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Was war. Was wird. Ach, ach, Europa

"An Alle": Am Warntag warnte das Warnsystem vor Warnungsarbeiten. In der Zeit des heiteren Verzichts will Hal Faber sich am liebsten vergraben.

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Nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria ist Europa am Ende – und Deutschland erst recht, mit seinem Innenminister.

(Bild: AB Visual Arts/Shutterstock.com)

Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** In der letzten Wochenschau hatte ich sie belächelt, die Idee, dass man den Bundestag nur ein paar Minuten lang besetzen müsse, um die amtierende Bundesregierung abzuwählen. Doch scheint die Idee nicht ganz so abwegig zu sein, wenn man liest, wie die Initiative "Frag den Staat" daran gehindert wird, den Beschluss zum Bau eines Burggrabens um den Bundestag von 2018 einzusehen. Nur 25 Menschen wissen genau, was da gebuddelt wird, ansonsten ist die Sache schwer geheim, weil sonst das freie Mandat der Abgeordneten in Gefahr geraten würde, so die Begründung. Somit ist der zehn Meter breite Graben das beste Sinnbild für die Abgrenzung der Abgeordneten vom Volke, das sich denken lässt, abseits einer Mauer natürlich. Sicher gedeiht irgendwo eine Verschwörungstheorie, dass der geheime Graben mit Kampfhunden oder Piranhas befüllt wird, weil Selbstschussanlagen und Stacheldraht in der Senke an die deutsche Vergangenheit erinnern könnten.

Diese Sirenen funktionierten wie gedacht, als Odysseus vorbeikam. Seinen Mitstreitern an Bord wurde der Warnton jedoch absichtlich vorenthalten – statt einer nicht funktionierenden Warn-App tat es hier Wachs in den Ohren.

(Bild: British Museum / Public domain)

*** Mit dem Bild des Bundestages ist das Bild von Willy Brandt verbunden, der vor dem Gebäude die Neuvereinigung Deutschlands forderte, wo andere den europäischen Gedanken stärken wollten. Nun wird Deutschland vorgeworfen, nach 1990 sich nicht energisch genug für die Einheit Europas eingesetzt zu haben: "Jener Hauptverantwortliche für Europas Niederlage war der Einzige, der Europas Wiederaufstieg hätte anführen können – und zwar in der föderalen Form, das heißt in der vollständigen Umkehr der Machtvorstellungen, die diesen Staat zuvor dazu gebracht hatten, die Welt in die größte aller Tragödien zu stürzen. Das war eine sagenhafte Geschichte, in dem sich Deutschland hätte zeigen müssen", schreibt der italienische Philosoph Massimo Cacciari hinter einer Paywall. Er sei darum zitiert, weil Europa am Ende ist nach dem Brand in Moria und Deutschland erst recht, mit einem Innenminister, der nur ein Achtzigstel der 12.000 Menschen aufnehmen will. Eine Chance hat Deutschland und mit ihm ganz Europa verpasst. Aber es gibt eine Zweite, meint der Philosoph aus Italien: "Es liegt jetzt an uns, mit Verantwortungsgefühl in die Zeit des 'heiteren Verzichts' zu starten. Und das ist Europa als eine politisch-kulturelle Macht, das Appelle an die Menschenrechte und an den Schutz der Umwelt in verbindliche Normen und positives Recht zu übersetzen vermag; das beweist, wie man unerträgliche Ungerechtigkeit und Ungleichheit besiegen kann."

*** Als ich von der ersten Alarmierung nach der Neuvereinigung Deutschlands schrieb, lästerte ich über die Stärkung der Selbstschutzfähigkeiten, mit der der Warntag begründet wurde. Nun soll nach dem Fehlschlag das Bundesamt umgebaut werden, verkündet Bundesinnenminister Seehofer. Besser kann man den Stand der Digitalisierung in Deutschland eigentlich nicht demonstrieren: Eine Behörde wird umgebaut, während mit Cell Broadcast ein Standard zur Verfügung steht, mit dem ein Alarm anonym zum Smartphone gesendet werden kann. Diesen Standard will man nicht nehmen, da Apps wie Nina und Katwarn gefördert werden sollen, die Standortdaten übertragen bzw. abfragen können. Sowas ist immer nützlich in einer überwachten Gesellschaft. Ansonsten bekamen sowohl Nina wie Katwarn die Warnmeldung vom MOWAS-Sytem verspätet, womit eigentlich der Fehler gefunden wurde, wie das der Zweck eines Testlaufes ist. Wenn jetzt eine wichtige Behörde zerschlagen werden soll, die sich bereits 2007 mit den katastrophalen Folgen einer Pandemie beschäftigte, ist eher die Frage, wie die Selbstschutzfähigkeiten vor einem übergriffigen Minister ausgebaut werden können. Was den Selbstschutz vor Systemausfällen in der Büro-IT anbelangt, so gibt es einen einfachen Rat: unbekannte Dateianhänge nicht öffnen oder anklicken.

*** Dieser Rat ist beim Deutschen Fußball Bund nicht beherzigt worden, weshalb die Office-IT heruntergefahren werden und Microsoft Spezialisten zu den Ball-Experten schicken musste. Das ist alles unschön, doch den Klick auf eine angebliche Fanpost zum 75. Geburtstag von Franz Beckenbauer "Cyber-Angriff" zu nennen ist etwas übertrieben und vielleicht dieser Fußballerei geschuldet, in der dauernd von Angriff und Verteidigung die Rede ist. Aber wie heißt es so schön: Jeder hat eine Schwachstelle. Wobei der 75. Geburtstag der bundesdeutschen Lichtgestalt zu interessanten philosophischen Höhenflügen geführt hat: "Es selbst anders zu machen als Beckenbauer, ist moralisch richtig, reicht aber nicht. Moralisches Wachstum einer Gesellschaft, um diesen Begriff des Philosophen Markus Gabriel aufzugreifen, entsteht nicht durch bessere Menschen. Moralisches Wachstum muss institutionell und kulturell verankert sein und sich politisch entfalten können. Das gilt für ernsthafte Klimapolitik und für alles andere. Es geht darum, sich auf einen liberaldemokratischen Politikrahmen zu einigen, in dem eine Gesellschaft 'bessere' Ziele verfolgen kann. Aber Franz Beckenbauer ist nicht etwas, was man einfach exkommunizieren kann. Franz Beckenbauer ist ein Teil von fast jedem. Horst Seehofer übrigens auch."

*** Als nackte Amazone präsentierte sie sich im Playboy vom Dezember 1971, als Olivetti-Postergirl warb sie für italienische Schreibmaschinen mit dem üblen Werbeclaim "The typewriter is so smart she doesn’t have to be". Das war, bevor sie als Feministin Karriere machte – und dafür ausgerechnet vom Playboy gelobt wurde. Die Rede ist von Shere Hite und ihrem "Report on Female Sexuality", der Auswertung von 3019 Fragebögen, in denen sich Frauen frei über ihre Sexualität äußerten. Der Spiegel nannte den Hite-Report ein Hoheslied auf Masturbation und neue Zärtlichkeit. Glaubt man dem Blatt, entstand der erste Hite-Report, nachdem Feministen gegen Hite als Olivetti-Girl und damit als Sexualobjekt protestiert hatten. Obwohl Wissenschaftler sich abfällig über ihre Reports äußerten, konnte sie nachweisen, dass Frauen häufiger masturbierten und deutlich mehr außereheliche sexuelle Kontakte hatten als bis dahin angenommen wurde. Nun ist Shere Hite im Alter von 77 Jahren gestorben. 1996 nahm sie aus Protest gegen die Prüderie in den USA die deutsche Staatsbürgerschaft an. Schließlich ist Deutschland das Land, in dem auch Sexfront erscheinen konnte. Im Alter von 82 Jahren ist auch die Schauspielerin Diana Rigg gestorben. Als ihre wichtigste Rolle beim deutschen Publikum wird in der Wikipedia die der Emma Peel genannt, als "scharfzüngige, schlagkräftige, emanzipierte und oft in enge Lederanzüge gekleidete" Frau. Sie soll als amazonenhaft mythische Kämpferin Vorbild der Spielfigur Lara Croft gewesen sein.

Von Luther zu Twitter (PDF-Datei) heißt eine Berliner Ausstellung, die zeigen will, "wie es zum aufklärerischen Ideal demokratischer Öffentlichkeit und freier Meinungsäußerung gekommen ist." Historische Plakate zum Boykott der Volkszählung finden sich in ihr ebenso wie die Fotografie einer Küste, an der ein von der NSA angezapftes Untersee-Kabel an Land ankommt: aus dem Mensch wird berechenbares Datenmaterial. Was passt dazu besser als eine SPD-Initiative, die am kommenden Freitag im Bundesrat versuchen will, die umfassende Vorratsdatenspeicherung wieder einzuführen? Begründet wird es wie üblich mit den 8.400 Verdachtshinweise von Kindesmissbrauch, die 2017 nicht aufgeklärt werden konnten, eine Zahl, die BKA-Chef Holger Münch in die Welt gesetzt hat.

Bevor sie als Feministin Karriere machte, wurde sie ausgerechnet vom Playboy gelobt. Hite als Amazone.

Ein paar Tage muss man noch warten, doch dann beginnt ebenfalls in Berlin die große Radioausstellung. Anlass ist die Übertragung eines Weihnachtskonzertes am 22. Dezember 1920 durch die "Hauptfunkstelle Königs Wusterhausen", die als Beginn des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks gilt. Radioübertragungen und Musiksendungen kannte man schon länger: Die besagte Hauptfunkstelle sendete im Ersten Weltkrieg den Heeresbericht "An Alle", dazu gab es für die Soldaten an der Front Musiksendungen und Vorlesungen aus Zeitschriften. Es gab sogar einen deutschen Auslandsradiodienst für die "Presse des neutralen Auslands", nicht zu vergessen auf der Gegenseite die berühmte Ansprache "An Alle", in der Lenin öffentlich und nicht als diplomatische Note das Friedensangebot der Sowjetunion bekräftigte. In Königs Wusterhausen beschwerte man sich über diese diabolische Beeinflussung der Soldaten: "Diese Verkehrsmittel wurden aber auch seitens unserer Feinde zur Einwirkung auf die Völker benutzt in einer Weise, die vorauszusehen dem ehrlichen deutschen Gemüt nicht gegeben war. Die Einlage jeder amerikanischen Speckschwarte in die Falle für die ideologischen Mäuse wurde bis in die fernsten Winkel des Erdkreises verbreitet." So viel zu den Fake News von gestern. (bme)