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Was war. Was wird. Vom Nutzen und Frommen der Teleüberwachung und Telearbeit.

Die EU will mit ihrer Maximalforderung das digitale Briefgeheimnis aufheben – Widerstand folgt prompt. Hal Faber fragt sich: Wer darf denn noch mit wem reden?

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Soll ein Anbieter alle Chats von Erwachsenen mit Jugendlichen unterbinden? Sollen Eltern eine Auswahl treffen, mit wem ihre Kinder chatten dürfen und mit wem nicht?

(Bild: AdriaVidal/Shutterstock.com)

Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Die einen nennen es Chat-Überwachung, die anderen nennen es Chatkontrolle, während die Juristen der EU nur vom Grooming reden. Was das Wort eigentlich mal bedeutete, habe ich in der letzten Wochenschau erklärt. Ob Groomingkontrolle oder Chatkontrolle, bedenklich ist diese Teleüberwachung allemal. Deshalb ist es ein gutes Zeichen, dass eine Petition gegen die neueste Spielart der Überwachung und Aushebelung des Briefgeheimnisses innerhalb eines Tages mehr als 100.000 Unterschriften sammeln konnte. Den mitzeichnenden Netzwesen ist es klar, welches Ausmaß an Überwachung hinter dem Vorschlag der EU steht, Chats zu überwachen, in denen Erwachsene sich als Jugendliche ausgeben. Das beginnt mit dem Vorschlag, zur Alterskontrolle die datenschutzfreundliche Online-Lösung des Personalausweises zu nutzen, die zu einer abgefragten Identität die Angabe übersenden kann, ob jemand über 18 Jahre alt ist. Das wäre als "Funktion zur Altersüberprüfung", wie sie die EU einführen will, noch hinnehmbar. Aber wie geht es weiter? Soll ein Anbieter alle Chats von Erwachsenen mit Jugendlichen unterbinden? Sollen Eltern eine Auswahl treffen, mit wem ihre Kinder chatten dürfen und mit wem nicht? In dieser Hinsicht ist es interessant, wie unterschiedlich Kinderschutz-Organisationen das Vorhaben bewerten. Die einen beschreiben es als "massiven Eingriff in rechtsstaatliche Grundsätze", die anderen sprechen von einem "riesigen Dunkelfeld" und von einem Netz, in dem große Provider bereits jetzt "Milliarden von Missbrauchsabbildungen" löschen müssen. Dann gibt es noch die Spielart, die Sache als Maximalforderung zu begründen, die in den ein, zwei Jahre bis zur Endfassung des Gesetzes abgeschliffen werden wird.

"Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen." (Karl Valentin) – Und die EU will noch bei allem zuhören.

*** Nun ist nicht nur die Europa mit dem Kinderschutz beschäftigt. In dieser Woche hat sich auch die US-amerikanische Federal Trade Commission mit dem Kinderschutz befasst und einstimmig (!) ein Statement (PDF-Datei) über die Fortschreibung des Children’s Online Privacy Protection Act (COPPA) verabschiedet. Kinder sollen besonders vor zudringlicher Werbung geschützt werden, so die FTC. Dafür gab es Lob von Präsident Biden: "Wenn Kinder und Eltern auf Online-Angebote zum Unterricht zugreifen, dürfen sie nicht zur Akzeptanz von Überwachungs- und Verfolgungsmethoden gezwungen werden." Welche Folgen das für Anbieter und Provider haben wird, wird sich zeigen. Die FTC hat dazu für den 19. Oktober eine Online-Anhörung über verdeckte Beeinflussung durch EdTech-Tools angekündigt.

*** In dieser kleinen Wochenschau ist mehrfach vom Anthropozän die Rede gewesen, das neue Erdzeitalter, das das Holozän ablöst. Im Anthropozän übernimmt der Mensch die nicht reversible Umformung der Erde. In Berlin ist in dieser Woche die Shortlist der internationalen Kommission für Stratigraphie präsentiert worden, die den "Golden Spike" sucht, den Bohrkern, mit dem der Übergang vom Holozän zum Anthropozän dokumentiert wird. Passend zur Präsentation wurde die Ausstellung Earth Indices eröffnet. "Einig ist man sich mittlerweile darin, den Beginn des Anthropozäns auf die Fünfzigerjahre zu datieren, den Zeitpunkt, zu dem die als 'Great Acceleration' bekannt gewordenen Diagramme einen steilen Kursverlauf nach oben zeigen. Es ist der Beginn der westlichen Konsumgesellschaft – und damit der Prozesse, die das Erdsystem nun destabilisieren. Dass der Mensch die klimatischen Bedingungen verändert, die die Zivilisation erst haben entstehen lassen, ist nur einer davon." Das steht hinter einer Feuerwand der Zeitung für kluge Köpfe, gewissermaßen als Kommentar zu den Tornados über Paderborn und Lippstadt und dem Unwetter im Ahrtal. Klima ist teuer.

*** Nach all den offenen Briefen und dem wagengeknechteten Gerede über einen Verhandlungsfrieden haben ukrainische Philosophen und Wissenschaftler ein paar Antworten aufgeschrieben, was die gefährlichen Irrtümer dieser beschwichtigenden Positionen anbelangt. In der erwähnten Zeitung versucht sich der Philosoph Anatoliy Yermolenko an einer Antwort auf Habermas, in den USA haben vier Wissenschaftler:innen einen offenen Brief an Noam Chomsky geschrieben. In gewisser Weise mag man auch Paul Mason dazurechnen, den britischen Marxisten, der gerade ein Buch veröffentlicht hat über den Faschismus und wie man ihn stoppt. Übrigens spricht man in der Ukraine vom Ruscismus.

Ab kommenden Montag sollte bei Apple die neue Rückkehrpflicht ins Büro umgesetzt werden, die montags, dienstags und donnerstags gelten sollte. Die hybride Gängelung sorgte dafür, dass der Top-Manager Ian Goodfellow von Apple zurück zu seinem alten Arbeitsplatz bei Google wechselte. Ob er nochmal wechselt, steht in den Sternen, denn Apple hat die Regelung der Rückkehrpflicht erst einmal ausgesetzt. Nach dem angeblichen "Ende" der Pandemie haben wir sie wieder, die Debatte über die Heimarbeit im Büro. Die kann man mit lustigen Tipps führen wie diesem hier, der echt nach den ollen 80ern und 90ern klingt: "Bei Problemen mit der Bürotechnik kann man 'die EDV' anrufen." Man kann auch die Debatte im Stil der damaligen Zeit führen, als man von Telearbeit sprach, die die Gewerkschaften einstmals verbieten wollten. Wie hieß es damals optimistisch? "Besonders attraktiv werden vermutlich Mischformen alternierender Telearbeit sein, zum Beispiel in wohnungsnahen Satelliten- oder Nachbarschaftsbüros. Diese Form bietet vielfältige Vorteile, da hier auch direkte Kontaktmöglichkeiten bestehen, die nun einmal auch durch noch so komfortable Technik nicht zu ersetzen sind. Besonderes Augenmerk verdient die sich abzeichnende Herausbildung von Telearbeitern erster und zweiter Klasse – also mit und ohne geregelte Arbeitsverhältnisse."

Als Arbeiter zweiter Klasse mit einem erfüllten Teleleben lesen sich die Berichte aus dem Brexitland besonders lustig. Dort hat Minister Jacob Rees-Mogg mit seiner Verfügung über das Ende des Home Office für ordentliches britisches Chaos gesorgt. Sein Ministerium hat in London 1100 Schreibtische für 2268 Mitarbeiter, die Dependance in Sheffield nur 790 für 1498 Mitarbeiter. In ihrer Verzweiflung arbeiteten sie sogar auf dem Klo. Dafür gibt es schöne Tipps vom Großraum-Experten: "Menschen machen Geräusche, die nicht unmittelbar der Erledigung beruflicher Aufgaben dienen. Menschen riechen."

Das Telehaus Nordhorn war ein Projekt für Telearbeiter in den 80ern. Damals wohnte Hal Faber auf dem platten Land auf einem Bauernhof und versuchte, wenigstens ISDN zu bekommen.

Doch halt, das große Drama neben der Klimawende liegt noch vor uns. In vier bis fünf Jahren wird es einen großen Lehrermangel geben, vor allem in den MINT-Fächern wie Mathematik und Informatik. Das sagt ein Experte, der sehr besorgt ist um das Wohl Deutschlands. "Wenn er sehr schlimm ist und wir zu wenige Lehrer für die MINT-Fächer an der Sekundarstufe I bekommen, muss man darüber nachdenken, die Anforderungen im Fachstudium in diesem Bereich zu vereinfachen und mit entsprechender Didaktik zu unterfüttern. Das ist immer noch besser, als Lehrer fachfremd einzusetzen. Für die Sekundarstufe II, insbesondere die Leistungskurse, ist das natürlich keine Option." Das ist das berühmte "alternativlos" in vornehm.

(tiw)