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Was war. Was wird. Von Bären und billigen Broilern.

Die Gematik stoppt das Videoident-Verfahren im Gesundheitswesen. Ein Bärendienst? Ja, gut so, brummt Hal Faber. Und lässt eine Fluch-KI auf Forenkommentare los.

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Banalsexgeiler Billigbroiler? Oder Fluch-KI? Hal Faber wirft Letzteres an und erhält Ersteres, um manche Forenkommentare zu brandmarken. Aber eigentlich mag er alle Menschen, die Woche für Woche diese kleine Kolumne mit ihren Kommentaren veredeln.

(Bild: ONGUSHI/Shutterstock.com)

Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Huch, das war eine kalte Dusche in der heißen Woche: Videoident, das unglaublich beliebte Verfahren der Identifikation mit einer Webcam und dem in die Kamera gewedelten Ausweis, ist praktisch tot. Noch hat nur die Gematik die Einsicht bewiesen und das Videoidentifizieren untersagt, während BaFin und BnetzA verzweifelt an der "Brückentechnologie" festhalten. Das zeigt, wie unfähig diese Aufsichtsbehörden sind. Man braucht nur in der Dokumentation (PDF-Datei) des Chaos Computer Clubs die Videoident-Zeitleiste ab Seite 27 zu blättern und findet zahlreiche Hinweise zu dieser Unsicherheitstechnologie, die von Datenschützern bemängelt und vom BSI kritisch eingeschätzt wird. Bereits im Bericht des Bundesdatenschützers für die Jahre 2013-2014 heißt es: "Ob die Zuverlässigkeit der 'Inaugenscheinnahme' einer Person und ihres Ausweises mittels Videotechnik dem unmittelbaren persönlichen Kontakt gleichgestellt werden kann, erscheint mir mehr als fraglich. Über eine Videoverbindung können beispielsweise Sicherheitsmerkmale des Ausweises wie Hologramme nicht eindeutig als echt erkannt werden." Die Empfehlung von damals, lieber ein Verfahren wie Postident einzusetzen, mag im Zeitalter von Corona mit der wieder anstehenden Maskenpflicht und den outgesourcten Postfilialen etwas veraltet sein, ist aber immer noch besser als das Gebrumm des Branchenverbandes Bitcom, die Gematik habe der Branche mit dem Verbot von Videoident einen "Bärendienst" erwiesen. Wer sich an La Fontaines Fabel Der Bär und der Gartenfreund erinnert, weiß auch, dass der treue Bär die lästige Fliege, die auf der Nase des schlafenden Gärtners sitzt, mit einem Pflasterstein erschlägt, der eben auch den Gärtner tötet. So stimmt die Aussage des Bitkom am Ende, denn Videoident ist in all seinen Varianten tot, ob sie nun WebID oder Identity.TM oder IDNow heißen. Und die Moral von der Geschichte entnehmen wir Fontaines Gedichte: "Nichts bringt so viel Gefahr uns als ein dummer Freund; weit besser ist ein kluger Feind."

In der Fabel erschlägt der treue Bär die lästige Fliege auf der Nase des Gärtners – und damit auch den Gärtner. Ein 'Bärendienst' – der aber manchmal etwas Gutes hat, etwa wenn Videoident in allen seinen Varianten stirbt.

*** Der Bundesnachrichtendienst gehört zu den klugen Freunden, immer bereit und aktiv, Schaden vom deutschen Volke abzuwenden. Passiert ist es dieser Tage mit Geheime Dienste, einem deutschen Buch über die Inlandsspionage des BND. In ihm sind alle Passagen geschwärzt, die sich mit dem Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem befassen und die Rolle des BND in diesem Verfahren beleuchten. Geschrieben wurde das Buch von einem Historiker, der im Auftrag des BND dessen Geschichte aufarbeitet. Wieso erst im Druck die Schwärzungen erfolgten, obwohl das Manuskript sicherlich vorab den Meisterspionen vorlag, dürfte eine interessante Geschichte sein. Wer mit diesen Schwärzungen in letzter Minute geschützt werden soll, darüber gibt es viele Spekulationen, warum das "Wohl der Bundesrepublik" auch nach 60 Jahren in Gefahr ist. Die Schwärzungen kann übrigens jeder nachschlagen, nur nicht der Rezensent, der das Buch über den Nachrichtendienst des Bundeskanzlers Adenauer in einer Zeitung besprochen hat. Das ist kein Zufall, denn der Rezensent ist der Berliner Verfassungsschützer Müller-Enbergs. Man ist gewissermaßen unter Freunden, lässt die kleine Kalamität einfach weg und schwurbelt lieber von mangelnder "Validität intellektuell gebotener Aktendurchdringung". Will uns da jemand einen Bären aufbinden? Was übrigens niemand anderer als Heinrich Heine in seinen Reisebildern mit Bären aus Spitzbergen erklärt hat, die in Berliner Restaurants schlemmten, "was ihnen oft mehr Geld kostet, als sie mitgebracht; in welchem Falle einer von den Bären so lange dort angebunden wird, bis seine Kameraden zurückkehren und bezahlen, woher auch der Ausdruck ›einen Bären anbinden‹ entstanden ist. Viele Bären wohnen in der Stadt selbst, ja man sagt, Berlin verdanke seine Entstehung den Bären und hieße eigentlich Bärlin."

*** Wer einen klugen und ehrgeizigen Feind wie Wladimir Putin hat, muss immerzu auf der Hut sein und ein "Lenchen" zur Hand haben, wie eben der BND zu der Zeit, als Putin als KGB-Agent in Dresden im Einsatz war. Wo Agenten fehlen, können Analysten und Wissenschaftler zu Worte kommen und berichten, wie Putins System unter Druck steht. Ob der "neue russische Faschismus mit der klassischen Triade Führer, Staat und Volk" funktioniert, hängt auch davon ab, wie der russische Geheimdienst FSB das russische Volk abhören kann – so begegnen wir in der Analyse des Wissenschaftlers unversehens der Geschichte von Russlands Prism-System aus dem Jahr 2019, wenn es heißt: "Ich möchte nur daran erinnern, dass es auch in Russland unter Putin Aufstandsversuche gab. Diese endeten immer damit, dass Putin irgendeinen gigantischen Milliardenvertrag abgeschlossen hat. Nehmen wir die finnische Firma Nokia. Mittlerweile wissen wir, dass Nokia in Russland ein großes Überwachungssystem aufgebaut hat, von dem klar war, dass Putin dieses System gegen seine Gegner einsetzen wird. Jetzt tritt Finnland der Nato bei. Wo ist da die Logik? Wenn sich das Kapital verselbstständigt und es unmöglich wird, es zu kontrollieren, dann ist das ein allgemeines Problem." Was von diesem System zu halten ist, liegt im Auge des Betrachters. Erinnert sei daran, dass nach dem Wiederauftauchen der Vorwürfe von 2019 Nokia eine Darstellung veröffentlichte, dass man lediglich eine Schnittstelle für "Lawful Interception" realisiert habe, wie es sie in allen TK-Netzen der Welt gibt.

*** Alles hat seine Richtigkeit. In diesem Zusammenhang sollte man einmal die Ausführungen der NSO Group über ihr Schnüffelprogramm Pegasus lesen, die Netzpolitik.org verdienstvollerweise veröffentlicht hat. Gewissenhaft prüft man die Logfiles der Staaten, denen man die Software verkauft hat, und wehe, wehe, man findet eine Überwachungsmaßnahme, die nicht dem Kampf gegen den Terror dient oder der Aufdeckung von Kinderpornografie. Dann schaltet man dem betreffenden Staat flugs das Schnüffelsystem ab. Soll man der schönen, heilen Welt glauben, von der der Justitiator Chaim Gelfand vor dem Untersuchungsausschuss des Europaparlaments berichtet? Wie war das noch mit den Beteuerungen der israelischen Polizei, Pegasus niemals eingesetzt zu haben? Ach, da hieß die Software noch Seifan? Andere Länder, andere Sitten. Wie Überwachung in China geht, kann man in dem traurigen Brief aus Wuhan nachhören, in dem die Schriftstellerin Fang Fang aus ihrem Leben erzählt: "Letztes Jahr im Juni luden mich Freunde zu einem Ausflug nach Lizhuang in der Provinz Sichuan ein, das für seine schöne Altstadt bekannt ist. Wir fuhren mit dem Auto. Auf halber Strecke erhielten meine Freunde dringende Anrufe von der Arbeit, sie müssten noch am selben Abend zurückkommen. Danach wurden sie von der Polizei vorgeladen und verhört. Das Hotel, in dem ich in Lizhuang übernachten wollte, durfte mich nicht aufnehmen. So zu leben erzeugt ein Gefühl großer Ohnmacht. Das, was die Behörden mit mir machen, nenne ich 'kalte Staatsgewalt'. Wenn die Staatsmacht und böswillige Kräfte sich im Land zusammentun, kann ich nur noch schweigen."

Eigentlich mag ich alle Menschen, die Woche für Woche diese kleine Kolumne mit ihren Kommentaren veredeln. Doch manchmal sind pornplumpe Trashflegel unter ihnen, ein ork-stylisches Visionärswürstchen, gar ein stussdusseliger rasseldürrer Zombie oder banalsexgeiler Billigbroiler. Nein, ich habe keinen Sonnenstich, sondern eine ganz raffinierte KI angeworfen, die auf einem Server im Frankfurter Raum hockt und solche Flüche generiert. Er ist passend zur Ausstellung Potz! Blitz! – Vom Fluch des Pharao bis zur Hate Speech programmiert worden, die laut "Expotizer" (früher hieß das Museums-Website) gerade eröffnet wurde. Da kann man so einiges lernen, etwa das schlimme schwäbische Schimpfwort Halbdackel, das sich für einen Bewohner der nördlicheren Tiefebene ganz harmlos anhört.

Vom Fluch des Pharao bis zur Hassrede – Schimpfwörter hier im Bild.

Verflixt nochmal, fluchte der kleine Nick. Sempé ist tot. Lasst alle Geigen schweigen.

(tiw)