Statt Feiertag für den Konsum: Zeit für den Repair Friday

Lieferengpässe auf der einen, Rabattschlacht auf der anderen Seite – der Black Friday 2021 könnte ein Anlass zum Umdenken sein, findet c’t-Redakteur Jan Mahn.

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(Bild: Arthimedes / Shutterstock.com)

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  • Jan Mahn

Immer dreht sich alles nur ums Einkaufen – sei es zu Black Friday, Weihnachten oder Ostern. Doch wieso nicht einfach mal Reparieren und Weiterverwenden statt immer Neues zu kaufen? Darum dreht sich unsere Artikelserie"Reparieren und Upcycling".

Heute ist es wieder soweit: Sie sind gefordert! Als Mensch, Europäer und Konsument. Der internationale Warenfluss ist ins Stocken geraten und Sie sind dran, das zu ändern. Pandemie und Lieferkettenprobleme setzen der globalen Wirtschaft genauso zu wie dem lokalen Einzelhändler. Und nur Sie können beiden helfen, also konsumieren Sie, schließlich gibt es auch satte Rabatte und Black Friday ist nur einmal im Jahr!

Ein Kommentar von Jan Mahn

Jan Mahn ist seit 2017 bei der c't. Er beschäftigt sich mit den Tücken von Windows- und Linux-Servern, Docker und dem vernetztem Zuhause.

Ich für meinen Teil kann und werde der Wirtschaft dieses Jahr nicht helfen, schlicht weil ich nichts Neues brauche. Das Alte ist ja noch gut und aus dem Black Friday mache ich dieses Jahr einen Repair Friday. Mein in die Jahre gekommenes iPhone 8 hat einen krächzenden Schaden am oberen Lautsprecher, das Ersatzteil und der Pentalob-Schraubendreher liegen schon bereit. Nimm das, Apple! Dieses Jahr bekommt ihr mein Geld noch nicht.

Reparieren kann man durchaus zum politischen, ökologischen, sozialen oder antikapitalistischen Akt des Protests machen und das zelebrieren – das bleibt jedem selbst überlassen. Wenn Sie mögen, twittern Sie #RepairFriday mit einem schönen Reparaturfoto und sagen dem ungezügelten Konsum heute, am Welttag des Neukaufens, den Kampf an.

Sie können den Repair Friday aber auch still und nur für sich selbst begehen: Denn wenn Totgesagtes wieder läuft, erfüllt Sie das noch Jahre später mit Freude und Sie behandeln den ehemaligen Patienten fortan viel respektvoller. Wenn ich den mittlerweile fast 10 Jahre alten Flachbildfernseher sehe, dem ich vor acht Jahren mit einer neuen TV-Kabel-Buchse für 7 Cent und etwas Lötzinn das Leben gerettet habe, denke ich gern daran zurück, wie er damals offen auf dem Tisch lag und wie ich die mechanisch unterdimensionierte abgebrochene Original-Buchse ausgelötet habe.

Letzter Patient auf meiner Elektronik-Werkbank war ein Handmixer von Krups. "Made in the Republic of Ireland" steht auf der Unterseite, gefertigt in den 1970ern, einer Zeit, als Irland noch als Niedriglohn- und nicht als Niedrigsteuerparadies für US-Tech-Konzerne bekannt war. Und jetzt verweigerte er also den Dienst, der Motor wollte nicht mehr laufen, brummte nur – nach nicht mal 50 Jahren. Das ist ja kein Alter, zumindest nicht in geologischen Zeiträumen. Und für solche ist ist das robuste orangefarbene Gehäuse aus zähem Kunststoff zweifelsohne gemacht.

Mein Ehrgeiz war geweckt, dieser Mixer durfte noch nicht sterben und nach dem Öffnen offenbarte sich schnell, was nötig sein würde, um ihn für die nächsten 50 Jahre frisch zu machen: Eine Grundreinigung (ein Pfund Mehl hatte sich über die Dekaden den Weg durch die Lüftungsschlitze gebahnt und im Motorraum angereichert), neue Kohlen für den Motor, etwas Fett für das Getriebe und bei der Gelegenheit ein neuer Entstörkondensator, immerhin zeigte der alte schon eine auffällige Beule und war dem Tod näher als dem Leben. Ergebnis der ersten Kostenschätzung: 2 Stunden Arbeit, Teile im Gesamtwert von 15 Euro mit Versand.

Mehl und Kohlestaub im Gehäuse, kein Fett im Getriebe: Nach einer Grundreinigung, Fettung sowie Tausch von Kondensator und Kohlen läuft der Mixer wieder wie am ersten Tag.

Am Versand führt hier kein Weg vorbei. Wenn man auf der Suche nach einem Entstörkondensator für den 50 Jahre alten Handmixer ist, lernt man auch, was der vielgescholtene Online-Handel zur Rettung der Welt beitragen kann. Wohl dem, der einen lokalen Händler kennt, der das Bauteil F1740-370-5529 von ERO im neuwertigen Zustand aus der Schublade ziehen kann. Die allermeisten werden indes auf einen Händler zurückgreifen müssen, der das historische Teilchen bei Ebay oder Amazon feilbietet und im gepolsterten Briefumschlag verschickt.

Schwerpunkt: Reparieren

Nach Teiletausch und Grundreinigung schnurrte der Mixer wieder, nichts anderes hatte ich erwartet. Die neuen Kohlen im Motor haben sich mittlerweile eingelaufen, das Getriebe läuft leise und nichts spricht dagegen, dass er seine nächste Generalüberholung in 50 Jahren noch erlebt. Ob sich das wirtschaftlich gelohnt hat? Einen neuen Mixer desselben Herstellers gibt es – ohne Black-Friday-Super-Rabatt – ab 50 Euro. Für Material musste ich die geplanten 15 Euro investieren. Und die Arbeitszeit stelle ich mir selbst ja nicht in Rechnung. Und genau da liegt das Problem: Einen Reparaturbetrieb werden Sie nicht finden, der dieses Gerät wirtschaftlich wieder instandsetzt. Für eine Stunde Arbeit muss der 60 bis 80 Euro verlangen und am Ende noch mindestens ein Jahr Gewährleistung auf die Reparatur geben. Kein gutes Geschäft für beide Seiten. Wer nicht wegschmeißen will, muss jemanden kennen oder selbst zum Reparateur werden.

Wer ein bisschen technisches Verständnis mitbringt, und das dürften die meisten sein, die bis hierhin gelesen haben, können die Kulturtechnik Reparieren erlernen. Am Anfang steht meist die Angst – aber kaputtmachen können Sie nichts, was Sie schon vorher für kaputt befunden haben. Für elektrotechnische Laien gilt lediglich: Finger weg von 230 Volt! Mit Unwissenheit können Sie sich und andere ernsthaft gefährden. Steigen Sie mit Elektronikproblemen im Kleinspannungsbereich ein. Die mit Abstand häufigste Fehlerursache sind dort geplatzte Kondensatoren. Wie Sie die austauschen, lesen Sie in einem ausführlichen Praxisartikel. Teures Werkzeug für die Elektronikwerkstatt braucht man nicht gleich zu Beginn. Eine gute Lötstation – und die gibt es auch gebraucht – sollte aber unbedingt bereitstehen. Ein Oszilloskop ist dann was für fortgeschrittene Problemsucher.

Schwerpunkt Upcycling

Zur Reparierkarriere gehören aber auch Rückschläge. Manches lässt sich selbst dann nicht mehr sinnvoll reparieren, wenn man beliebig viel Zeit reinsteckt. Bevor die Elektronik die letzte Reise zum Wertstoffhof antritt, kann man sie immer noch anderweitig benutzen. Alte Mobiltelefone zum Beispiel kann man mit etwas Kreativität auch anders nutzen, als der Hersteller gedacht hatte.

Also: Schraubendreher raus und reparieren. Black Friday mag nur einmal im Jahr sein, Repair Friday können Sie jede Woche feiern. Zur Not auch an einem Samstag oder Mittwoch.

(jam)