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Was war. Was wird. Von Kraftriegeln und anderen Zutaten

Humanitäre Hilfe? Da verstehen manche Leute seltsame Sachen drunter, grummelt Hal Faber. Wohl auch, wegen missliebiger Websites Terror-Datenbanken auszubauen.

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Vor den Eingang ins Himmelreich hat die KI missliebige Algorithmen gelegt - und Stolpersteine, über die nicht nur aufstrebende Jungpolitiker gerne mal ins Straucheln kommen. Aber ohne KI gehts halt heutzutage nicht mehr, selbst dann, so scheint es, wenn es nur um die Frage geht, was man denn zum Essen zu sich nimmt. Aber ob KIs nachts von virtuellen Curry-Würsten träumen? Oder sind sie gar vegan? Fragen, die das Leben (nicht) stellt.

(Bild: Giuseppe Arcimboldo, Sommer, Public Domain, Original im Louvre)

Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Was die Currywurst für die Facharbeiterin und den Facharbeiter ist der Grübel für den Journalisten: ein Kraftriegel, den man futtert, wenn ein Artikel fertig werden muss. Angerichtet mit einer leckeren Wortsoße kann so ein Grübel wahre Wunder bewirken.

Diese Woche habe ich viel Grübel futtern müssen, angefangen von der späten deutschen Entscheidung, Abschiebungen nach Afghanistan zu stoppen, bis hin zur Nachricht, dass nun bedrohte Menschen mit Charterflügen aus Afghanistan ausgeflogen werden. Ganz ohne Grübeleien kommen dabei offenbar Journalisten aus, die prompt von der Sorge vor einer Flüchtlingswelle schwadronieren, während Politiker bereits einen Migrationsdruck kommen sehen. Anderswo geht es anders zu: da ist Kanada, das 20.000 Menschen aufnehmen will, da ist Österreich, das sich weigert, einen generellen Abschiebestopp zu verfügen. Eine humanitäre Hilfe vor Ort soll den Schlamassel richten, den US-Präsident Trump ganz ohne Grübeln eingeleitet hat. Wer von dort in die USA kommen will, braucht mindestens einen US-amerikanischen Zeugen. Und in Deutschland? Wie wäre es mit dieser Einsicht aus militärischer Perspektive: "Wir können militärisch nichts mehr machen. Die Party ist vorbei." Für Journalisten ist die Arbeit lebensgefährlich geworden, da hilft auch ein Sicherheitstraining nicht viel weiter.

*** Es gab eine Zeit, in der das deutsche Engagement im Ausland rücksichtslos wütete, die Zeit des Kolonialismus. Um die Spuren aus dieser Zeit zu dokumentieren, hat das Künstlerkollektiv Peng die Website tearthisdown mit den Orten gefüllt, an denen Denkmäler oder auch Straßennamen an diese Zeit erinnern. Damit und wegen einiger Sachbeschädigungen an Denkmälern, die einfach der Kunstaktion zugeschlagen werden, landete das Peng-Kollektiv nach einer Hausdurchsuchung in einer Datenbank des gemeinsamen Extremismus- und Terrorabwehrzentrums (GETZ) von Bund und Ländern, die hochgelobte führende deutsche Institution der Terrorabwehr. Erinnert sich noch jemand an den Lockdown light, als diese schöne Antiterrordatei des GTAZ um ein Haar verschwunden wäre, weil zum Januar 2021 Löschfristen wirksam geworden wären? Das konnte durch die Entfristung aller im Terrorismusbekämpfungsgesetz zusammengefassten Maßnahmen gerade noch verhindert werden. Nun ist also Peng am 15. Juli in der nunmehr vom GETZ geführten Datei gelandet. "Die Ermittlungsbehörden prüfen derzeit für die jeweiligen Sachverhalte, ob ein Zusammenhang zwischen den Sachbeschädigungen und der Website-Veröffentlichung besteht." Weitere Details gibt es nicht, weil sonst der Untersuchungszweck gefährdet ist. Das Ganze kam nach einer schriftlichen Anfrage eines Linken-Abgeordneten ans Tageslicht.

*** Es gibt schädliche Websites, übel diffamierende Websites und manchmal eben auch gelöschte Websites. Nehmen wir nur die Website der insolventen KI-Firma Augustus Intelligence, die einfach verschwunden ist. Die Firma wollte einmal das führende Tor zum Paradies sein, "the leading gateway to artificial intelligence, allowing every business and every individual to embrace AI and access trusted products and solutions for the ongoing benefit of humanity." Durch Koryphäen wie Karl-Theodor zu Guttenberg und Philipp Amthor als Torsteher sollte außerdem eine Brücke in die Politik geschlagen werden. Daraus ist nichts geworden. Vielleicht klappt es mit Tiktok besser.

*** Lobbyismus ist anregend und anstrengend zugleich, deshalb brauchen alte weiße Männer Kraftriegel. Der Kampf des Altbundeskanzlers Gerhard Schröder für die Rettung der deutschen Currywurst bei VW hat für manche Kuriositäten gesorgt. Da ist eine ausgewiesene Vegetarierin, die in der tageszeitung von der ersten Currywurst berichtet, ohne die Berliner Schicksalsfrage zu erwähnen (mit Darm oder ohne Darm). Sie schmeckt Blut und etwas Süßes. Aber wir sind ja in Deutschland. Darum gibt es einen Architekturkritiker in der Süddeutschen Zeitung, der nach Zusammenhängen zwischen Schröders Currywurst und Hitlers Haferschleim sucht (es gibt keine). Da ist der CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet, der den inneren Schröder raushaut, in dem er eine Bratwurst mit Ketchup ertränkt, während sein Kontrahent Olaf Scholz schlicht verkündet "SPD ist Currywurst". Das sieht man schon an den roten Plakaten. Und was hat Annalena Baerbock gegessen? Kuchen, wie damals nach der Demo in Gorleben? Das sind die Inhalte, die wir im Wahlkampf so schmerzlich vermisst haben.

*** Kuchen, Kuchen, da war doch was. Wir nennen es nach einem kluchen Arzt mal das Kuchenspiel: "Es gibt einen Kuchen von begrenzter Größe. Der steht allen Akteurinnen zur Verfügung, und er wurde dafür geschaffen, Kranke gesund zu machen. Weil es sich um ein marktwirtschaftliches Spiel handelt, wird von allen Mitspielerinnen gefordert, dass sie versuchen, das größte Kuchenstück zu bekommen. Der Kampf ist hart. Jeder Spielzug verbraucht Kuchen, wer keinen mehr hat, fliegt raus. Es geht also nicht ohne Tricks: Einen Teil ihres Kuchens setzen die Spielerinnen nicht zum Wohl der Patientinnen ein, sondern dafür, bessere Positionen im Spiel zu erreichen und sich damit weiteren Kuchen zu sichern." Das Kuchenspiel geht im Text noch weiter, aber ich will ja nicht Contentklauer sein. Jedenfalls beschreibt der Text perfekt das deutsche Gesundheitssystem in all seiner Kaputtheit und erspart einem die Lektüre der Wahlprogramme zu diesem Thema. Wie schrieb noch ein klucher Kenner über das System auf Twitter: "Ein bisschen Potemkin ist immer."

*** In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom Samstag hat ein kluger Kopf mit Christian Mihr gesprochen, dem Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen. Das ist ein Verein, mit dem sich jeder Journalist gemein machen sollte. Besorgt wird Mihr nach den Auswirkungen der Spyware Pegasus befragt, die auch gegen Journalisten eingesetzt wurde. Deshalb versucht Reporter ohne Grenzen, den israelischen Hersteller NSO Group zu verklagen. Das Interview endet mit der schwerstens besorgten Frage, ob die Folgen einer solchen Cyberwaffe noch rückgängig zu machen sind. Antwort: "Je digitaler die Welt wird, desto mehr werden diese Möglichkeiten missbraucht. Ich glaube allerdings fest daran, dass wir das Problem noch einhegen können", antwortet der Optimist Mihr. Das Interview steht im Feuilleton der Zeitung, das einmal von einem anderen Optimisten geleitet wurde, Frank Schirrmacher. Dieser Tage wurde bekannt, dass der Frank-Schirrmacher-Preis an Peter Thiel verliehen wird, der mit seiner Firmengründung Palantir der direkte Konkurrent der NSO Group ist und der in zahlreiche weitere Überwachungs-Start-ups investiert hat. Die Laudatio soll der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz halten. Besorgt fragt sich der Kolumnist, ob die Frank-Schirrmacher-Stiftung noch alle Tassen im Schrank hat. Die Antwort ist: nein. Sie wissen nicht, was sie tun.

Aber hey, was für ein schöner Sonntag! Wen interessiert es da, was abgehalfterte Kulturschafe für Preise an ihre Wölfe vergeben? Feiern wir lieber einen schönen Geburtstag, nämlich den 25. Geburtstag des Nokia Communicators, mit dem das Smartphone-Zeitalter begann. Ja, er sah nicht nur klobig aus, er war ein Klotz, und nein, man konnte nicht auf dem Schirm herumwischen und zoomen. Aber es war ein Anfang, dem ein kleiner Zauber innewohnte. Feiern wir den Communicator mit einer Soulmachine, die am 7. und 8. September in Potsdam startet: "Der selbstlernende Robobus ist ein mobiles Interaktionsspiel zwischen einer Gruppe von Passagieren und einer künstlichen Intelligenz. Fünf Passagiere nehmen Platz in einem umgebauten Minivan. Per Tablet und Sprachsteuerung interagieren sie mit einer künstlichen Intelligenz und übernehmen gemeinsam die Steuerung des Fahrzeugs. Die Maschine entwickelt die Route und das Fahrerlebnis aus den kollektiven Entscheidungen und dem Verhalten der Passagiere." Wenn es Tote gibt, hat bestimmt wieder so ein doofer Zebrastreifen Schuld. Darauf ... nein, keinen Alkohol, es könnte die KI durcheinanderbringen, lieber einen Kuchen.

(jk)