etwa 1,5 bis 3 Prozent entweichen, wie eine Metastudie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) festgestellt hat. Und da Methan ein erheblich wirksameres Treibhausgas als CO2 ist, wird es eng für die Klimabilanz.

Unter dem Strich weise Erdgas zwar immer noch einen „Klimavorteil im Vergleich zur Verstromung von Kohle“ auf, schreibt die BGR. „Dennoch stellen Methanemissionen in der Erdgasvorkette einen relevanten Faktor bei der Klimaerwärmung dar.“ Eine Reduktion dieser Emissionen durch „regulatorische und technische Maßnahmen“ könne „relativ schnell“ zu einer verminderten Klimaerwärmung führen.

Fließen all diese Faktoren fair in eine Beurteilung der verschiedenen Energiepfade ein, ist nichts gegen Technologieoffenheit einzuwenden. In letzter Konsequent bedeutet das aber auch: Erdgas muss, so wie Strom heute schon, ein Zertifikat bekommen, das genau aufschlüsselt, mit welchem Methanschlupf und welchen sonstigen Emissionen der gelieferte Kubikmeter produziert wurde. Aber das wird die Gaslobby vermutlich zu verhindern wissen.

(grh)