Pro & Contra: Weg mit alten Apps?

Apple wirft Apps, die schon länger nicht mehr aktualisiert wurden, aus dem Store. Ist das wirklich nötig?

Lesezeit: 5 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 63 Beiträge
Von
  • Holger Zelder
  • Wolfgang Reszel

Apple hat kürzlich Entwickler mit über zwei Jahre nicht mehr gepflegten Apps angeschrieben und gebeten, diese zu aktualisieren. Dabei setzte Apple eine Frist von zunächst 30 Tagen, die der Konzern nach Protesten auf 90 Tage verlängerte. Danach sollen die Programme aus dem App Store verschwinden, sofern die Entwickler nicht zur Tat schreiten. Laut Apple sind nur selten geladene Apps betroffen. Ob sie noch funktionieren, wird nicht geprüft.

Gefunden in Mac & i 3/2022

Die Maßnahme soll die Auffindbarkeit von Apps verbessern und der Sicherheit dienen. In den vergangenen sechs Jahren habe Apple fast 2,8 Millionen Apps entfernt. Aber macht das den App Store wirklich besser?

Holger Zelder glaubt, dass die Aufräumaktion die Qualität im App Store verbessern wird.

Es wird wirklich Zeit, im App-Store auszumisten, denn er quillt vor alten Programmen geradezu über. Suche ich etwa nach einer Tank-App für günstige Spritpreise, tauchen etliche auf, deren letzte Updates Jahre zurückliegen. Wenn Apps regelmäßig aktualisiert werden, kann ich davon ausgehen, dass Sicherheitslücken geschlossen oder Fehler beseitigt wurden. Schließlich geben die wenigsten Entwickler in der Beschreibung zu, dass sie ihre App nicht mehr pflegen.

Apple empfiehlt in den Richtlinien für Entwickler schon seit 2016, Apps regelmäßig zu aktualisieren oder aus dem Store zu nehmen, sobald diese nicht mehr gepflegt werden. Der Konzern steht damit nicht allein da: Google will etwa verwaiste Android-Programme aus den Suchergebnissen entfernen, wenn diese noch alte Schnittstellen nutzen. Immerhin hat Apple die Frist von 30 auf 90 Tage erhöht, in denen Entwickler einen Rauswurf per Update verhindern können.

Nach eigenen Angaben will Apple auch nur solche Apps aus dem Store nehmen, die in den letzten drei Jahren nicht mehr aktualisiert und zudem im letzten Jahr nicht mehr oder nur selten heruntergeladen wurden. Neue Kunden dürften die Entwickler somit kaum verlieren. Als Store-Betreiber hat Apple jedes Recht, Ladenhüter aus dem Sortiment zu werfen. Und Nutzer, die eine App bereits heruntergeladen haben, können diese auch weiterhin verwenden.

Apps sind keine gedruckten Bücher, sie müssen immer wieder an ihre Plattform angepasst werden. Denn Apple überarbeitet iOS oft, ändert Frameworks, fügt etwa wichtige Privacy-Funktionen für mehr Datenschutz hinzu oder ändert die Darstellung, wenn ein neues iPad oder iPhone auf den Markt kommt. Alt-Apps funktionieren nur, solange jede neue iOS-Version alte Programmbibliotheken und Softwareschnittstellen mitschleift. Das mag eine Zeit lang gut gehen. Bei einer größeren Änderung wird eine App aber vielleicht instabil oder startet gar nicht erst. Wenn die Entwickler erst dann handeln, vergraulen sie viele Kunden. Wer möchte denn einen Store voll App-Zombies? (hze)

Für Wolfgang Reszel sollte Apple lieber den Store verbessern, statt grundlegende Probleme zu kaschieren.

Auf mich wirken Apples Kriterien realitätsfremd. Es gibt zahlreiche Apps, die auch nach Jahren ohne Update einwandfrei oder mit tolerablen Einschränkungen wie schwarzen Balken auf aktuellen Geräten funktionieren. So manche App kommt ohne Internetverbindung aus und birgt somit kaum ein Sicherheits- oder Datenschutzrisiko. Auch eine geringe Verbreitung taugt nicht als Löschkriterium, schließlich gibt es auch Nischen-Apps mit kleiner Zielgruppe.

Am schmerzhaftesten ist für viele sicher der Rauswurf alter Spiele. Damit vernichtet Apple ein Stück digitaler Zeitgeschichte. Games haben meist ein eigenes Interface und setzen weniger auf Apples UI-Frameworks. Viele Indie-Spiele sind vollendete Werke, die keine Updates mehr benötigen. Sollen Neukunden nur noch aktuelle Titel spielen dürfen? Das einzige sinnvolle Rauswurfkriterium wäre für mich, dass eine App tatsächlich nicht mehr funktioniert – auch nicht auf Altgeräten. Aber dafür müsste Apple sie sich anschauen: Den Personalaufwand und die Kosten möchten sie wohl vermeiden.

Wenn Apple mit der Aktion einen besseren Store schaffen will, wirkt das für mich wie ein Feigenblatt. Denn der App Store bleibt auch danach schlecht sortiert. Trotz Apples rigoroser Putzaktionen finde ich genug abgehangene Apps, Copycats oder schlichten Schrott vor, in deren Masse die wahren Perlen untergehen. Abseits der langweiligen, kuratierten Entdecken-Listen muss ich nämlich die Suchfunktion nutzen. Und die ist seit Bestehen des Stores ein Witz. Zwar kann ich etwa nach Erscheinungsdatum sortieren, doch konkret angezeigt bekomme ich es nirgendwo. Ob eine App häufig oder wann zuletzt sie aktualisiert wurde, muss ich mir mühevoll zusammensuchen. Auch kann ich nicht einfach alle Apps herausfiltern, deren Updates länger als ein Jahr her sind oder die nur mit älteren Systemen kompatibel sind. Selbst Naheliegendes wie das Ausblenden schlecht bewerteter Apps geht nicht.

Also, Apple: Statt uns zu bevormunden, gebt uns lieber die passenden Werkzeuge für mündige Entscheidungen an die Hand. Macht den App Store endlich zum Besten am Markt und packt alten Kram doch einfach in eine Legacy-Sektion – gerne mit Warnhinweis. (wre)

Wer hat Recht? Diskutieren Sie mit!

Zuletzt bei Pro & Contra: Sollte Apple die AirTags einstellen?

Mehr von Mac & i Mehr von Mac & i

(wre)