Schulstart kommt so plötzlich wie Schnee: Überforderung der Lernplattformen

IServ, Moodle, Mebis, egal – der digitale Unterricht ist noch immer ein ziemlicher Totalausfall. Und niemand will die Verantwortung dafür tragen.

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(Bild: Screenshot Netzwelt Störungsmeldungen.)

Von
  • Eva-Maria Weiß

Die Schule geht wieder los. Damit konnte man (zumindest viele anscheinend) wirklich nicht rechnen. Das ist fast wie der Schneefall, der so gerne die Bahn aus der Bahn wirft, so wahnsinnig überraschend, dass alles im Chaos versinkt. Tausende Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte versuchten sich heute und in den vergangenen Tagen auf den verschiedenen Lernplattformen anzumelden, viele scheiterten daran.

Nun liegt das weniger an der immer wieder den Lehrerinnen und Lehrern vorgeworfenen fehlenden digitalen Kompetenz, es liegt an den Lernplattformen. Die konnten offenbar nicht mit solch einem Ansturm zum Schulstart rechnen. Oder etwa doch? Ach ja, in Deutschland kann es Schneefall geben. In Deutschland gibt es einen Starttermin für Schulen und auch bekannt ist die Anzahl der Schülerinnen und Schüler, die auf die Plattformen angewiesen sind. Wieso gibt es dann also derart viele Ausfälle?

Nachdem bereits vergangene Woche in einigen Bundesländern der Lernkatastrophenfall eingetreten war, glänzten diesen Montag die nächsten Anbieter mit Totalausfall. IServ wirbt auf seiner Webseite mit 20 Jahren Erfahrung und 4502 zufriedenen Schulen sowie 2.317.892 zufriedenen Benutzer(innen). Die hatten heute aber allesamt keinen Zugriff auf Videokonferenzen. In der Mail einer Schulleitung an das Kollegium, die heise online vorliegt, heißt es:

"Es gibt aktuell allgemeine Probleme mit dem Modul IServ Videokonferenz und es ist nicht möglich Konferenzen zu eröffnen oder beizutreten. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, den Fehler zu beheben, und werden diese Nachricht aktualisieren, sobald wir genauere Informationen haben. Ein individuelle Kontaktaufnahme Ihrerseits ist nicht nötig und würde nur zu Verzögerungen in unserem Support führen."

Bei Netzwelt lag der Spitzenwert der Störungsmeldungen am Vormittag bei 3403. Fraglich, ob das nur zufriedene Schulen und Benutzerinnen und Benutzer hinterlässt. Immerhin sollen sich die Mails haben abrufen lassen. Auch 2021 scheint das keine Selbstverständlichkeit bei Lernplattformen zu sein.

Auch erstaunlich: "Lernplattform Mebis läuft vorerst ohne Probleme". Das titelte die Nachrichtenseite Nordbayern.de. Trotz der Einschränkung in der Überschrift ist es schon ein Treppenwitz, dass das Funktionieren eines Internetportals des bayerischen Kultusministeriums einen Nachrichtenwert hat – statt selbstverständlich zu sein.

Ein Kommentar von Eva-Maria Weiß

Eva-Maria Weiß hat an der Universität Wien Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Medienpsychologie studiert und arbeitet seither als Journalistin.

Vergangene Woche hatten Mebis, Lernsax in Sachsen und der Lernraum in Berlin Probleme gemacht. Dabei hieß es vonseiten der sächsischen Plattform, dass der Grund keine Kapazitätsprobleme gewesen seien, sondern ein technisches Problem im Rechenzentrum. In Hamburg mussten hingegen die Server-Kapazitäten aufgerüstet werden. Schulen, die veraltete, schuleigene Server nutzen, seien verpflichtet worden, kurzfristig neue Hardware zu erwerben. Nicht vor dem Ende der Weihnachtsferien, sondern am zweiten Tag nach Schulstart.

Warum nun auch IServ bei den Videokonferenzen in die Knie ging, hat heise online erfragt und wartet auf die Antwort. Das Moodle-basierte System Logineo in Nordrhein-Westfalen soll ebenfalls einige Ausfälle hingelegt haben. Doch das Bildungsministerium hat der dpa gesagt: Bis dato gebe es aber keine Rückmeldungen, dass größere Probleme mit Moodle in NRW aufgetreten seien. Viele Schulen benutzen aber auch andere Systeme, auf die das Ministerium keinen Einfluss habe.

"Keinen Einfluss" – auf die eigenen Schulen. Dass jedes Bundesland bei der Digitalisierung der Schulen und Lehr- und Lernmittel selbst aussuchen und entscheiden muss, ist bereits mehrfach kritisiert worden. Dass ein Ministerium nun aber behauptet, keinen Einfluss zu haben und damit die Schuld für Probleme abwälzt, die eigentlich hauseigene sind, ist absurd. Es sollte dringend mal jemand einen ganz generellen Einfluss nehmen auf dieses Chaos. Es kommt nun wirklich nicht überraschend.

(emw)