Kommentar zum iPhone 14: Apple zieht die Pro-Schrauben an

Wer in jeder Disziplin das beste iPhone möchte, muss draufzahlen. Deutlicher als in diesem Jahr hat Apple das selten zum Ausdruck gebracht.

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(Bild: Apple)

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  • Malte Kirchner
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Zu den bestgehüteten Geheimnissen Apples, die selbst Leaker wie Ming-Chi Kuo oder Mark Gurman bislang nicht enthüllen konnten, zählen die Konferenzen, in denen die Funktionen des nächsten iPhones festgelegt werden. Es müssen intensive, kontroverse Beratungsgespräche sein, in denen entschieden wird, wie "professionell" ein Pro-Gerät sein muss, damit es attraktiv genug für die Käufer ist, den Aufpreis zu zahlen. Und wie viel weniger ein Standard-Modell des iPhones haben darf, damit es nicht als zu abgeschlagen gilt und zum Ladenhüter wird.

Ein Kommentar von Malte Kirchner

Malte Kirchner ist seit 2022 Redakteur bei heise online. Neben der Technik selbst beschäftigt ihn die Frage, wie diese die Gesellschaft verändert. Sein besonderes Augenmerk gilt Neuigkeiten aus dem Hause Apple. Daneben befasst er sich mit Entwicklung und Podcasten.

Beim iPhone 14 – das wissen wir nun seit dem Apple-Event vom 7. September nicht mehr nur gerüchtehalber – obsiegten jene, die sich für ein starkes Pro-Modell eingesetzt haben. Die Zeiten, in denen eine zusätzliche Kamera und ein größeres Display als herausragendste Unterschiede genügen, sind vorbei. In etlichen Disziplinen ist das iPhone 14 Pro auf den ersten Blick besser, aber auf jeden Fall anders als das Standardmodell.

Warum Apple das so macht? Nun, es wird wohl mit der konjunkturellen Ausnahmesituation zu tun haben, der sich die Kalifornier wie die gesamte Tech-Welt gegenübersehen. Apple muss sich darauf einstellen, dass die Gerätekäufe rückläufig sein werden – egal, wie attraktiv das neue iPhone ist. Apple baut ins iPhone 14 neue Notfall-Funktionen wie Satelliten-SOS und Aufprallerkennung ein – aber tatsächlich benötigt das Unternehmen in Cupertino für dieses Jahr selbst einen Notfallplan, um den Umsatz zu retten.

In den USA sind die Preise gleich geblieben, in Europa kosten die iPhones je nach Modell zwischen 100 und 150 Euro mehr. Inflation und steigende Energiepreise lassen aber wenig Spielraum für deutlichere Preiserhöhungen, obwohl die jetzt für das weitere Wachstum oder sogar das Halten des bisherigen Umsatzes in Apples Bilanz wichtiger denn je wären. Wenn es den Menschen gut geht, ist es einfacher, mal eben den Preis fürs iPhone hochzusetzen. Natürlich wird gemurrt und gemeckert, aber weiterhin fleißig gezahlt, wenn der Euro oder Dollar lockerer sitzt.

In diesem Jahr wird das anders sein. Und so ist die Strategie, attraktivere Pro-Modelle zu bauen, eine kluge: Wer nicht bereit oder in der Lage ist, den Aufpreis zu zahlen, kann immer noch ein zeitgemäßes neues iPhone erwerben. Keiner wird ausgeschlossen, weniger Käufe gehen verloren. Aber der Leidensdruck ist für all jene, die das aktuell Beste haben wollen, größer geworden. Und jedes anstelle des Standard-Modells mehr verkaufte Pro-Gerät hilft Apple letztlich, seine Bilanz zu verbessern.

Der genauere Blick auf die neuen Modelle offenbart allerdings, dass in dem vermeintlichen Mehrwert der Pro-Modelle auch viel Psychologie hineinspielt. Dass Apple erstmals den aktuellsten Chip, den A16, den Pro-Modellen vorbehält und die Standard-Modelle den A15 des Vorjahres in sich tragen, ist ein mächtiges Zeichen für die aufgehende Schere zwischen Standard und Pro. Für den Nutzer ist es in der Realität in den meisten Fällen aber völlig unerheblich, da der A15 für die Funktionen des iPhone 14 vollkommen ausreichend ist und außer in irgendwelchen Benchmarks kaum jemand einen Unterschied spüren wird.

Auch die Vorteile der neuen Pille – von Apple schwungvoll Dynamic Island genannt –, die nun vom Displayrand abgekoppelt ist oder des Always-on-Displays bei den Pro-Modellen sind auf den ersten Blick vor allem kosmetischer Natur. Bereitet es wirklich einen Unterschied, ob das Display ständig etwas anzeigt, wo doch so viele mit einer Apple Watch längst ein Immer-an-Display am Arm tragen? Zuallererst tragen die beiden neuen Features vor allem zur optischen Unterscheidbarkeit zwischen Vorjahresmodell und aktuellem Modell bei und nun eben auch zwischen Standard- und Pro-Modell-Käufern. Und ja, die neuen Notifikationen sehen sehr schick aus. Der tatsächliche Nutzwert wird von Nutzer zu Nutzer unterschiedlich sein.

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Der wirklich große Unterschied zwischen den Klassen liegt einmal mehr in der Kamera. Hier sind Standard- und Pro-Varianten schon länger weiter auseinander. Der neue 48-Megapixel-Sensor bei den Pro-Modellen ist ein weiterer Schritt in diese Richtung. Passionierte iPhone-Fotografen, die den ganzen Werkzeugkasten haben wollen, kommen am Pro nicht vorbei, auch wenn das Standard-Modell bessere Low-Light-Fähigkeiten als bisher bekommt.

Immerhin – zumindest in einem Punkt bekommen Käufer des Standard-Modells etwas geboten, was es bislang nur für Pro-Käufer gab: Mit dem iPhone 14 Plus wurde der oft gehörte Wunsch erfüllt, das größte Display auch dann bekommen zu können, man nicht für den gesamten Pro-Funktionsumfang zahlen möchte. Bislang war hierzu der Kauf des iPhone 13 Pro Max nötig. Das hat viele geärgert und würde in diesen Zeiten vermutlich Liebhaber großer Bildschirme zum Kauf von Androidgeräten bewegen, da dort große Bildschirme günstiger zu bekommen sind. Gerade in diesen Zeiten wäre es für Apples Bilanz gut, wenn das nicht passiert. Und dass das iPhone 14 Plus obendrein die längste Akkulaufzeit haben soll, holt auch einige Kritiker ab.

In die Zukunft gerichtet stellt sich die Frage, ob die Schere zwischen Standard und Pro künftig noch weiter aufgeht. So wie beim iPhone Mini, das nach zwei Auflagen jetzt in der 14-er-Generation wieder verschwunden ist, darf sicherlich auch das aktuelle neue Gefüge als Testlauf gesehen werden. Apple könnte in ein oder zwei Jahren auch rasch das Standard-Modell wieder etwas mehr zum Pro aufschließen lassen, was dann obendrein eine gute Begründung liefern würde, den Mindestpreis erneut zu erhöhen. Auch hier darf davon ausgegangen werden, dass man sich in der Entscheidungskonferenz in Cupertino dazu sicher schon einige Gedanken gemacht hat.

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(mki)