US-Abtreibungsverbot: Wie sicher sind die Daten in Perioden-Trackern noch?

Die Periode tracken – das geht ganz einfach am Handy. Angesichts der politischen Entwicklung in den USA und anderswo sollte die Nutzung genau abgewogen werden.

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(Bild: Illustration: Anna Niedhart)

Von
  • Julia Kloiber

"Wenn Sie in den Vereinigten Staaten leben und eine App zum Tracking Ihrer Periode benutzen, ist heute ein guter Tag, um sie zu löschen", twitterte Eva Galperin von der Electronic Frontier Foundation. Damit war sie eine von vielen.

Ihr Aufruf ist eine Antwort auf die landesweite Aufhebung des Rechts auf Schwangerschaftsabbruch durch den Obersten Gerichtshof der USA. Die Befürchtung: Die in den Apps gespeicherten Daten könnten in Zukunft von Strafverfolgungsbehörden gegen Menschen verwendet werden, die sich für eine Abtreibung entscheiden. Wie eine Besessene las ich fast jeden Bericht zu dem Thema. Ich wollte nicht wahrhaben, dass es im 21. Jahrhundert zu solch massiven Einschränkungen von Rechten kommt.

Wer denkt, die USA seien weit weg und die von mir skizzierte Gefahr für Europa nicht real, der muss nur über die Grenze nach Polen schauen. Die Regierung unseres Nachbarlandes hat Abtreibungen verboten und angekündigt, ein Schwangerschaftsregister einzuführen. Doch in Zeiten der beispiellosen digitalen Überwachung, braucht es kein eigens eingerichtetes Schwangerschaftsregister, um Menschen auszuspionieren.

Die Europäische Kommission hat am 11. Mai einen Gesetzesentwurf vorgelegt, der Anbieter von E-Mail-, Messenger- und Chatdiensten dazu verpflichten soll, sämtliche Kommunikation in Echtzeit zu überwachen. Chatkontrolle, nennt sich dieser massive Privatsphäreneingriff. Man will damit den Kampf gegen die Darstellung sexueller Gewalt gegen Kinder im Internet verschärfen. Doch ist das Werkzeug erst einmal eingeführt, könnte es für alles Mögliche verwendet werde. Regierungen könnten Tech-Unternehmen dann gesetzlich dazu verpflichten, nach Beweisen für Vergehen zu suchen. Nach Menschen, die abtreiben lassen, zum Beispiel.

Auch ich tracke meine Periode digital. Die Rechnung ist einfach: Circa alle vier Wochen beginnt die Blutung, in der Mitte erfolgt der Eisprung. Eigentlich ziemlich banale Daten. Neben der monatlichen Blutung können auch Geschlechtsverkehr, Stimmungsschwankungen, Libido, Konsistenz des Ausflusses, Gewicht, Alter, Standort und vieles weitere erfasst werden. Diese Daten sind wertvoll für die Nutzenden und die Werbetreibenden zugleich.

Denn daraus lässt sich nicht nur ablesen, wann jemand menstruiert, sondern auch, ob sich diese Person ein Baby wünscht oder ob sie es vermeiden will, schwanger zu werden. Bares Gold, wenn man Babyartikel, Fruchtbarkeitspillen oder Verhütungsmittel verkaufen will.

Julia Kloiber arbeitet als Mitgründerin der feministischen Organisation Superrr Lab an gerechten und inklusiven digitalen Zukünften.

(Bild: Oliver Ajkovic)

Ganze Businessmodelle basieren auf den Daten menstruierender Menschen. Wenn die Unternehmen ihre Services in der EU anbieten, kann man zwar davon ausgehen, dass sie sich an die strenge Datenschutzgrundverordnung halten – In der Theorie, ja. In der Praxis habe ich so meine Zweifel.

Meine Zweifel werden von einer Untersuchung der NGO Eticas bestätigt. Sie hat zwölf populäre Menstruationstracker unter die Lupe genommen: Fast alle Dienste erheben unnötige personenbezogene Daten und geben Daten an Dritte weiter, oft zu kommerziellen Zwecken. In einigen Fällen geben die Apps Informationen nur weiter, wenn die Nutzenden ihr Einverständnis geben. Doch wie viel von uns lesen sich kryptische Texte zu den Nutzungsbedingungen durch, bevor wir auf "akzeptieren" klicken?

Den App-Anbietern nützt mein Periodentracking mehr als mir selbst. Deshalb wechsle ich auf einen nicht-kommerziellen Dienst, der die Daten verschlüsselt auf meinem Telefon speichert. Die App heißt Drip und wurde von Aktivistinnen entwickelt, die für Zeiten wie diese vorgesorgt haben.

Die Debatten aus Polen und den USA machen eines deutlich: So banal manche Daten scheinen mögen, so brisant können sie werden, wenn sich das politische Klima dreht. Bleibt die Frage: Ist heute auch für Menschen in Europa ein guter Tag, um ihre Periodentracker zu löschen? Nein. Heute ist ein guter Tag, sich für Menschenrechte stark zu machen und Vorhaben wie die Chatkontrolle zu verhindern.

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(tkn)