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Was war. Was wird. Von einem Weg, mit guten Absichten gepflastert

Wenn es stimmt, dass ein Land die Regierung bekommt, die es verdient hat, besteht ja möglicherweise doch Hoffnung, grübelt Hal Faber.

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Sommer, Nacht, Sonne, Katzen

Die Sonne hat manchmal seltsame Plätze, an denen sie zu scheinen beliebt. Andererseits spricht auch einiges dafür, manche Entwicklung mit der Gelassenheit einer Katze zu betrachten. Zu schnelle Schüsse könnten auch das Scheinen der Sonne in Mitleidenschaft ziehen.

(Bild: Bess Hamiti, gemeinfrei)

Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Sinnend geht ich durch den Garten,
still gedeiht er hinterm Haus;
Suppenkräuter, hundert Arten,
Bauernblumen, bunter Strauß.

Petersilie und Tomaten,
eine Bohnengalerie,
ganz besonders ist geraten
der beliebte Sellerie.

Ja und hier --? Ein kleines Wieschen?
Da wächst in der Erde leis
das bescheidene Radieschen:
außen rot und innen weiß.

Sinnend geh ich durch den Garten
unsrer deutschen Politik;
Suppenkohl in allen Arten
im Kompost der Republik.

Bonzen, Brillen Gehbrockte,
Parlamentsroutinendreh...
Ja und hier --? Die ganz verbockte
liebe gute S.P.D.
Hermann Müller, Hilferlieschen
blühn so harmlos, dof und leis
wie bescheidene Radieschen:
außen rot und innen weiß.
(Theobald Tiger, Feldfrüchte, September 1926)

*** Fake News kennen wir ja alle zur Genüge. Bei Fake Poems scheint es anders zu sein. Anders ist es nicht zu erklären, warum ein gefälschtes Gedicht von Kurt Tucholsky a.k.a. Theobald Tiger aus der Weltbühne auf Twitter die Runde macht. Das hat der gute Mann, der größte deutsche Dichter nach Heine, einfach nicht verdient. Das ganovische "Knast" ist nicht seine Sprache, er redete Klartext vom Gefängnis und eben auch Klartext über die SPD. So gestimmt lohnt sich ein Blick auf die Ampel und ihren Koalitionsvertrag. Angeführt von der SPD, außen rot und innen weiß, außen Scholz und drinnen gibt es die Eiweißpflanzenstrategie und die "Community Health Nurse" gegen den Ärztemangel auf dem Lande. Ja, Gemeindeschwester Agnes kommt wieder und erledigt das mit den Spritzen und Boostern im Handumdrehen, während die neue Regierung prüft, ob Deutschland ein Schlaraffenland werden kann. So eines mit "Easy Tax-Modellen" und "Science-Entrepreneurship-Initiativen". Über all den Strategien, Konzepten, Aktions- und Masterplänen schwebt der Geist des Entrepreneurs. Wäre es da nicht schön, als Symbol dieser Ampel für das grüngelbrote Gasgeben gleich bundesweit den Kopf von Friedrich Engels zu nehmen, der immerhin ein erfolgreicher Unternehmer war?

*** Der Koalitionsvertrag ist ein Trumm von Absichtserklärungen, eben eine "Shared-Servixe-Plattform", eine Art Teich, aus dem jeder etwas fischen kann, vom Ja für bewaffnete Drohnen bis zum Nein für die ungebremste Vorratsdatenspeicherung. An ihre Stelle soll die rechtssichere Vorratsdatenspeicherung mit der Login-Falle eingeführt werden und die Hackerbehörde ZITiS unter Aufsicht des Parlaments gestellt werden. Vorsichtig optimistisch sind die Fachleute für kritische Infrastrukturen, die die größere Unabhängigkeit des BSI begrüßen und sich freuen, dass ihr Vorschlag eines Cyber-Hilfswerkes dazu geführt hat, das beim Technischen Hilfswerk neue Kompetenzen für die "Cyberhilfe" angesiedelt sind. Gar kein Hilfswerk, keine Agentur oder ein "Transformationscluster" ist für Digitalisierung vorgesehen, nur das "Bundesministerium für Verkehr und Digitales" macht da weiter, wo zuletzt so manch bescheuerte Idee wie das ID Wallet ausgebrütet wurde.

*** Hach, wie trefflich alle Journalisten ihre Digitalwerkzeuge beherrschen, das hat der 177 Seiten starke Koalitionsvertrag deutlich gemacht. Er konnte von wahren Könnern in unter einer Sekunde gelesen werden, er wurde von noch größeren Könnern als Word-Dokument verschickt, woraufhin die absoluten Meister ihres Metiers die Krönung schafften und berichteten, dass der Vertrag 200 Mal das Wort "Klima" enthält. Eine Meisterleistung der journalistischen Recherche, bei der man staunend blinzelt. Der eigentlich brisante Teil, dass Klima- und Umweltschutz getrennt werden, dass es ein Ministerium für Wirtschaft und Klimaschutz geben wird und eines für "Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz" wird in Experten-Blogs abgehandelt, während sich die Presse lieber mit der Frage beschäftigt, ob ein Vegetarier Landwirtschaftsminister sein darf. So hören wir Unsinn wie "Er muss hinter dem Berufsstand stehen." Sicher kommt noch die Frage von Deutschtümlern auf, ob ein Kriegsdienstverweigerer Kanzler sein darf. Da freut man sich doch lieber mit anderen, denen angesichts des Koalitionsvertrags die Sonne aus dem Arsch scheint.

*** "Es war einmal ein kleines Mädchen, das wuchs in einem Land voller dicker und runder Menschen auf. Diese Menschen fanden alles schön, was dick, prall und groß war. Sie aßen für ihr Leben gerne Kuchen und Pommes Frites, Cheeseburger und Schokolade. Weil diese Menschen lieber aßen anstatt zu kochen, waren sie sehr erfinderisch. Sie erfanden jede Menge Roboter, die ihnen all ihre Arbeit abnehmen konnten. Vor allem die vollkommen automatisierte Zubereitung des Essens wurde bis ins kleinste Detail perfektioniert, sodass jeder Wunsch der Menschen augenblicklich erfüllt werden konnte. Dank dieser Hilfsmittel hatten die Menschen ausschließlich Zeit für die wichtigen Dinge im Leben und die waren für sie das Essen und das Genießen." Nein, das steht nicht im Koalitionsvertrag, sondern ist der Anfang eines modernen Märchens, wie es heute digitalethisch erzählt werden sollte. Man stelle sich nur vor, es würden heute so kriegstreiberische Märchen über die gewaltige Schlacht vom Nussknacker und dem Mäusekönig erzählt werden! Das geht gar nicht!! Noch schlimmer wird es dann, wenn das Märchen zum Stoff für ein rassistisches Ballett wird, mit einem chinesischen Tanz, der Xi Jinping beleidigen könnte. Eine furchtbare Vorstellung. Glücklicherweise gibt es neue Märchen, die perfekt zu Corona passen, beim reichen "Nachbarn". Wie sagte man ganz früher, als es gegen die Märchen ging: "Jede Art von Erziehung ist einer Klasse dienstbar".

Und heute, sage ich still
Ich sollt mich fügen, begnügnen
Ich kann mich nicht fügen
Kann mich nicht begnügnen
Will immer noch siegen
Will alles, oder nichts
(Hammerschmid/Knef, 1968)

Am kommenden Donnerstag soll Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einem Großen Zapfenstreich verabschiedet werden. Auf ihrer Lied-Wunschliste soll das Kirchenlied "Großer Gott wir loben dich" sowie das Lied der Hildegard Knef Für mich soll's rote Rose regnen stehen. Außerdem soll das Stabsmusikkorps die heimliche Hymne der DDR spielen, den Demmler-Song "Du hast den Farbfilm vergessen". Steht er symbolisch für das triste graue Leben, ist es eine Anspielung auf die schlechte Versorgungslage mit Farbfilmen oder ist gar die Farbfotografie die Chiffre für das private Leben und die soziale Bestätigung der ostdeutschen Identität, wie es in einer Analyse des Songs heißt? Fake Poesie ist auch dabei: "Alles blau und weiß und grün und später nicht mehr wahr." Angela Merkel wird sich etwas in dieser Richtung gedacht haben. In Jedem Fall steht er für das Recht, den lustigen Unsinn zu singen, mit dem Nina Hagen einst in den Keller des Friedrichstadtpalastes absteigen wollte.

Omikron ist wahlweise ein Vertrieb für ätherische Öle und Kosmetik zum Selbermachen, ein Hersteller von Kopierern und ein Produzent von Gleitschirmen. Viele Leser werden sich an das Omikron BASIC erinnern, das es für die Atari ST-Computer gab. Nun ist Omikron der offizielle Name für die Adventsvariante des B.1.1.529, gleich nach Delta. Warum jetzt nicht etwa Epsilon, sondern der 15. Buchstabe des griechischen Alphabets genommen wurde, ist unklar. Vielleicht soll es den Ernst der Lage widerspiegeln, wenn es zu Ende geht mit dem Alphabet. Das wäre dann aber ja eigentlich das Omega (ja, die alten Griechen leisten sich zwei O-Zeichen in ihrem Alphabet). Noch ist unklar, wie groß die Gefahr ist, die von Omikron ausgeht, doch die Situation ist ernst. Während die neue Regierung noch nicht einmal die von der SPD zu stellende Leitung im Bundesgesundheitsministerium benannt hat (Karl Lauterbach kontra Katja Pähle), hat sich die Wissenschaft mal wieder vorzeitig eindeutig geäußert und fordert ein "sofortiges Gegensteuern". Am Steuer ist derzeit ein gewisser Jens Spahn, der lieber kritisiert, dass die Ampel untätig ist. So beginnt der perfekte Sturm.

(jk)