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Was war. Was wird. Vom Brain Gain und der Gewichtung persönlicher Merkmale

Gesetze machen scheint genauso Glückssache zu sein wie unfallfrei Bücher schreiben, brummelt Hal Faber. "Abfluss von Verstand" allenthalben, oder was?

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"Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche"? Nun ja, mag sein. In dieser unserer Demokratie gilt aber trotzdem: Nicht, wer am lautesten schreit, hat recht. Leider scheint das in den Social-Media-Blasen zunehmend in Vergessenheit zu geraten.

(Bild: Cornelius Doppes / Shutterstock.com)

Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Na sowas aber auch: Gibt man das schöne deutsche Wort von der Aufsteigerrepublik in den Lasch-O-Maten ein, so bildet ein pfiffiger Algorithmus Sätze, die klingen, als habe sie der Kanzlerkandidat Armin Laschet gesprochen. "Lösungen in Sachen Aufsteigerrepublik erreicht man mit konkretem Handeln und nicht mit Symbolpolitik." Da werden Erinnerungen wach, etwa an die Zeit, als genau so ein Gimmick-Programm die ähnlich geschwurbelten Sätze von Helmut Kohl produzierte, die dieser "in diesem unseren Land" (Indula) zum Besten gab.

Brokdorf

Nun ist Die Aufsteigerrepublik ein Buch, verfasst von einem Armin Laschet, gespickt mit klugen Sätzen: "Fest steht: Brain-Gain durch Migration ist auch für die Herkunftsländer möglich, dann nämlich, wenn qualifizierte Arbeitskräfte nicht dauerhaft abwandern, sondern in einem anderen Land Erfahrungen sammeln und danach in ihr Heimatland zurückkehren." Der Satz ist erstaunlich konkret für Laschet, deshalb stammt er nicht von ihm, sondern von einem Wissenschaftler, nämlich von Karsten Weizenegger. Der ist Experte für nachhaltige Entwicklungspolitik und freut sich nun, dass sein Satz kopiert wurde: "Brain Gain ist für Herkunftsländer vor allem dann möglich, wenn qualifizierte Arbeitskräfte nicht dauerhaft abwandern, sondern temporär in einem anderen Land Erfahrungen sammeln, die dann bei ihrer Rückkehr eingesetzt werden können." Ja, so geht Brain-Klau bei diesem Kanzlerkandidaten, der angeblich aus dem nachhaltigen Rohstoff Holz entstanden ist. Der Brain-Klau von einem Wissenschaftler ist umso verwunderlicher, als es von Laschet einen aufschlussreichen Satz über die Wissenschaft gibt, gesprochen am 2. Juli 2021 im Landtag von Nordrhein-Westfalen: "Ich stimme selten, eigentlich nie, der AFD zu. Sie haben heute einen wahren Satz gesagt: Immer wenn jemand ankommt und sagt 'die Wissenschaft sagt', ist man klug beraten, zu hinterfragen, was dieser gerade im Schilde führt ...". Zustimmung mit der AfD, da klopfen wir mal aufs Holz in dieser unserer Holzwelt. Das gilt auch für die durchaus gelungene Kapitelüberschrift "Menschen sind nicht illegal" im Buch, inspiriert von einer Wanderausstellung, die durch das schöne Nordrhein-Westfalen zog.

*** Wo ein Laschet, da ein Scheuer. Der unfähigste Minister Deutschlands gilt als gesetzt für die nächste Regierung, wie seine Regionalpartei anlässlich der Vorstellung ihres Wahlprogramms verkündete. Welches übrigens laut Markus Söder im Vergleich zum Wahlprogramm der CDU, einem "Flugzeugträger", ein kleines Schiffchen ist, ein "Schnellboot". Ein hübscher Versprecher, denn natürlich meinte Söder ein Lotsenboot, mit dem derjenige an Bord kommt, der den großen Kahn durch schwieriges Fahrwasser lenkt. Doch zurück zu Scheuer, denn seit dieser Woche ist dieses unsere Land das erste Land, in dem autonome Fahrzeuge bereichsweise zugelassen sind: In Magdeburg steppt der Bus. Das freut den Minister, der seine Glanzleistung preisen lässt. Schaut man in das Gesetz, so findet man im §1e Absatz 2 zur Unfallvermeidung einen alten Bekannten: Das System der Unfallvermeidung darf "für den Fall einer unvermeidbaren alternativen Gefährdung von Menschenleben keine weitere Gewichtung anhand persönlicher Merkmale" vorsehen. Ganz unter der Hand hat Andi Scheuer das Trolley-Problem gelöst, mit dem sich schon sein Vorgänger Alexander Dobrindt beschäftigte. Nicht auszudenken, wenn in der Software ein Schnapp-dir-den-Kameltreiber-Algorithmus eingebaut wäre. Als nächstes Problem wird sich der Macher Scheuer die Flugtaxis vornehmen, die im Regierungsprogramm des "Flugzeugträgers" ab Zeile 1690 so beschrieben werden: "Ebenso wollen wir die positiven Aspekte des Fliegens und die Innovationskraft der Luftfahrt wieder stärker herausstellen und als Schlüsseltechnologie gezielt fördern. Die Entwicklung von Flugtaxen ist zwar noch eine Vision für die Zukunft, aber sie wird zunehmend realistischer." Wehe, wenn da jemand einmal realistisch nachrechnet, was für Unsinnszahlen bei diesen "Taxis" gewissermaßen "ab Werk" verbreitet werden.

*** Wer kennt ihn nicht, den schönen Spruch "Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten." Nach einem Blick auf die Zahlen des statistischen Bundesamtes zum Altersaufbau hat der Datenjournalist Lorenz Matzat auf Twitter den Gedanken geäußert, das Wahlrecht auf 14- bis 70-Jährige zu begrenzen oder wahlweise alle Ü60-Wähler nur zu jeder zweiten Wahl zuzulassen. Die ach so schlimme Baby-Boomer-Generation soll aus dem Spiel genommen werden. Das sind die, die im eisigen Winter vor Brokdorf auf dem Deich demonstrierten und in Frankfurt die Startbahn West zu verhindern suchten. Der kauzige Vorschlag aus der Perspektive eines 1975 geborenen ignoriert das Grundgesetz und lässt seltsamerweise das passive Wahlrecht außen vor. Warum sollte ein Boomer wie Armin Laschet Kanzler werden dürfen, wenn er nicht mal wählen darf? Für den Rest der Argumente jenseits jeder Korrelation und Kausalität verweise ich auf die kundigen Worte eines jüngeren Kollegen und die Abwandlung eines ebenfalls sehr schönen Bonmots der Neuen Frankfurter Schule: "Die größten Kritiker der Elche werden selber welche."

*** In dieser Woche ist ein Eilantrag gegen das Netzwerkdurchsetzungsgesetz beim Verwaltungsgericht Köln eingegangen, in dem Google Irland im Namen der Tochterfirma Youtube selbige von der ab Februar 2022 geltenden Meldepflicht entsprechender Inhalte an das neue Zentralregister des Bundeskriminalamtes ausgenommen sehen möchte. Dem Antrag hat sich mittlerweile Facebook mit einem eigenen Eilantrag angeschlossen. Warum das Ganze passiert, hat Sabine Fink, die Leiterin Government Affairs von Youtube deutschsprachige Länder, Zentral- und Osteuropa korrekt gegendert erklärt. "Nutzer:innen, die rechtmäßige Inhalte veröffentlichen, müssen demnach befürchten, dass ihre personenbezogenen Daten in Datenbanken der Polizei gespeichert werden. Einmal weitergegebene Daten können nicht mehr zurückgenommen werden. /../ Die Rechte der Betroffenen werden ferner ausgehebelt, da die Anbieter ihre Nutzer:innen nicht über die Weitergabe ihrer Daten informieren dürfen, zumindest nicht innerhalb der ersten vier Wochen." Die Freifahrkarte des BKA kombiniert mit der vierwöchigen Geheimhaltungspflicht ist ein Unding, zumal das Amt berechtigt ist, Beiträge zur "Gefahrenabwehr" unbegrenzt länger zu speichern und nicht nur, wie ursprünglich angedacht, an die jeweiligen Bundesländer zur Strafverfolgung weiterzuleiten. Dass sich Facebook angeschlossen hat, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn man sich den Umgang von Facebook mit den Ausweispapieren seiner Nutzer anschaut. Hey, wir brauchen sie ein Jahr lang, um unsere KI zu trainieren, gefälschte Ausweise zu erkennen. Das erinnert an einen bekannten Witz von xkcd.

Vor zwei Wochen beschäftigte sich die kleine Wochenschau mit der Unwetterkatastophe in Westdeutschland und den Warnungen der Meteorologen vom European Flood Awareness System. Dann gab es Berichte über ein Multiples Alarmversagen. Nun stellt sich in einem paygewallten Bericht heraus, dass auch das Landesamt für Umwelt am 14. Juli vor der Wasserflut in mehreren automatisierten E-Mails an die Landkreise ab 11:46 warnte und sogar den Pegelstand in einer dringlichen Mail um 21:26 mit 6,9 Meter korrekt berechnete. Spätestens jetzt hätte der Katastrophenfall ausgerufen werden müssen, doch der zuständige Landrat zögerte bis um 23:09, als es längst zu spät war. Werden automatisierte E-Mails nicht Ernst genommen? Die Debatte, warum nicht evakuiert wurde, wird in den nächsten Wochen geführt werden müssen. Vielleicht hat Annalena Baerbock ja recht mit ihrem 10-Punkte-Plan für einen verbesserten Katastrophenschutz. Sie sollte sich ein Buch darüber schreiben lassen, das macht sich immer gut.

Startbahn West

(jk)