4W

Was war. Was wird. Vom Hungern, Erfrieren und Aussterben.

Winter is coming ist derzeit mehr als ein Netz-Meme. Es ist der Schrecken, den ein Kriegswinter mit Terror gegen die Zivilbevölkerung bringt, warnt Hal Faber.

Lesezeit: 8 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 56 Beiträge
Rose,Blossom,In,Autumn,After,A,Night,Frost

Nein, auch erfrorene Rosen sind kein Trost, wenn die Kälte und der Krieg und der Terror an einen anderen Völkermord erinnern. Was ist da schon der Untergang von Twitter? Nichts als das Wimmern einer völlig irrelevanten Blase, die sich für den Nabel der Welt hält.

(Bild: K.-U. Haessler / Shutterstock.com)

Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Die Ampelkoalition hat mit den Stimmen der Unionsfraktion am vergangenen Mittwoch den Holodomor als Völkermord eingeordnet. Das mag für einige befremdlich sein, denn der Bundestag ist nun einmal keine Historikerkommission. Auf der anderen Seite ist diese "Einordnung als Völkermord" ein wichtiges politisches Signal, zumal es in der Begründung heißt, dass das Streben der sowjetischen Führung nach einer Kontrolle der Bauern damals mit der Unterdrückung der ukrainischen Lebensweise, Sprache und Kultur verschmolzen worden sei.

Diese Unterdrückung der Lebensweise ist eben mehr als ein Aushungern, wie es Stalin befahl, sondern ein Genozid. Auf den Holodomor habe ich in der Wochenschau hingewiesen, als Russland den Krieg begann. Ein weiteres Mal anlässlich der Erinnerung an Lew Sinowjewitsch Kopelew, denn der beschrieb den Holodomor gleich zweimal. In seiner Autobiografie "Und schuf mir einen Götzen" beschrieb Kopelew, wie er als überzeugter Kommunist und jugendlicher Aktivist mithalf, das Saatgut und das Futtergetreide der Bauern für den Sieg der Sowjetunion zu akquirieren. Solchermaßen wurde die Hungersnot ausgelöst, der in der Ukraine und in Kasachstan etwa vier Millionen Menschen zum Opfer fielen. In einer ersten Reaktion auf diese Einordnung hat der ukrainische Präsident Selenskij die Entscheidung des Bundestages begrüßt. Bereits 1992 sprach sich der kasachische Präsident Nasarbajew dafür aus, die Hungersnot in seinem Land als Völkermord anzuerkennen. Natürlich findet man in Russland die Einordnung nicht richtig: "Die Deutschen versuchen, ihre Geschichte umzuschreiben ... ihre eigene Schuld herunterzuspielen und die Erinnerung an die beispiellose Natur der zahllosen Verbrechen, die von Nazi-Deutschland während des Zweiten Weltkriegs begangen wurden, zu verwischen", erklärte das Außenministerium.

*** In seiner zweiten Autobiografie "Aufbewahren für alle Zeit" von 1976 kann man nachlesen, wie sich Kopelew als Soldat von Kommunismus abwandte – und von seinem Vorgesetzten denunziert wurde. Wegen "mangelnder Wachsamkeit und bürgerlich-humanitärer Einstellung in Form von Mitleid mit den Deutschen“ wurde er vor ein Militärtribunal gestellt und dann auf eine Odyssee durch die Straflager der Sowjetunion geschickt. In Kopelews Autobiografie findet sich ein hellsichtiges Nachwort von Kopelews Freund Heinrich Böll, in dem dieser anmahnte, dass die Deutschen nie vergessen dürften, was sie vor 1945 anderen Völkern angetan haben, ehe sie sich mit dem beschäftigen, "was uns nach 1945 angetan wurde. Der ganze Zusammenhang muss hergestellt, gemeinsam erörtert und analysiert werden," schrieb Böll. 46 Jahre später lernen wir zusammen mit den leidenden Menschen in der Ukraine einen neuen Begriff, nämlich den Versuch, die Menschen zu erfrieren: Kholodomor nennt das die Autorin Zarina Zabrisky. Das soll verschleiern, wie sich die Gopnik-Bande mit ihrem Führer Wladimir Putin im Politiker-Kostüm daran macht, ihre Macht zu verteidigen und weiterzugeben. Putin ist siebzig. "Die Mitglieder seiner 'Familie' sind zwischen zweiundsechzig und fünfundsiebzig Jahre alt, es sei an der Zeit, die Geschäftsübernahme durch die 'Generation 2' in die Wege zu leiten, die jener der Väter Straffreiheit garantieren soll. Ein Krieg und die damit einhergehende Schaffung einer Diktatur in Russland verhinderten jede öffentliche Diskussion über diesen lautlosen, bereits in Gang befindlichen Stabswechsel", schreibt François Bonnet in der Revue du Crieur. Vielleicht sollte auch Bundesolaf diese Analyse lesen. "In Putins Kopf" von Michel Eltchaninoff und "Putins Netz" von Catherine Belton soll er ja schon gelesen haben vor seinem Telefonat mit dem Ober-Gopnik. Eine Stunde lang haben sie zu Beginn des Kriegswinters telefoniert.

*** Während Elon Musk mit dem von ihm angerichteten Chaos auf Twitter auf einen Abgrund zudonnert, ereignen sich kuriose Sachen. Da ist etwa das Foto von seinem Nachttisch mit vier leeren Cola-Dosen, einer Wasserflasche und ein paar Dingen, die die US-Journalisten prompt an die Grenzen ihre Qualitäts-Recherche brachten. Eine antike Waffe erkannte die New York Post als Replika einer Pistole von George Washington, eine andere Knarre ist ein Nachbau aus dem Videospiel "Deus Ex: Human Revolution". Uneinig sind sich die Rechercheure über etwas, das an ein Amulett erinnert. Der britische Independent spricht von einer Faustwaffe des Hindu Gottes Indra, die New York Post von einem Meditationsinstrument namens Vajra Dorje. Die Musk-Expertin Kara Swisher wird mit der netten Aussage zitiert, dass Musk "seinen eigentlich scharfen Verstand" verloren habe. Doch der Sinn des Foto-Dramas ist noch nicht erschlossen, ganz wie der Kauf von Twitter.

*** Womöglich gehören auch die ominösen Twitter-Files dazu, die Musk zusammen mit dem Journalisten Matt Taibbi in Portiönchen über die kommende Woche veröffentlichen will, eine Sammlung, die die politische Zensur durch die Demokraten belegen soll. Der damit angedeutete Einsatz für Musks Idee der "free speech" könnte sich auch als free Unsinn herausstellen, weil Penis-Bilder gelöscht wurden. In jedem Fall wird deutlich, dass jemand wie Musk keine Hemmungen hat, die interne Kommunikation von Twitter auszuschlachten. Das wird er auch mit den direkten Messages der Nutzer machen. Hübsche Nachrichten haben Sie da, wär doch schade, wenn sie öffentlich werden ... Die Implosion könnte heftig werden. Davon abgesehen ist da auch die Drohung der EU-Kommission interessant, mit Strafzahlungen und der Abschaltung von Twitter Musk zur Annahme von Regeln und Gesetzen zu zwingen. Wäre da eine kleine Sperre der Server drin oder müssen gar Apple und Google die Apps aus ihren Bauchläden entfernen?

*** Schlägt man die Wirtschafts- und Finanzseiten deutscher Blätter auf, so ist es auffällig, wie viel Gewese dieser Tage um Krypto gemacht wird. Schließlich rüttelt der Zusammenbruch von Blockfi und die Notbremse von Bitfront an den Nerven der Investoren. Kann ich noch in Krypto investieren? fragt besorgt ein Blatt, während ein Magazin darüber recherchiert, wie Warren Buffett mit der Krise umgeht. Die erste Antwort wäre ein schlichtes Nein, die zweite wäre, dass selbst ein Buffett die Finger von dem ungeschützten Zeug lässt. Dann wäre da noch der solide Tipp mit den bleibenden Werten. Doch siehe da, ein weihnachtlicher Trend wird deutlich: Die Preise von Rolex-Uhren, Patek Philippe und Audemars Piguet fallen deutlich, die Crypto Bros haben keine Lust auf Spielzeug mehr, schreibt ein gewisser Tyler Durden.

Sie machen früh Werbung für den nächsten Antiken-Raub von Indiana Jones, The Dial of Destiny genannt. Der Atlas Farnese scheint zu Bruch zu gehen, doch was ist mit dem Original, unserer blauen Murmel, die uns durchs Weltall trägt. Am Dienstag will die Internationale Energie-Agentur ihren Bericht über die Entwicklung bei den erneuerbaren Energien vorstellen und sagen, ob es noch Hoffnung gibt für die Umwelt und uns. Parallel dazu kommt ein weihnachtlich gestimmter Roman in die Buchhandlungen, der den harmlosen Titel Die Angestellten hat. Die Angestellten sind 6000 Menschen und Cyborgs in einem Raumschiff, die einen Planeten namens "Neuentdeckung" erkunden und ahnungslos Steine mit an Bord nehmen, die eine Einheit sind und Träume bei den Angestellten erzeugen. Am Ende überleben nur die humanoiden Cyborgs und schicken Aufnahmen zur Erde, wie schön die "Neuentdeckung" ist, doch die Erde ist längst unbewohnbar. Wie schrieb es die KI-Kolumnistin Anic T. Wae in der tageszeitung? Die Zukunft gehört den Maschinen. Das merkt man doch in der aktuellen hochdramatischen Versorgungslage in den deutschen Kinderkliniken, weil es viel zu viele Behandlungsplätze gibt.

Aber was soll's, im Mai wird alles gut, wenn die Guardians of the Galaxy endlich zur endgültigen Rettung der Welt antreten. Fragt sich nur, welcher Welt. Und letztlich sind's doch eh die Katzen, die überleben werden. Ob sie dafür nun zum Mars fliegen müssen oder nicht.

(jk)