4W

Was war. Was wird. Von der Magie der Beweislastumkehr zu Lehren der Geschichte

Hal Faber mault über die scheinbare Unfehlbarkeit von manch einer KI oder Philosophen. Wie wäre es denn mit einer fair balance der Selbsteinschätzung?

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Ausschnitt aus dem Film "2001 - Odyssee im Weltraum". Insbesondere die 22-minütige Schlussszene bietet Hauptfigur Dave Bowman gleichzeitig einen Blick zurück und nach vorn – Wie Ihnen unsere 4W-Kolumne. Für das besondere Erleben empfiehlt es sich die Symbiose der Szene mit dem 22-Minuten-Stück "Echoes" von Pink Floyd zu schauen.

Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Wie meine treuen Leserinnen, Leser und Transhumanalekten wissen, stammt mein Vorname Hal aus dem Film "2001 -- Odyssee im Weltraum", basierend auf einem Roman, der ursprünglich "2002 -- Aufbruch zu verlorenen Welten" heißen sollte. Faber stammt von einem anderen Roman namens Homo Faber. Die beiden Buchautoren Max Frisch und Arthur C. Clarke waren sich so unähnlich wie Äpfel und Birnen. Frisch beschäftigte sich mit dem modernen Menschen, Clarke mit der modernen Technik. Von ihm stammt Clarkes Drittes Gesetz: "Jede hinlänglich hochstehende Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden":Man erkläre einem Savannenbewohner die Funktionsweise eines Tablets, sofern es in der Savanne Funkkontakte ohne große schwarze Felsquader gibt. Clarkes Drittes Gesetz, verweist darauf, dass es mindestens ein Erstes und ein Zweites Gesetz geben muss. Das Erste lautet "Wenn ein geachteter, aber älterer Wissenschaftler etwas als möglich bezeichnet, dann hat er fast mit Gewissheit recht. Wenn er sagt, es sei unmöglich, hat er sehr wahrscheinlich unrecht." Und das Zweite "Die Grenzen des Möglichen sind nur dadurch zu ermitteln, dass man über sie hinaus ins Unmögliche geht." Das war’s. Wie Isaac Newton hat sich Clarke damit begnügt, drei Gesetze aufzustellen. Sie finden sich in seinem Buch "Profile der Zukunft. Über die Grenzen des Möglichen" und passen gut in die aktuelle Debatte geachteter, aber älterer Wissenschaftler über die Klimakrise und die "Ungeduld" der jungen Klimademonstranten. Wobei hier auch Max Frisch passt: "Katastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt; die Natur kennt keine Katastrophen", schrieb er in seinem Buch "Der Mensch erscheint im Holozän".

Meine Wenigkeit und der Monolith haben sich auf dem Camp-Festival Hal 2001 aufgehalten. Zwar waren keine Außerirdischen der Monolith-Urheberschaft auszumachen, dafür aber der CCC.

*** Bekanntlich ist Hal 9000 in der Odyssee ein superschlauer Computer, vollgestopft mit künstlicher Intelligenz und Daten aller Art. "Kein 9000er-Computer hat jemals einen Fehler gemacht." In seinem Aufsatz über die KI von HAL 9000 weist der KI-Forscher Douglas Lenat darauf hin, wie strunzdumm und eingebildet dieser Satz ist und jeglicher Intelligenz widerspricht. KI kann Fehler machen, genau wie der Mensch. Das fängt schon bei den Trainingsdaten an, wie diese Meldung zeigt. Daten aus der Krankheitsakte einer Künstlerin wurden offenbar als "multimodale" Trainingsdaten für eine KI genommen, die weit mehr als hübsche Katzenbildchen produziert. So weit, so schlecht. Auf der guten Seite steht diesmal ein Ansatz der EU-Kommission den Opfern von Entscheidungen künstlicher Intelligenz die Klagen auf Schadensersatz zu erleichtern. Juristisch nennt man das Verfahren eine Beweislastumkehr: Die Anbieter von KI-Lösungen müssen also nachweisen, dass ihre KI nicht für den Schaden verantwortlich ist. Das geplante KI-Haftungsgesetz ist notwendig geworden, weil für die Opfer die Entscheidungen einer KI wie eine Magie aussehen können. Strafen sollen den Anbieter etwa dann treffen, wenn er die KI mit ungeeigneten Trainingsdaten gefüttert hat. Geschädigte sollen einen umfassenden Anspruch auf die Herausgabe von Datensätzen und Protokollen haben, die dann beim Nachweis (durch Experten) helfen können, dass die KI für einen Schaden verantwortlich ist. Na bitte, ein Anfang ist gemacht.

*** Wer haftet eigentlich für die Aussagen einer Politikerin, dass eine Stromabschaltung von zwei bis drei Stunden ein vertretbares Szenario sein soll? Wenn die Nachricht stimmt, hat Giffey damit die großen digitalen Werbetafeln im Sinn, von denen jede einzelne so viel Energie wie 13 Haushalte verbraucht. Oder die Heizlüfter, die in Berlin Verkaufsrekorde erzielt haben sollen und nicht die überlebenswichtigen Geräte und die kritischen Infrastrukturen, die auf Strom angewiesen sind. Man sollte jetzt gar nicht an Kleinigkeiten wie den Wohnungsrouter und das Homeoffice denken, sondern mehr an medizinische Geräte, die nicht in einem Krankenhaus stehen, das über Notstromaggregate verfügt. Doch stimmt die Nachricht überhaupt? Bekanntlich sind wir, "die Medien" dran schuld, dass alles völlig falsch gesehen wird. Nach dem Großwesir Habermas haben sich zwei Typen drangemacht, die vierte Gewalt zu kritisieren, die landauf, landab in den Talkshows ihre Gesichter in die Kamera gehalten haben und einen "Ausgleich mit Putin" forderten. Harald Welzer und Richard David Precht fordern eine fair balance der Nachrichten. Dass sie beide ein hohes Interesse an der Selbstinszenierung haben, einer gerade den zehnten Geburtstag seiner eigenen Show über das Herrentier wie einen Nobelpreis inszeniert -- geschenkt. Es lohnt sich, ganz unten auf der Geburtstags-Website den Sprachmüll des zuständigen Sendeleiters zu lesen, der über funkelnde Gedankengefilde entzückt ist. Ja, das ist sie, die vierte Gewalt in aller öffentlichen Rechtlichkeit: "Sollen wir uns noch einmal polarisierender Themen wie Diversity oder der gesellschaftlichen Spaltung annehmen? Welche Fragen bringen neue Perspektiven? Und wie sehr ist Richard David Precht Gastgeber, der Fragen stellen soll, oder wann würde er lieber Antworten geben? Liegt unsere redaktionelle Erfüllung im emotionalen Streitgespräch, wenn Richard David Precht und sein Gast über Kreuz liegen, oder sympathisieren wir mit zwei ähnlichen Haltungen, die sich klug und raffiniert in funkelnde, neue Gedankengefilde hochwirbeln?"

*** Putins Panikattacke ist schon kommentiert worden, doch was ist mit dem Schaufenster-Bullshit-Bingo im Bundestag, als die Digitalstrategie der Bundesregierung debattiert wurde. Es war schmerzhaft, einer Debatte zuzuschauen, bei der es um das gescheiterte ID-Wallet ging und die elektronische ID des Personalausweises großzügig übergangen wurde, wegen der "Hebelprojekte", die alles anders und besser machen. Wieso sprechen Politiker eigentlich von einer "Zertifizierung der Bürger bei Online-Einkäufen", wo es doch um die Identifizierung und Authentifizierung ging. Wie die durchaus gut laufenden Online-Shops zeigen, ist die Zertifizierung von Bürgern beim Einkaufen nie ein Problem gewesen, höchstens die Altersverifikation beim Kauf bestimmter Artikel. Dafür wurde bekanntlich vor mehr als zehn Jahren mit der eID eine datenschonende Lösung gefunden, die aber auf Seiten der Anbieter abstruse Verrenkungen und Begründungen erforderten, um das OK zu erreichen, die Altersangabe abrufen zu dürfen. All das ist Geschichte, in der Zukunft soll eine Leuchtturm-App glänzen und leuchten.

Geschichte? Am kommenden Samstag gibt es etwas zu feiern! Siemens, wohl der wichtigste Elektrokonzern der deutschen Industriegeschichte, wird 175 Jahre alt. Für Konsumenten gibt es Aktionsgeräte mit Bonus, für historisch Interessierte eine nette Geschichte der Telegraphie, mit der der Aufstieg von Siemens begann. Am 1. Oktober 1847 wird die Firma gegründet und bereits am 7. Oktober gelingt der entscheidende Schritt. Werner von Siemens und sein Partner Johann Georg Halske sowie Johann Georg Siemens als Geldgeber erhalten das Patent "auf eine neue Art elektrischer Zeigertelegraphen und eine damit verbundene Vorrichtung zum Drucken von Depeschen". Mit dem Patent und der Kabelverbindung zwischen Berlin und Köthen kommt der Durchbruch der elektrischen Telegraphie, die den preußischen Zeigertelegraphen ablöste.

Von Anfang war Werner von Siemens darauf aus, aus dem Unternehmen eine Dynastie werden zu lassen und verglich seine Aufbauleistung mit der der Fugger: "Gewiß habe ich auch nach Gewinn und Reichtum gestrebt, doch wesentlich nicht, um sie zu genießen, als um die Mittel zur Ausführung anderer Pläne und Unternehmungen zu gewinnen und um durch den Erfolg die Anerkennung für die Richtigkeit meiner Handlungen und die Nützlichkeit meiner Arbeiten zu erhalten. So habe ich für die Gründung eines Weltgeschäfts à la Fugger von Jugend an geschwärmt, welches nicht nur mir, sondern auch meinen Nachkommen Macht und Ansehen in der Welt gäbe und die Mittel, auch meine Geschwister und nähere Angehörige in höhere Lebensregionen zu erheben. Tja, so dachte man 1847 über ein "Start-up". Zunächst tauchte nur der geschickte Ingenieur Halske im Firmennamen auf, da Werner von Siemens noch als Offizier bis 1849 in der preußischen Armee dienen musste. Blad ist jedoch Siemens & Halske ein etablierter Name. 1863 verlässt Startup-Mitgründer Halske die Firma, den prächtigen großen Baum, der Früchte tragen soll, nach zahlreichen Meinungsverschiedenheiten, vor allem wegen der Geschäfte mit Russland: "Jeder von uns hat seine eigene Art zu streben, ich als der Schwächere, für den ich mich halten muss, verliere durch die ewige Akkommodation meinen eigenen Charakter, und werde der Spielball einer Welle, die mich zu verschlingen droht." So viel hat sich doch nicht geändert.

Die Suche nach dem Zeigertelegraphen.

(mawi)