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Was war. Was wird. Ballon oder Blase, das ist die Frage.

Hal Faber geht baden. Naja, zumindest hat er es vor, wurde uns doch ein "Super-Sommer" versprochen. Aber Sommer ist wie Demokratie: Es hängt von uns ab.

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"Leben ist eine entfaltete Tautologie. Es ist eine Einmalerfindung, die sich in unendlich vielen Formen wiederholt.. Leben kann nicht aus seinem Ursprung, sondern nur aus seiner Fortsetzung erklärt werden."

(Bild: Jorm S / Shutterstock.com)

Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Los, alle ab ins Wasser, mit Mundschutz natürlich. Das Geplansche nennt sich wahlweise Endspurt oder eine besonders nasse Lockerung. Bekanntlich hat Lothar Wieler die Corona-Pandemie mit einem prall gefüllten Luftballon verglichen, der unter der Wasseroberfläche gehalten werden muss.

(Bild: Mr. Tempter / Shutterstock.com)

Würden alle Menschen im Zeichen der Lockerung mit den Vorsichtsmaßnahmen aufhören, würde der Corona-Ballon schlagartig auftauchen und die Pandemie würde wieder an Fahrt aufnehmen. Manchmal ist auch ein schiefer Vergleich ein guter Vergleich. Man muss nur den "Luftballon" ausreichend groß machen. Wahlweise kann man sich auch auf Karl-Kassandra Lauterbach berufen, der twitterte, dass ein super Sommer kommen wird, epidemiologisch gesehen. Hinein ins kühle Nass und den gelben Impfausweis dabei nicht vergessen! Wahlweise reicht ein QR-Code auf dem Smartphone. Die Irrsinnsdebatte um die Fälschungssicherheit von Papier und ausgedruckten QR-Codes lassen wir mal ganz locker beiseite.

*** Zum Badespaß, den Luftballon unter Wasser zu halten, gehört natürlich das Impfen. Wie man in den Gazetten nachlesen kann, ist Guillaume Rozier mit seiner Webseite Vite ma Dose in Frankreich ein Star geworden, etwas, das Sofort Impfen noch bevorstehen könnte. Denn die Behauptung von Gesundheitsminister Jens Spahn, dass sich Deutschland beim Impfen auf der "Überholspur" befinde, erscheint doch etwas gewagt, mehr Seifenblase als Luftballon. Immerhin kann der Fachmann für Bank- und Immobiliengeschäfte in dieser Woche einen kleinen Erfolg verbuchen: Sein Gesetzentwurf zur digitalen Modernisierung von Versorgung und Pflege (DVPMG) hat in letzter Lesung den Bundestag passiert. Besonders hübsch war dabei die Einlassung der Abgeordneten Sabine Dittmar (SPD), dass mit dem Gesetz "der gordische Knoten der Digitalisierung im Gesundheitswesen überwunden" sei. Was für ein schöne Bild, wie das vom großen Luftballon unter Wasser. Ein gordischer Knoten, der üblicherweise von einem Schwert zerstückelt wird, wird ganz sanft überwunden, überklettert oder etwa überkleistert?

*** Endlich könnten die Ärzte und Krankenhäuser jubeln, denn sie werden geradezu gordisch entlastet: Die Krankenhäuser können ihre Datenschutzbeauftragten entlassen, die Ärzte in den Praxen den Auftrag für den IT-Dienstleister stornieren, eine Datenschutz-Folgenabschätzung zu tippseln. Medizinische Daten sind qua DVPMG-Gesetz besonders geschützt, da braucht es solche Fachleute nicht, basta. Aber seltsam, die Ärzte jubelten gar nicht. Ganz im Gegenteil: Sie schickten noch von ihrem Ärztetag am Mittwoch eine Warnung an den Bundestag mit der Bitte, am Donnerstag das DVPMG abzulehnen. "Obwohl noch nicht einmal vollständig funktionierend, sollen die Telematik-Infrastruktur und noch nicht einmal etablierte Anwendungen der eGK wieder abgeschafft und durch Zukunftskonnektoren, Cloud-Lösungen, Schnittstellenveränderung u. ä. ersetzt werden. Es besteht die Gefahr, dass durch die gesetzgeberische Geschwindigkeit die Anbindung zu den tatsächlich in der Fläche der Versorgung herrschenden Realitäten weiter verloren geht." Anbindung an die Realität in den Arztpraxen und Krankenhausstationen? Was soll denn das sein? Eine gordische Seifenblase?

*** Heute wäre Sophie Scholl 100 Jahre alt geworden und so gibt es Dutzende von Artikeln, die sich mit ihr beschäftigen. In dieser kleinen Wochenschau sei darum an Hans Scholl erinnert, den angehenden Arzt, der die meisten Texte der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" verfasste, die auf sechs Flugblättern in Deutschland verteilt wurden. Seine Texte (und die von Alexander Schmorell und Kurt Huber) wurden von dem Philologen Richard Harder analysiert, einem überzeugten Nationalsozialisten, aber eben auch der Griechischlehrer von Hannah Arendt, die ihn verehrte. Harder vermutete einen evangelischen Theologen im Umfeld der Universität München als Verfasser der Flugblätter. Da diese Geschichte hinter einer Paywall steht, sei wenigstens das Fazit zitiert: "Es war auch die alte Geschichte des Intellektuellen, der sich der Macht in die Arme wirft und scheitert. Erst auf Drängen ihres Lehrers Karl Jaspers akzeptierte Hannah Arendt die Geschwister Scholl als Widerstandsgruppe und nahm sie in die deutsche Ausgabe von Eichmann in Jerusalem auf. Es ist nicht bekannt geworden, dass sich Richard Harder je der Geschwister Scholl erinnert hätte, gegen die er als bestallter Denunziant vorging."

*** Was Harder mangels Computer und Internet im Nationalsozialismus nicht gelang, schafften zwei Kriminalistinnen beim BKA in Wiesbaden, die Philologie und Linguistik studiert hatten. Sie werteten die Droh-Mails und und Droh-Faxe auf sprachliche Eigenheiten aus, die von einer NSU 2.0 verschickt worden waren. Ungewöhnliche Formulierungen wurden gegoogelt und prompt wurde man beim rechtsextremen Blog PI News fündig. Dort verwendete ein unter Pseudonym auftretender Kommentator dieselben Formulierungen. Sein Profilbild zeigte eine Comic-Figur, die auch bei einem Nutzer einer Schach-Plattform gefunden werden konnte. Die Betreiber dieser Plattform hatten Daten ihrer Nutzer und so konnte der Verdächtige hinter NSU 2.0 ermittelt und überwacht und schließlich festgenommen werden. Ein Einzeltäter. Ein schon lange bekannter Einzeltäter, gegen den bereits 2017 ein Verfahren lief. Es musste eingestellt werden, weil die Telekom zwar die Adresse herausgab, aber die Auskunft darüber verweigerte, in welcher Wohnung der Anschluss installiert war. Zum Einzeltäter sei der Kommentar von Carolin Emcke zitiert, die in dieser Woche mit dem Carl-von-Ossietsky-Preis ausgezeichnet wurde. "Wie einzeln ist denn ein Einzeltäter, wenn sich einer an den anderen reiht? Wie isoliert sind die Fälle rassistischer, antisemitischer, misogyner Bedrohung, wenn die Abstände, in denen sie auftreten, immer kürzer werden? Was ursprünglich beschwichtigen konnte oder sollte, der Täter handelte allein, beschwichtigt nicht mehr."

*** Im Jahre 1973, als Salvador Allende noch in Chile an der Macht war, veröffentlichten Humberto Maturana und Francisco Varela das Buch "de máquinas y seres vivos", zu Deutsch "Über Maschinen und lebende Wesen", eine Annäherung an die Frage, was Leben ausmacht und was den Menschen von Maschinen unterscheidet. "Menschen sind zuallererst biologische Wesen und als solche auf seines Gleichen existenziell angewiesen." Im Buch wird das Konzept der Autopoiesis entwickelt: Leben ist sein eigenes (auto) Werk (poesis). Entsprechend hieß die englische Ausgabe des Buches von 1980, zu der der Kybernetiker Stafford Beer das Vorwort schrieb, "Autopoiesis and Cognition. The realization of the living". Es gehört zur Ironie der Wissenschaftsgeschichte, dass Huberto Maturana als Mediziner am MIT arbeitete und mitbekam, wie die Vertreter der aufstrebenden künstlichen Intelligenz über biologische Prozesse als kybernetische Schaltungen dachten. Nun ist das Leben von Humberto Maturana zu Ende gegangen, aber das Leben geht weiter, schreibt Dirk Baecker: "Leben ist eine entfaltete Tautologie. Es ist eine Einmalerfindung, die sich in unendlich vielen Formen wiederholt, seit es Leben auf der Erde gibt. Leben, so die Konsequenz aus dieser Überlegung, kann nicht aus seinem Ursprung, sondern nur aus seiner Fortsetzung erklärt werden. Über die Prozesse, die der Entstehung des Lebens aus der Ursuppe vorausgingen, kann man spekulieren, aber der entscheidende Punkt ist nicht seine Entstehung, sondern seine Reproduktion."

Humberto Maturana war nicht nur Mediziner und Biologe, sondern auch ein politisch denkender Mensch: "Die Demokratie ist kein natürlicher gesellschaftlicher Zustand, denn er muss immer wieder erneuert werden. Die Demokratie ist ein künstlicher Zustand, in dem man seine Beteiligung am eigenen sozialen System andauernd verantworten muss." In diesem Sinne sind wir nicht nur in der Pandemie, sondern im Wahlkampf. Was mitunter schwer auszuhalten ist, wenn ein sattsam bekannter Politiker im Fernsehen auftaucht und schwer überrascht ist vom Klimawandel und die Klimaziele für utopisch hält, sein Parteikollege ironiefrei von einem "klimaneutralen Industrieland" schwärmt.

(Bild: Gerd Altmann, Lizenz Public Domain (Creative Commons CC0))

Deutschland? Alles ist drin. Selbst die Querdenker und Faktenschwurbler wie Wolfgang Wodarg und Sucharit Bhakdi kämpfen um den Einzug in den Bundestag. Das nennt man dann Schwarmintelligenz.

(jk)