iPadOS – Oft aufgeschoben, aber bislang nicht abgehoben

Die Veröffentlichung von iPadOS soll auf den Oktober geschoben werden. Was wie eine Kleinigkeit wirkt, wirft Fragen zu Apples Verhältnis zur iPad-Software auf.

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iPad Pro 2021
Von
  • Malte Kirchner

Es mutete vielversprechend an: Als Apple vor drei Jahren, im Jahr 2019, die Entwicklung der Betriebssysteme von iPhone und iPad in iOS und iPadOS aufteilte, witterten die iPad-Jünger Pro-Luft. Bereits im Jahr 2017 warb Apple in Werbespots mit einem Kind, das auf seinem iPad Pro arbeitete und auf die Nachfrage einer Nachbarin, was es denn auf seinem Computer mache, antwortet: Was ist ein Computer?

Während also die Hardware des iPad Pro Apples Anspruch, einen vollwertigen Computer ersetzen zu können, schon seit Jahren immer näher kam, blieb die Software allerdings hinter den Erwartungen zurück. Wirkliches Multitasking, richtige Fensterfreiheit und Multiuser-Betrieb blieben Luftschlösser. Alles Merkmale, die nach dem bisherigen Verständnis einen richtigen Computer ausmachen. Apples Computer-Werbespot bekam dadurch aus Sicht der Kritiker eine andere Lesart: Hatte Apple selbst womöglich auch vergessen, was ein Computer ist?

Ein Kommentar von Malte Kirchner

Malte Kirchner ist seit 2022 Redakteur bei heise online. Neben der Technik selbst beschäftigt ihn die Frage, wie diese die Gesellschaft verändert. Sein besonderes Augenmerk gilt Neuigkeiten aus dem Hause Apple. Daneben befasst er sich mit Entwicklung und Podcasten.

Nicht mal iPad-Versionen von Apples eigener Profi-Software – Logic Pro für Audio-Produktionen und Final Cut Pro für Video – gönnt Cupertino bislang den iPad-Usern. Tim Cook, der erklärtermaßen auch ein begeisterter iPad-Pro-Nutzer ist, holte im Einführungsfilm sogar höchstselbst den M1-Chip aus dem Mac-Entwicklungslabor, um ihn ins iPad Pro einzupflanzen. In die Softwareabteilung von Craig Federighi bog er allerdings auf dem Weg dorthin nicht ab.

Die Abspaltung von iOS wirkte da wie ein Befreiungsschlag. Statt "Fürs iPad haben wir auch noch was" war die Hoffnung, dass die Abkoppelung von iOS Alleingänge möglich macht, die voll und ganz dem iPad zugutekommen.

Im Jahr 2022 fällt die Bilanz durchwachsen aus. Ja, es gibt Lichtblicke: Der Stage Manager und seine deutlich flexiblere Fensterverwaltung sind ein großer Schritt in die richtige Richtung. Auch das Anschließen eines externen Monitors an das iPad macht nun mehr Freude, weil die eigenwillige Darstellung mit schwarzen Seitenbalken mit iPadOS 16 im Herbst endlich entfallen soll. Aber eigentlich war das alles längst überfällig und der M1, der auch im Mac seine Arbeit verrichtet, mit der Maximal-zwei-Apps-gleichzeitig-Welt des iPads völlig unterfordert.

Apple ist es trotz allem nicht gelungen, dem Gefühl etwas entgegenzusetzen, dass das iPad in Sachen Software insgesamt nachrangig behandelt wird. Die wenigen Akzente auf dem iPad wie die Zweitmonitor-Funktion Sidecar bezahlen iPad-Nutzer stattdessen mit deutlich längerem Warten auf neue iOS-Funktionen, die sie jetzt nicht mehr automatisch bekommen.

Dazu zählt in diesem Jahr etwa der neue Sperrbildschirm mit den Widgets. Wo, wenn nicht auf dem Riesen-Bildschirm des iPads wäre das eine Wonne gewesen. Stattdessen schauen iPad-Nutzer noch ein Jahr in die Röhre, bekommen gerade mal eine neue Schriftart für die Uhrzeit-Anzeige, bevor Apple die Einführung dann 2023 vermutlich als großen Zugewinn feiert.

Genauso ist es nämlich bei der App-Mediathek und den Widgets auf dem Homescreen gewesen – beide gab es fürs iPhone bereits mit iOS 14. iPad-Nutzer mussten bis iPadOS 15 warten. Und das, obwohl beide Features dem iPad noch viel besser zu Gesicht stehen als dem kleinen Bildschirm des iPhones.

Jetzt ist bekannt geworden, dass Apple angeblich die Veröffentlichung von iPadOS 16 um einen Monat nach hinten geschoben haben soll. Während das neue macOS immer schon länger auf sich warten ließ, rücken nun auch die iPad-Nutzer in die zweite Release-Reihe.

Wenn man positiv denkt, könnte das natürlich auch die engere Verbindung zwischen iPad und Mac zum Ausdruck bringen. Einige hoffen darauf, dass der Stage Manager nach der Kritik daran, dass er ein M1-iPad erfordert, weiter nach unten geöffnet wird. Die Argumentation Apples, dass die neue Funktion nur mit neueren Geräten realisiert werden kann, wurde rasch brüchig.

Ich habe eher den Eindruck, dass das Wunschdenken ist und iPad-Nutzer immer noch dazu neigen, einfach nicht glauben zu wollen, dass das iPad in Sachen Software bei Apple schlichtweg nicht vorn mitspielt. Wie gerne würde ich im Oktober feststellen, dass ich mich getäuscht habe.

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(mki)