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Was war. Was wird. Die Zukunft ist auch nicht mehr, was sie früher einmal war.

Eine ehrenwerte Hackergruppe verlagert die Trollkultur vors Kapitol. Drohnen werden zu Kamikaze-Geschossen. Zukunft? Welche Zukunft, fragt Hal Faber.

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(Bild: sibsky2016 / Shutterstock.com)

Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Die Vereinigten Staaten von Amerika haben den Präsidenten gewechselt und machen sich daran, alles irgendwie zu "heilen", was in vier Jahren kaputtgegangen ist. Vielleicht geht nicht alles zu heilen, wie das Meme des fröstelnden Bernie Sanders zeigt, der mit seinen gestrickten Handschuhen selbst in den Bildern von Hieronymus Bosch auftaucht. Prompt ist daraus ein T-Shirt geworden, das für die Unterstützung von "Meals on Wheels" verkauft wird. Währenddessen präsentierte man im eisigen Washington eine Geisterstunde, die daran erinnerte, das "heilen" meistens ein langsamer Prozess ist, mit Rückschlägen und Verzögerungen. Da helfen auch die balsamigen Worte nicht, die vom "ewigen Streben des Amerikaners" erzählten, immer eine bessere Version seiner selbst zu werden. A Superpower Laid Low, heißt es bei der American Academy, und von ganz da unten wieder hochzukommen, ist ein schwieriger Weg in die Zukunft.

*** Vor nunmehr 10 Jahren erschienen die ersten Bücher über Anonymous, eine Bewegung, der es angeblich um möglichst viel Lulz ging. Bewundernd schrieben etwa Fréderic Bardeau und Nicolas Danet in ihrem Anonymous-Buch, wie aus der Spaßbewegung eine linke Medienguerilla wurde, die mit Aktionen wie der Operation Darknet den Kampf gegen die Kinderpornografie führte. Viel ausführlicher würdigte dann Gabriella Coleman die vielen Gesichter von Anonymous als echte Hackerbewegung und brachte es mit ihrer Forschung auf den Congress der "echten Hacker (TM)". Was natürlich Anonymous in ihrer Hinsicht adelte: "Ich halte Anonymous durchaus für politisch effektiv, gerade weil die Gruppe so mysteriös ist", schrieb sie anno 2012. Das war vor der Entdeckung, dass prominente Anomyous-Mitglieder wie "Sabu" Polizeispitzel waren, die ihre gar nicht mal so anonymen Mitstreiter dem FBI und anderen Ermittler-Truppen ans Messer lieferten. Doch vergänglich ist aller Ruhm. Nun ist es an der tageszeitung, vom Auftreten der Anonymous-Hacker den Faden weiterzuspinnen bis zu Trumps Trollen. Vielleicht hatten sie mal ehrenwerte Ziele: "Aber vor allem verlagerten sie die Trollkultur, die in der Anonymität des Internets entstanden war, unter Guy-Fawkes-Masken aus dem Netz wieder in den physischen Raum. Das Spiel im Internet war zu einem Spiel in der Realität von Städten, Straßen und Körpern geworden. Der Tumult vor dem Museum of the Moving Image kam von einer düsteren Variante dieser Netzsubkultur – verantwortungsloser, zynischer Joker statt des common good verpflichteten Hackers. Es ging nicht mehr darum, das System zu knacken, um seine Schwächen aufzuzeigen, sondern darum, alles zum Absturz zu bringen." Von dieser Herleitung ist natürlich der Sturm auf das Kapitol der logische Höhepunkt der Bewegung. Fazit: "Systemkritische Internettrolle wurden unter Trump zu Vorbildern für echte Faschisten."

*** Soweit die taz, damit her mit der FAZ. Sie war mit ihrer kompromisslosen Haltung zum Zitatrecht ein Thema der letzten Wochenschau, das auch die hochgeschätzten Foristen beschäftigte. Die Geschichte verdient einen Nachschlag, weil es eine trauliche Diskussion des FAZ-Autors Carsten Knop mit dem "YouTuber" Rezo gab, die von den Kollegen der Zeit festgehalten und veröffentlicht wurde. Da das Zitieren so verdammt schwierig ist, sei die Zusammenfassung des interessanten Gespräches durch die Sekundanten zitiert, die den Zwischenstand so bilanziert: "Der YouTuber Rezo kämpft für die Pressefreiheit, der FAZ-Herausgeber gegen die Macht der Konzerne." Nur um dann die Frage zu stellen: "Kann es sein, dass es ist wie im Casino, am Ende gewinnt immer Google?" Gewinnt immer Google? Nun, so ganz kann das nicht stimmen, wenn Google im Streit mit den Verlagen mit der Abschaltung der Suche droht. In Australien, während man sich in Frankreich mit den Verlagen einigen konnte. "Wir sind glücklich, Teil der weiteren Entwicklung im digitalen Zeitalter und bei der Unterstützung des Journalismus zu sein." Na, dann ist ja alles good. Wieviel Geld Google da an die Verlage überweist, ist leider nicht bekannt. Die eine Milliarde Dollar, die Google in den nächsten drei Jahren insgesamt ausgeben will, ist leider keine aussagekräftige Zahl.

*** Vor einer Woche startete auch in Deutschland die #ZeroCovid-Initiative. Ihr Ziel ist es, einen gemeinsamen europäischen Lockdown zu erreichen, der "gesellschaftlich solidarisch" gestaltet ist. Nun prasselt heftige Kritik auf die Initiative, mitunter macht sie sich auch nur über die Erstunterzeichner lustig, über diese Digital-Naivlinge. Am Ende war der Text vielleicht nur die Ausgeburt eines durchgeknallten Computers? "Doch der im Text zum Ausdruck kommende Wunschkatalog erinnert eher an Kindergeburtstag oder Weihnachten, als an ein politisch durchdachtes Konzept. Auf mich hat er eine Anmutung, wie von linksliberal programmierten Algorithmen verfasst = 100%ig berechenbar", heißt es hier. Wird mit dem Aufruf in Anlehnung an die Praxis asiatischer Länder ein autoritärer Überwachungsstaat gefordert, wie es hier aufgeschrieben ist? Natürlich mit einem kunstvollen Abbinder: "Es ist eine politische Entscheidung auf der Grundlage einer Güterabwägung, die stoffliche Versorgung, den Erhalt des Produktionsapparats, die kapitalistischen Gewinne, die Freiheit der Individuen, die demokratischen Rechte, das psychische Wohlbefinden, Krankheiten und Tod in ein Verhältnis setzen muss. Da sind Andere weniger zimperlich und vergleichen die Initiative mit einem "bolivarischen Sozialismus", der Venezuela ruiniert haben soll.

*** Eigentlich fing es ganz harmlos an, mit einem Meinungsartikel, dass Deutschlands moderne Plattform kommen kann, für "digitale Medizin" und so. Doch das mit vielen Buzzwords gefüllte White Paper der Gematik zur TI 2.0 hat es in sich. Kurzerhand wird da die gesamte aufgebaute Kommunikations-Infrastruktur im deutschen Gesundheitswesen für obsolet erklärt. Es hat was von einer kleinen Enteignung an sich, wenn die mit Millionen Euro teuer entwickelten und bezuschussten Konnektoren in den Arztpraxen und Krankenhäusern für obsolet erklärt werden zugunsten einer universellen Erreichbarkeit und die Konnektoren als "proprietäre IT-Lösungen" abgekanzelt werden. Da strahlt die schöne neue Welt der TI 2.0: "Hierdurch wird das VPN der TI mit seinen auf die stationäre Leistungserbringerumgebung beschränkten Zugangspunkten obsolet, und es entfällt für Anwender der Bedarf an proprietären Lösungen – den Konnektoren – zur Anbindung an die TI. So wird beispielsweise die Aktualisierung der elektronischen Gesundheitskarte innerhalb der Arztpraxis (VSDM) entfallen. Stattdessen werden aktuelle Versichertenstammdaten und der Versichertenstatus berechtigten Nutzern als Dienst im Internet bereitgestellt." Weg mit all den doofen Smartcards, ob das nun die Gesundheitskarte, der Arztausweis oder die Institutionenkarte ist: alles Schnee von gestern? Wohl selten dürfte ein Zukunftspapier all die Ärzte oder Apotheker, die mit der telematischen Technik kämpfen, so düpiert haben – von den Patienten ganz zu schweigen. Dabei hat es auch die Politik als Taktgeber künftiger Entwicklungen schwer erwischt, denn zwei Tage vor dem großen Knaller erschien auf der Webseite des Bundesgesundheitsministeriums der Kabinettsentwurf zum neuen DVPMG (PDF-Datei), in dem unter dem Änderungspunkt 29 die Verschlüsselung noch ganz altmodisch definiert ist, wenn es heißt, dass sie: "eine dezentrale Infrastruktur bestehend aus Komponenten zur Authentifizierung, zur elektronischen Signatur, zur Verschlüsselung sowie Entschlüsselung und zur sicheren Verarbeitung von Daten in der zentralen Infrastruktur" ist. Dagegen geht die TI 2.0 viel weiter: "Gegenüber den Smartcards der TI (eGK, HBA, SMC), die als Identitätsträger und Authentisierungsmittel eine Doppelfunktion haben, übernehmen in der TI 2.0 sog. „Identity Provider“ (z.B. Krankenkassen, Ärzte-/Apothekerkammern, Kassenärztliche Vereinigungen etc.) die Authentifizierung der Nutzer. Zugriffsberechtigungen werden durch die Fachdienste auf der Grundlage von elektronischen Identitäten und weiterer Merkmale durchgesetzt." Wie sich der Widerspruch auflösen lässt, wird die Zukunft zeigen.

Da kommt was auf uns zu: etwa Kamikaze-Drohnen oder doch ein "entgrenzter Einsatz von Künstlicher Intelligenz"?

(Bild: Suchmaschine/Bildersuche)

Zukunft, welche Zukunft? Wollen wir lieber nicht in die Vergangenheit schauen, in der es tolle abwechslungsreiche Debatten über die Bewaffnung von Drohnen gab? Aber nicht doch. Nach einer Analyse unseres Vaterlands-Verteidigungsministeriums wurde der kleine schmutzige Krieg um Nagorny-Karabach durch den Einsatz von bewaffneten Drohnen entschieden. Und zwar von Kamikaze-Drohnen, die allein als Angriffsmittel konzipiert waren. Die Beschaffung solcher Kamikaze-Drohnen wird in den Niederlanden diskutiert, während bei uns die Dinger nur zum "Schutz unserer Soldaten" diskutiert werden. Dazu macht die SPD gleich ein neues Fass auf, wenn die SPD-Verteidigungspolitikerin Siemtje Möller so zitiert wird: "Gleichwohl bestehen in Teilen der Fraktion Zweifel, ob dieser Schutz tatsächlich über den Einsatz bewaffneter Drohnen erfolgen kann oder ob mit diesem Schritt nicht noch größere Gefahren, wie etwa ein entgrenzter Einsatz von Künstlicher Intelligenz, verbunden sind." Drohnen und künstliche Intelligenz, da kommt was auf uns zu.

(tiw)