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Was war. Was wird. Von Felsen und anderen Gestalten.

Manche gehen, manche kommen, manche bleiben. Manchen, auch manchem wird zu viel Bedeutung beigemessen, meint Hal Faber, der bei vielem den Kopf schüttelt.

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Auch eine Form der Kommunikation. Doch Handeln verbindet der Kater damit erstmal nicht. "Diskurse herrschen nicht. Sie erzeugen eine kommunikative Macht, die die administrative nicht ersetzen kann, sondern nur beeinflussen kann."

(Bild: Fritz und Ella, Zitat: Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit)

Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Queenhood: it is the skies, it is also the soil
of the land. It is life behind glass walls and fortified stones.
Robe and stole are lifted onto your shoulders – both shield and yoke.
Motherhood and womanhood will be taken as read.
‘Multitasking’ will be canonised as a new word.
Simon Armitage, Queenhood

Queen Elizabeth II ist gestorben. Die lange Zeitspanne ihrer Regentschaft kann man damit beschreiben, wie Großbritannien sich als Kolonialmacht verabschiedete oder eben technisch. Als Prinzessin war sie im Februar 1951 dabei, als der Computer LEO vom imperialen Tee-Giganten Lyons seine erste Berechnung durchführte. Als stolze Königin schickte sie im März 1976 ihre erste E-Mail ins Arpanet. Im Oktober 2014 schickte die Königin, die in 70 Jahren ihrer Regierungszeit kein einziges Interview gab, einen Tweet in die geschwätzige Twitter-Welt. Never complain, never explain. Dazwischen lagen andere königliche Pioniertaten wie die erste Fernsehansprache zu Weihnachten 1957 oder eben auch das Begräbnis von Prinzessin Diana als geschätzter Weltrekord mit 2,5 Milliarden Zuschauern vor 25 Jahren – und mit verheerenden Folgen für das Ansehen der Krone. Wobei bemerkenswert ist, dass König Charles III in seiner ersten Ansprache als solcher mit Liebe auch der Abtrünnigen der "Firma" gedachte, die unterdessen im trostlosen Düsseldorf weilen, wie die ZEIT berüchtete. Wie der neue König die Last der Krone (zweieinhalb Kilo, Elizabeth übte angeblich ihre Reden mit Mehlsäcken auf dem Kopf) tragen wird, dürfte interessant sein. Poetisch, wenn auch metaphorisch leicht missglückt, gab sich auch die neue Premierministerin: "Das Land trauert um den Felsen, um den das moderne Großbritannien gebaut wurde."

*** Wir trauern derweil um die hübsche, doch rundum falsche Geschichte, dass die Königliche Hoheit bei ihrem ersten Besuch in Westdeutschland Marbach und Marbach verwechselte. Wahrscheinlich wird auch die Behauptung eines gewissen Donald Trump falsch sein, dass Elizabeth II ihn im Geheimen in den Adelsstand gehoben hat. In irgendeinem Archiv müsste es doch Dokumente geben, die das bezeugen.

*** Ein anderer Artikel der ZEIT hat dieser Tage für Aufsehen gesorgt. Er beschreibt das Leben und die Taten von vier pädophilen Deutschen, die beschuldigt werden, eine der größten Tauschbörsen für Kinderpornographie betrieben zu haben. "Dank der Amtshilfe vom US-amerikanischen Ministerium für Heimatschutz und der niederländischen Polizei kann das BKA über Wochen die Daten abfangen, die Phantom im Darknet hinterlässt." Das Beispiel für eine erfolgreiche polizeiliche Ermittlungsarbeit wird dadurch getoppt, dass Innenministerin Nancy Faeser mit den Worten zitiert wird: "Die Speicherung von Daten, mit denen wir Täter identifizieren können, ist unbedingt erforderlich". Was sie damit meinte, ob es dieses "Quick Freeze Plus" von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger oder die "Login-Falle" von Bernd Pistorius sein soll oder etwas ganz anderes, steht nicht im Text. Es ist offenbar unerheblich, denn schon ist die ganz große Keule rausgeholt und wird vom Zombie namens Vorratsdatenspeicherung geschwungen. Das ist natürlich kein Zufall. "Der Forderung der Sicherheitsbehörden, möglichst genau nachvollziehen zu können, wer wann was im Netz getan hat, steht der Wunsch nach einer freien, nicht überwachten Nutzung des Internets entgegen. Am 20. September wird der Europäische Gerichtshof über die deutsche Regelung entscheiden." All das in einem Artikel über die erfolgreiche Ermittlungsarbeit der Polizei, die die Tauschbörse vom Netz genommen hat. Das Unheil ist einfach unabwendbar. "Aber die Bilder haben sich längst weiterverbreitet, wie ein Erreger, der von einem Wirt zum nächsten gesprungen ist. Bis heute sind die Ermittler in mehr als 600.000 Fällen auf Provider zugegangen und haben um Löschung von Aufnahmen gebeten." Wie lautete nochmal der Passus zur Vorratsdatenspeicherung im Koalitionsvertrag? Rechtssicher anlassbezogen und durch richterlichen Beschluss bestätigt sollte bei begründeten Einzelfällen die Datenspeicherung angewendet werden. Für die FDP reitet die SPD-Ministerin ein totes Pferd.

*** Wer weiß, welcher Teufel Sascha Lobo geritten haben mag, in seiner Kolumne den deutschen Datenschutz abzuwatschen. Er steht angeblich dem E-Rezept im Wege. Und wer weiß schon, wo Thilo Weichert jetzt reitet, der sich von Lobo angegriffen fühlt und seinen alten Arbeitsplatz, das Unabhägige Landeszentrum für Datenschutz, verteidigt. Doch bekanntlich reiten im Western immer drei auf ihren Gäulen: Il buono, il brutto, il cattivo. Damit wären wir beim dritten Reiter, dem Sicherheitsaktivisten Fluepke vom Chaos Computer Club. Der hatte in dieser Woche nach einer längeren Zerforschung das E-Rezept zerpflückt und für nicht so geil befunden. Ungeil ist der Welten Lohn, wird sich Holm Diening, der vom CCC zitierte Sicherheitschef der Gematik, wohl gedacht haben, als er darauf hinwies, dass das E-Rezept dereinst europaübergreifend funktionieren soll. Bis auf Weiteres – oder bis zum Jahresende-Congress in Hamburg läuft der Wettbewerb weiter, wer auf dem schnellsten toten Pferd sitzt. Schlappmachen und komplett neue Zertifakte bzw. neue Ausweise zu verteilen, das können sich nur die deutschen Anwälte erlauben.

Aktuell weilt Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach mitsamt der obersten Gematik-Dompteuse Susanne Ozegowski in Israel, um sich über Datenforschung und Datennutzung zu informieren. Das dürfte eine Erholungsreise nach all dem Stress ein, das neue Infektionsschutzgesetz durch Bundestag und Bundesrat zu fleischwolfen. Vom Hinflug gibt es ein schönes Bild und einen noch schöneren Druko. Da jammert der Gematik-Chef Markus Leyck Dieken darüber, dass er die Gematik nicht mitgenommen wurde auf den nahöstlichen Trip. Ja, das hätte sein Freund und Wohnungsankäufer Jens Spahn sicher ganz anders gehandhabt, so als damaliger Gesundheitsminister. Doch in Deutschland gibt es neben Karl Lauterbach einen zweiten Gesundheits-Star. Der ist nicht länger in die Regierungs-Kommunikation eingebunden und kann deutlicher warnen. Im kommenden Winter, wenn die Eiscafes wie üblich in die Insolvenz gehen, wird es einen quälend langen Winter mit vielen Arbeitsausfällen und vielen Toten geben. Auch bei diesem Video ist es interessant, die Drukos zu lesen. Die quälend langsam Nichtdenkenden versammeln sich. Ein heißer Herbst wird all die Debatten um abgesenkte Heizungen kompensieren.

Die Queen hat siebzig Jahre lang ihrem Land gedient. Sechzig Jahre ist es her, als ein Jungakademiker die "plebejische Öffentlichkeit" demontierte, die er in der französischen Revolution am Werke sah, in der Chartistenbewegung und schließlich in den anarchistischen Zweigen der europäischen Arbeiterbewegung. Ihnen stellte er das Modell der bürgerlichen Öffentlichkeit gegenüber. Sein Buch über den Strukturwandel dieser Öffentlichkeit von 1962 ist ein Klassiker und deshalb ist es interessant, dass in der kommenden Woche eine Art Festschrift erscheint, von Jürgen Habermas selbst verfasst, ganz im Sinne der berühmten Habermas-Karikatur. Sie erschien einst in genau der tageszeitung, die jetzt das Jubiläumsbuch vorab rezensierte. Als "verfassungsrechtliches Gebot" fordert Habermas für die Zukunft eine Medienstruktur, die den öffentlichen Diskurs der unterschiedlichen Meinungen abseits aller Blasen ermöglicht. "Wie die digitale Öffentlichkeit konstruiert werden muss, erfährt man hier nicht. Es wäre etwas viel verlangt. Dies ist der Job von Digital Natives, die die 'Theorie des kommunikativen Handelns' ebenso begriffen haben wie die Logik der Algorithmen. Hübsch geschrieben, doch gibt es diese Natives?

Digital Natives hin, kommunikatives Handeln her: Damit auch dieses WWWW mal wieder mit etwas Hoffnung für das, was wird, endet: Die 11 Folgen von Tracks East zeigen die Europahaftigkeit, die Gegenwärtigkeit, die Widerständigkeit, die Zukünftigkeit von Osteuropa und besonders dem jungen Osteuropa gegen putinschen Autokratismus und Imperialismus, aber auch gegen reaktionäre Bestrebungen wie von Polens PIS oder gegen autoritäre Regime wie in Orbans Ungarn. Die Ignoranz nicht nur, aber besonders in Deutschland gegenüber Osteuropa grenzt an Rassismus. Tracks East heilt davon. Und hilft auch dem kommunikativen Handeln wieder auf die Sprünge.

Ja, ja, so kann das auch sein mit den Diskursen, die nicht herrschen.

(jk)