Totalüberwachung durch die Hintertür – Apples fataler Sündenfall

Apple kündigt mit CSAM-Scanning eine Art Totalüberwachung für Kinderschutz an. Und schafft damit einen fatalen Präzedenzfall, kommentiert Jürgen Schmidt

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(Bild: Gerhard Gellinger, gemeinfrei)

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  • Jürgen Schmidt

"Es ist eine absolut entsetzliche Idee, weil sie zu einer verteilten Massenüberwachung unserer Telefone und Laptops führen wird", kommentiert Security-Koryphäe Ross Anderson Apples neuesten Vorstoß in Sachen "Sicherheit". Der Kryptografie-Professor Matthew Green warnt vor einem Dammbruch. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Außer natürlich:

"LASST DIESEN SCHEISS!!!"

[Ergänzung: Es geht dabei nicht darum, dass Apple auf seinen Servern nach Kinderpornos sucht und diese der Polizei meldet. Das machen alle Diensteanbieter wie Google, Microsoft oder Facebook. Es geht darum, dass Apple jetzt sogar auf den iPhones seiner Kunden nach diesen Bildern suchen will. Heimlich im Hintergrund ohne Wissen des Besitzers laufen da dann spezielle Suchprogramme auf den Geräten. Ständig und ohne besonderen Anlass, bei jedem und jeder. Das ist neu. Und es ist erschreckend.]

Ausgerechnet der IT-Konzern, der sich gerne mit dem Image der Verteidiger unserer Privatsphäre schmückt, lässt sich damit vor den Karren des Überwachungsstaats spannen. Es geht beim iPhone-Scanning nach Kinderpornos um nichts weniger als im System verankerte Wanzen, die permanent auf unseren Geräten nach inkriminierten Inhalten suchen! Wonach die dabei genau suchen, ist natürlich geheim. Aber was kann da schon schiefgehen?

Ein Kommentar von Jürgen Schmidt

Jürgen Schmidt - aka ju - ist leitender Redakteur von heise Security und Senior Fellow Security bei heise. Von Haus aus Diplom-Physiker, arbeitet er seit über 15 Jahren bei Heise und interessiert sich auch für die Bereiche Netzwerke, Linux und Open Source.

Nein, es genügt nicht, das im Ungefähren zu lassen. Ich zähle lieber ein paar Dinge auf, die da schiefgehen werden:

0) Nachdem zunächst nur Bilder in der Cloud gescannt werden, wird das Verfahren auf alle Inhalte ausgeweitet. Sonst macht das ganze gar keinen Sinn.

1) Die Liste der Dinge, nach denen da gesucht wird, wird kontinuierlich erweitert. Anfänglich ist das Kinderpornografie – wie immer, wenn man einen möglichst breiten Konsens für neue Überwachungsmöglichkeiten braucht. Dann sucht man nach Terroristen, Menschenhändlern, Drogen-Dealern und so weiter und so fort. Das sind zumindest die vorgeblichen Ziele. Heimlich überwacht werden wir natürlich alle – ständig.

2) Staaten fordern und bekommen Einfluss auf die Suchkriterien und natürlich Zugriff auf die damit ausgelösten Alarme. Also nicht nur die USA und Deutschland. Sondern auch China, Russland, Ungarn, Belarus, Saudi-Arabien und so weiter. Schließlich müsse sich eine Firma doch an geltendes Recht halten. Und der Hersteller will natürlich weiterhin seine Gerätschaften verkaufen.

3) Andere Hersteller ziehen nach und bauen ähnliche Funktionen ein. Und irgendwann wird diese Form der Überwachung sogar vorgeschrieben. Und warum sollte man das auf Smartphones und Notebooks beschränken? Warum nicht auch Kameras und Spielekonsolen überwachen? Das komplette Internet der Dinge wird ein einziger Überwachungsalbtraum.

4) Es werden Möglichkeiten gefunden, das Suchverfahren zu hacken. Also gezielt Bilder oder Dokumente zu erstellen, die zwar eigentlich harmlos sind, aber trotzdem einen Treffer auslösen. Und die wird man Leuten unterjubeln, um diese zu diskreditieren.

Unsere Handys und Computer mit einer permanenten Überwachungsfunktion auszustatten, die dem Hersteller ein wie auch immer geartetes Fehlverhalten meldet, ist eine schreckliche Idee. Es ist ein Dammbruch, der zu einer bisher nie dagewesenen Totalüberwachung führen wird. Wer so etwas auch nur in Erwägung zieht, muss massiven Gegenwind bekommen.

Deshalb jetzt alle:

"APPLE, LASST DIESEN SCHEISS!"

Update 7.August 2021, 9:40: Ergänzung hinzugefügt, die das Besondere dieser Maßnahme von Apple noch genauer erklärt.

(ju)