Pro & Contra: Kann die Corona-Warn-App helfen?

Die offizielle Corona-Warn-App setzt auf die Tracing-Frameworks von Apple und Google. Aber ist sie wirklich wirksam bei der Eindämmung der Pandemie?

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Artikel aus Mac & i Heft 3/2020, Seite 7.

Thomas Kaltschmidt meint, dass die Corona-Warn-App helfen wird, die Pandemie beherrschbarer zu machen.

Die Corona-Pandemie wird die Welt noch eine ganze Zeit lang beschäftigen. Daher braucht es die Corona-Warn-App, um kleinere und größere Rückschläge im Zuge weiterer Lockerungen zu bewältigen. Die Gesundheitsämter müssen beim Rückverfolgen der Kontakte erkrankter Personen entlastet und potenziell Infizierte schneller gewarnt werden.

Wahrscheinlich wird die App zwar einige False Positives erzeugen und Menschen unnötigerweise in Quarantäne oder zum Testen schicken. Aber das finde ich nicht so tragisch und kann bei der aufwendigeren Kontaktverfolgung durch Menschen auch passieren. Es wäre aber doch verrückt, die technische Infrastruktur nicht zu nutzen: Fast alle Deutschen tragen ständig ein Smartphone mit Internet-Zugang bei sich – von jung bis alt.

Natürlich wurde Bluetooth LE nicht für die Abstandsabschätzung entwickelt, aber es ist, wie ein Experte sagte, “die beste schlechte Lösung”, die wir haben. Erst durch die Mitarbeit von Apple und Google kann die App die Bluetooth-Kalibrierungsdaten der unterschiedlichen Gerätetypen nutzen, was die Genauigkeit erhöht, und Bluetooth im Hintergrund nutzen. Das Exposure-Notification-Framework, das die beiden IT-Giganten gemeinsam entwickelt haben, gibt gleichzeitig eine datenschutzfreundliche Lösung vor und bootete die weit umfangreichere zentrale Datensammlung aus, die einige Länder zunächst präferierten (siehe Mac & i Heft 3/2020, Seite 138).

Seit Apple an Bord ist, vertraue ich darauf, dass die Daten vor dem Missbrauch durch Fremde geschützt sind. Die offizielle, deutsche App war zum Redaktionsschluss noch nicht fertig, aber für mich sieht es so aus, dass sie gut wird. Wer möchte, kann die Diskussionen, Anforderungen und den Sourcecode auf Github begutachten; mehr Transparenz geht nicht. Am wichtigsten aber und für eine hohe Akzeptanz der App in der Bevölkerung unerlässlich: Einen Zwang zur Nutzung wird es nicht geben – ein Anlass weniger für absurde Verschwörungstheorien. (thk)

Eine App könnte vermeintlichen Schutz suggerieren und Menschen unvorsichtiger machen, glaubt Wolfgang Reszel.

Ich kann den Wunsch, die Ausbreitung des Corona-Virus durch eine einfache technische Lösung zu bremsen, durchaus verstehen. Dank der rigiden Vorgaben von Google und Apple sowie der Entwicklung als Open Source dürften zumindest die wichtigsten Sicherheits- und Datenschutzbedenken aus dem Weg geräumt sein.

Da aber jede Regierung ihre eigene App basteln lässt, endet der Schutz voraussichtlich an der jeweiligen Landesgrenze (Stand 3.6.2020). Reisende fallen mit ihrer Heimat-App also durchs Raster des Aufenthaltslandes.

Eine Warn-App kann Abstandhalten, Rücksicht und häufiges Händewaschen sowieso nicht ersetzen. Schlimmer noch: Ich befürchte, dass sich Menschen mit dem Corona-Warner in der Tasche sicherer oder gar geschützt fühlen und sich dann rücksichtslos verhalten, gebotene Schutzregeln gar gänzlich ignorieren. Bereits seit der Maskenpflicht lässt sich beobachten, dass einige Zeitgenossen nun weniger Abstand halten, wieder scharenweise einkaufen und sich in größeren Gruppen treffen.

Damit solche Apps überhaupt etwas bringen, müssen genug Leute sie installieren. Die Regierung und das RKI haben einiges an Vertrauen verspielt, indem sie zunächst mit fragwürdigen Ideen wie zentraler Kontaktdatenspeicherung, Handyortung und GPS-Tracking negative Schlagzeilen machten. Die kürzlich bekannt gewordene Sicherheitslücke im Bluetooth-Protokoll wird ebenfalls einige verunsichern und eventuell von der Installation abhalten. Außerdem ist die Kontaktermittlung via Bluetooth ungenau und fehleranfällig. Jedes Smartphone-Modell verhält sich anders und auch der ausgeklügeltste Algorithmus wird nicht verhindern können, dass sich jemand unnötigerweise in Quarantäne begibt oder – viel schlimmer – keine Warnung erhält.

Die Tracing-App bringt neue Unwägbarkeiten ins Spiel und könnte von der wichtigsten und effektivsten Maßnahme ablenken: den Kontakt mit anderen solange auf das Nötigste zu beschränken, bis ein Impfstoff verfügbar ist. (wre)

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