Was war. Was wird. Vom Schultern der Särge und anderen Anstrengungen nach 9/11

Am 11. September 2001 wurde klar, dass die Welt sich verändert. Einige der Veränderungen gefallen Hal Faber aber ganz und gar nicht.

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(Bild: Shutterstock/Chinnapong)

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  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Das Schreiben einer kleinen Wochenschau ist eigentlich ein vergnügliches Geschäft. Es ist ja immer was los in der IT und auch in der großen Politik sind mehr Schrauben locker, als wir ahnen. Aber es gibt auch Momente, an den es schwerfällt, die Gedanken zu formulieren. Als vor 20 Jahren das World Trade Center einstürzte, half mir der großen Dichter W.H. Auden mit Zeilen aus seinem Zyklus "Zeitalter der Angst". Kein Klavier. Zu dunklem Trommelschlag / Klagt euer Weh und schultert den Sarg, so endete das ganz und gar nicht vergnügliche Was war, was wird. Auch heute soll kein Klavier klingen, obwohl aus Audens Werk eine Art Symphonie entstand, Bernsteins Nr. 2 für Klavier und Orchester. Vor 20 Jahren war klar, dass sich die Welt verändern wird, aber wie würde sie sich verändern? Schauen wir mal auf die technischen Prognosen und was von ihnen übrig geblieben ist. Was das politische Versprechen der USA anbelangt, Al Qaida zu jagen und zu vernichten, so ist ja bekannt, was daraus geworden ist und was sich allen Versprechungen zum Trotz nicht eingestellt hat. 20 Jahre Selbstbetrug enden hinter dem Bezahlwall mit der Feststellung: "Das Mindeste, was der Westen angesichts der neuen Glaubensdiktatur in Afghanistan zu tun hat, ist: denen Zuflucht zu gewähren, die dieser Dunkelheit entkommen können." Wer die kleinteilige Debatte darüber verfolgt, wer kommen darf und wie Menschen sicherheitsüberprüft werden können, sieht eine Bürokratie der übelsten Sorte.

Ein Ausschnitt aus der Palantir-Broschüre erklärt, wie man einen Terroristen findet.

*** Bemerkenswert, dass damals unmittelbar nach dem Stopp des internationalen Flugverkehrs Videokonferenzen angesagt waren, bei denen sich Europäer vor Ort versammelten, während unsere amerikanischen Freunde online zugeschaltet waren. Das hörte später wieder auf, ist aber in den Zeiten der Pandemie das berühmte neue Normal geworden. Man gucke nur in die aktuelle c't mit dem Schwerpunkt über hybride Konferenzsysteme. Was aber ist von dieser Prognose im WWWW zu halten? "Das Internet, wie wir es kennen, ist mit dem 11.9. am Ende. Sein Einsturz ist langsamer, beginnt mit der Pflicht zu Authentifizierung und Identifizierung in IPv6, dem Verbot der Kryptografie, der Installation von Carnivore, wo es nur möglich ist und dem Stopp der Debatte über Freiheit, Privatsphäre und Sicherheit." Na, wem kommt das nicht bekannt vor? Die Debatte über das Verbot der Kryptografie führen wir wieder und wieder, diesmal erweitert um eine staatliche Stelle namens ZITiS, die geschaffen wurde, um "die Bedarfsträger, wie das Bundeskriminalamt, die Bundespolizei und das Bundesamt für Verfassungsschutz, im Umgang mit verschlüsselten Daten zu beraten und zu unterstützen." Wobei man bei der Aufgabenbeschreibung der Bedarfsträger noch die Bundespolizei erwähnen könnte, die es seit 2005 gibt und sich den terroristischen Bedrohungen an der Außengrenze und den Bahnstrecken widmet. OK, der Dienst begann als Bundesgrenzsschutz und feiert heute am Point Alpha seinen 70. Geburtstag mit einer Rede von Kulturstaatsministerin Monika Grütters über gelebte Grenzkultur.

*** Auch die Debatte um Freiheit, Privatsphäre und Sicherheit wird weitergeführt. Wenn diese Übersicht von Netzpolitik stimmt, dann wurden in Deutschland in den letzten 20 Jahren mehr als 50 Gesetze eingeführt, verändert und verabschiedet, die die Überwachung ausgebaut haben. Dazu muss man die stetig wachsenden Budgets für die Sicherheitsapparate rechnen, die neuen wie etwa ZITis wie die alten Rösser Verfassungsschutz oder BND, der "seit Snowdens Enthüllungen" seinen Etat verdreifachen konnte. Der Journalist Markus Richter zieht eine bittere Bilanz: "Bürgerrechtler:innen können nur auf sehr wenige gewonnene Schlachten verweisen, unter ihnen ein paar überwachungseinschränkende (Verfassungs-)gerichtsurteile, die Datenschutzgrundverordnung und die Abwehr anlassloser Polizeistreifen". Das war's schon.

*** Vor 20 Jahren gab es auch Fehlprognosen wie die der Installation von Carnivore. Erinnern wir uns: Carnivore war ein Projekt des FBI, dass Internet-Aktivitäten von verdächtigen Menschen verfolgen und auf kriminelle Inhalte hin untersuchen sollte. Das Projekt, das vor dem 11. September 2001 heftig diskutiert wurde, scheiterte. Lakonisch meldete der Newsticker im Jahre 2005: FBI nutzt Überwachungssystem "Carnivore" nicht. Nanu, gab es auf einmal rechtsstaatliche Bedenken, das auch gegen Amerikaner gerichtete System einzusetzen? Aber nicht doch, schon der Untertitel stellte es richtig dar: "Statt auf das eigene Internet-Überwachungssystem greifen die Ermittler des FBI lieber auf kommerzielle Software zurück." Im Text ist von nicht genannten kommerziellen Produkten die Rede, doch nach Nine-Eleven entstanden eine ganze Reihe von Unternehmen im Kampf gegen den Terror, allen voran die Firma Palantir Technologies. Das ist die sympathische Firma, bei der dieser Tage ein Konfigurationsfehler dafür sorgte, dass FBI-Beamte unerlaubten Zugriff auf private Daten des unter Anklage stehenden Programmierers Virgil Griffith bekamen, die sie gar nicht einsehen durften. Ansonsten stimmt der Trend: Ermittler greifen nun auch bei uns auf kommerzielle Software zurück, wie das Beispiel von Pegasus beim BKA zeigt. Natürlich auf Basis der gut ausgebauten Ermittlungsrechte und Gesetze.

*** Wo bleibt das Positive? Vor 20 Jahren feierte der Chaos Computer Club den 20. Geburtstag des Clubs und den Todestag von Wau Holland leicht verspätet mit dem Projekt der Blinkenlights. Das war eine Installation von 18 Baustrahlern, die im leeren "Haus des Lehrers" am Berliner Alexanderplatz aufgestellt und von einem Rechner angesteuert wurden. Stimmt die Erzählung des Hacker-Papstes Peter Glaser, so erfolgte die Gründung des CCC in den Räumen der taz am 12. September 1981, nachdem eine Kleinanzeige in der Zeitung erschienen war. Obwohl der Name des Clubs später entstand, seine Vereinstätigkeit noch später besiegelt wurde, gilt die taz-Anzeige "Komputerfrieks gesucht" als Gründungsdokument des Clubs. Er wird somit heute 40 Jahre alt. Ein Lied von Wau zur Feier:

Gib ein neues Passwort ein
Oft fliegst du raus, mal kommst du rein
Schau genau beim Tippen zu
Wir hacken, hacken, hacken.

Find vom Chef die Freundin raus
Probiere ihren Namen aus
Tast dich ran mit Ruh im Nu
Zu hacken, hacken, hacken.

Begreife endlich das System
Dann hast du es ganz bequem
Was du willst, das tu, ja tu
Du Hacker, Hacker Hacker!

Als die Blinkenlichter im Dezember 2001 die Nacht verschönerten, war das "Haus des Lehrers" eine Ruine, die nebenan gebaute realsozialistische Utopieschüssel namens bcc noch nicht renoviert. Später wurde sie in Gebrauch genommen und auch vom CCC bespielt: Von 2003 bis 2011 fand im bcc der Jahresendcongress statt. Auf den Congress folgte in der Regel der Europäische Polizeikongress des Behördenspiegels. Es gab Witze darüber, dass die Hacker ja was installieren könnten, um die Polizeitaktiker zu beobachten. Im Jahre 2012 besuchte ein ziemlich bekannter Sprecher des Chaos Computer Clubs im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit für seinen Arbeitgeber den Polizeikongress. Das war dem Veranstalter zu viel, der mehrfach sicherheitsüberprüfte Sicherheitsforscher wurde wegen des Verstoßes gegen die Geschäftsbedingungen rausgeworfen. Angeblich hatte sich der CCC nicht ausreichend von einem Vorschlag auf Indymedia distanziert, das Kongressgebäude zu verwanzen. Der Vorschlag war in einer Indymedia-Diskussion der Gruppe aufgetaucht, die regelmäßig Demonstrationen gegen den Polizeikongress veranstaltet.

Die Vorgeschichte bringt uns schnurstracks zurück in die Gegenwart, denn in der nächsten Woche findet wieder ein Polizeikongress mit einer kleinen Messe der Hersteller von Überwachungstechnik vor Ort statt. Auch die weiter oben erwähnte nette Firma Palantir ist mit einem Stand dabei. Das Thema des Kongresses, der 2020 wegen der Pandemie ausfallen musste, ist ziemlich aktuell Europa im Krisenmodus: Legitimität – Führung – Ausstattung. Nicht dabei sind Journalisten von Netzpolitik.org, denn sie wurden wieder einmal nicht zugelassen. Diesmal lautet die Begründung, dass wegen Corona nur Tages- und Wochenzeitungen sowie Fachzeitschriften und Rundfunkanstalten akkreditiert werden. Davor gab es andere Begründungen. Nun ist der Polizeikongress eine Veranstaltung eines privaten Unternehmens, das viele solcher Krisen-Veranstaltungen durchführt. Es kann von seinem Hausrecht Gebrauch machen und Personen ausschließen oder gar nicht erst zulassen. Fair wäre es aber, klipp und klar die Gründe zur Ablehnung zu nennen.

Kann man Altlasten auch mit dem Lastafahrrad entsorgen?

(bme)