Über die Gefahren von Kryptowährungen und die Nutzlosigkeit von Blockchain

Blockchain-Systeme tun nichts von dem, was ihre Verfechter behaupten; in einigen sehr wichtigen Punkten sind sie zudem nicht sicher, sagt Bruce Schneier.

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(Bild: Novikov Aleksey/Shutterstock.com)

Von
  • Bruce Schneier

Anfang Juni haben andere Kryptoexperten und ich einen Brief an den US-Kongress geschrieben, in dem wir im Wesentlichen sagen, dass Kryptowährungen ein komplettes und totales Desaster sind, und den Kongress auffordern, diesen Bereich zu regulieren. Der Inhalt dieses Briefes ist nichts Ungewöhnliches und deckt sich mit dem, was ich schon 2019 über Blockchain geschrieben habe. Als Antwort darauf hat Matthew Green geschrieben – nicht wirklich eine Widerlegung, sondern eine "allgemeine Antwort auf einige der häufigsten falschen Einwände [...], die Leute gegen öffentliche Blockchain-Systeme vorbringen". Darin macht er mehrere allgemeine Punkte geltend:

  • Aktuelle Proof-of-Work-Blockchains wie Bitcoin sind schrecklich für die Umwelt. Aber es gibt andere Methoden wie Proof-of-Stake, die das nicht sind.
  • Eine Blockchain ist ein nicht manipulierbares Logbuch, das es unmöglich macht, bestimmte Transaktionen rückgängig zu machen. Das heißt aber nicht, dass es nicht ein Governance-System auf der Blockchain geben kann, das Rückabwicklungen ermöglicht.
  • Bitcoin ist nicht skalierbar und die Gebühren sind zu hoch. Aber das ist nichts, was der Blockchain-Technologie inhärent ist – Bitcoin hat nur eine Reihe schlechter Design-Entscheidungen getroffen.
  • Blockchain-Systeme können etwas oder viel Privatsphäre bieten, je nachdem, wie sie konzipiert und implementiert sind.
Ein Kommentar von Bruce Schneier

(Bild: 

Rama, CC-BY-SA-2.0-fr

)

Bruce Schneier ist ein international anerkannter Verschlüsselungs- und Security-Experte. Mit seinem seit 1998 monatlich erscheinenden Newsletter Crypto-Gram hat er sich einen Namen in der Security-Szene gemacht, hat zahlreiche Bücher geschrieben, ist Vorstandsmitglied der EFF und Dozent an der Harvard Kennedy School.

Es gibt nichts auf dieser Liste, dem ich nicht zustimme. Wir können uns aber darüber streiten, ob Proof-of-Stake tatsächlich eine Verbesserung ist. Ich bin skeptisch gegenüber Systemen, die ein "Wer das Gold hat, bestimmt die Regeln"-System der Governance verankern. Und in dem Maße, in dem eine dieser Skalierungslösungen funktioniert, untergraben sie die Dezentralität, die Blockchain für sich beansprucht.

Aber ich denke auch, dass diese Verteidigungen weitgehend am Thema vorbeigehen. Für mich besteht das Problem nicht darin, dass Blockchain-Systeme etwas weniger schrecklich gemacht werden können, als sie es heute sind. Das Problem ist, dass sie nichts von dem tun, was ihre Verfechter behaupten. In einigen sehr wichtigen Punkten sind sie nicht sicher. Sie ersetzen kein Vertrauen durch Code; tatsächlich sind sie in vielerlei Hinsicht weit weniger vertrauenswürdig als Nicht-Blockchain-Systeme. Blockchains sind nicht dezentralisiert, und ihre unvermeidliche Zentralisierung ist schädlich, weil sie weitgehend emergent und schlecht definiert ist. Sie haben immer noch vertrauenswürdige Vermittler, oft mit mehr Macht und weniger Kontrolle als Nicht-Blockchain-Systeme. Sie erfordern nach wie vor Governance. Sie benötigen immer noch Regulierung. Das Problem mit der Blockchain ist, dass sie keine Verbesserung für irgendein System darstellt - und oft alles noch schlimmer macht.

In unserem Brief an den US-Kongress schreiben wir: "Die Blockchain-Technologie ist von ihrer Konzeption her für so ziemlich jeden Zweck, der derzeit als aktuelle oder potenzielle Quelle öffentlichen Nutzens angepriesen wird, schlecht geeignet. Von Anfang an war diese Technologie eine Lösung auf der Suche nach einem Problem und hat sich nun an Konzepten wie finanzieller Eingliederung und Datentransparenz festgebissen, um ihre Existenz zu rechtfertigen, obwohl es bereits weitaus bessere Lösungen für diese Probleme gibt. Trotz mehr als dreizehnjähriger Entwicklungszeit weist sie schwerwiegende Einschränkungen und Konstruktionsfehler auf, die fast alle Anwendungen ausschließen, die mit öffentlichen Kundendaten und regulierten Finanztransaktionen zu tun haben, und die keine Verbesserung gegenüber bestehenden Nicht-Blockchain-Lösungen darstellen."

Green antwortet: "'Öffentliche Blockchain'-Technologie ermöglicht viele dumme Dinge: Die heutigen Kryptowährungssysteme können käuflich, korrupt und zu viel versprechend sein. Aber die Kerntechnologie ist absolut nicht nutzlos. Ich glaube sogar, dass es auf diesem Gebiet einige ziemlich aufregende Dinge gibt, auch wenn die meisten davon weiter von der Realität entfernt sind als ihre Befürworter zugeben würden." Ich habe noch keine gesehen. Genauer gesagt kann ich keine Blockchain-Anwendung finden, deren Wert irgendetwas mit dem Blockchain-Teil zu tun hat, die nicht sicherer, zuverlässiger und einfach besser wäre, wenn man den Blockchain-Teil entfernen würde. Ich behaupte, dass noch nie jemand gesagt hat: "Ich habe ein Problem. Sieh mal, Blockchain ist eine gute Lösung." In jedem Fall lautete der Auftrag: "Ich habe eine Blockchain. Sieh mal, es gibt ein Problem, für das ich sie einsetzen kann." Und in keinem einzigen Fall hat sie tatsächlich geholfen.

Kann mir bitte jemand eine Anwendung zeigen, bei der die Blockchain unerlässlich ist? Das heißt, ein Problem, das ohne Blockchain nicht zu lösen gewesen wäre und jetzt mit ihr gelöst werden kann. "Ransomware könnte es nicht geben, weil Kriminelle die herkömmlichen Finanznetze nicht nutzen können und Barzahlungen nicht möglich sind" zählt nicht.

So beklagt Green beispielsweise, dass "die Gebühren für den Handel mit Kreditkarten ähnlich hoch sind oder in den Vereinigten Staaten seit den 1990er Jahren sogar gestiegen sind". Das stimmt zwar, hat aber wenig mit technologischen Ineffizienzen oder bestehenden Vertrauensverhältnissen in der Branche zu tun. Es liegt daran, dass so ziemlich jeder, der es kann und darauf achtet, 1 Prozent auf seine Einkäufe zurückbekommt: in Form von Bargeld, Vielfliegermeilen oder anderen Affinitätspunkten. Green hat Recht damit, wie ungerecht das ist. Es handelt sich um eine regressive Subvention, "da diese Gebühren in die Kosten der meisten Einzelhandelsgüter einkalkuliert sind und somit vor allem die armen Erwerbstätigen treffen (die sie auch dann zahlen, wenn sie Bargeld verwenden)". Aber das hat nichts mit dem Fehlen einer Blockchain zu tun, und die Lösung dieses Problems wird durch die Einführung einer Blockchain nicht erleichtert. Es handelt sich um ein regulatorisches Problem. Von einigen Ausnahmen abgesehen haben die Kreditkartenunternehmen die Händler erfolgreich unter Druck gesetzt, die gleichen Preise zu verlangen, unabhängig davon, ob jemand bar oder mit einer Kreditkarte bezahlt. Peer-to-Peer-Zahlungssysteme wie PayPal, Venmo, MPesa und AliPay umgehen alle diese hohen Transaktionsgebühren, und keines von ihnen nutzt Blockchain.

Das ist mein Hauptargument: Blockchain löst kein einziges der bestehenden Probleme mit Finanzsystemen (oder anderen Systemen). Diese Probleme sind von Natur aus wirtschaftlicher und politischer Natur und haben nichts mit der Technologie zu tun. Und, was noch wichtiger ist: Technologie kann keine wirtschaftlichen und politischen Probleme lösen. Und das ist auch gut so, denn die Hinzufügung von Blockchain führt zu einer ganzen Reihe neuer Probleme und macht alle diese Systeme viel, viel schlechter.

Green schreibt: "Ich habe kein Problem mit der Idee, dass der Gesetzgeber (auf intelligente Weise) Gesetze zur Regulierung von Kryptowährungen erlässt. In der Tat ist es angesichts des Ausmaßes an Wahnsinn und der Anzahl an offenkundigen Betrügereien, die in diesem Bereich passieren, ziemlich offensichtlich, dass unser derzeitiger Regulierungsrahmen der Aufgabe nicht gewachsen ist."

Aber was bleibt noch übrig, wenn man den Irrsinn und die Betrügereien weglässt?

Dieser Artikel erschien zuerst auf Englisch in Bruce Schneiers Blog Schneier on Security.

(vza)