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Was war. Was wird. Vorhang weg, Bild weg, und alle Fragen offen.

Manche Skandale verwundern nicht mehr, wenn Identitätspolitik der Linken allzu oft klingt wie Auslassungen der identitären Rechten, grummelt Hal Faber.

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Murr, bist Du's? Ach, es ist nur Fritz, der nicht viel von Samstagsarbeit hält. Wie er überhaupt wenig von Arbeit ganz allgemein hält. Er hat halt so seine ganz eigenen Lebensansichten. Ist das nun schon Bewusstsein? Bedienstete der Katzen gestehen ihnen zumindest Selbstbewusstsein zu - was aber, unphilosophisch gemeint, doch noch etwas anderes ist. Und das falsche (bildungs-)bürgerliche Bewusstsein von Murr möchte man ja andersherum auch nicht gerade als intelligent bezeichnen. Was uns aber auch nicht weiterhilft, ob Dinge (die KIs erst einmal sind) ein Bewusstsein haben können. Das Thema wird uns noch lange beschäftigen.

(Bild: heise online / Jürgen Kuri)

Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Vor Empörung platzende Feuilletons sind selten geworden, doch diese Woche ist es wieder einmal soweit gewesen. Ein antisemitisches Triptychon der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi namens "People's Justice" war verspätet in Kassel aufgehängt worden. Es war erst am Montag auf der Superkunstschau Documenta zu sehen, als alle KunstkritikerInnen bereits ihre Documenta-Berichte und -Kommentare längst abgeliefert hatten. Links, wo im christlichen Triptychon üblicherweise die Hölle oder sonst ein Ereignis von großer Seelenqual gezeigt wird, findet sich ein behelmtes Schwein mit der Inschrift "Mossad" auf dem Helm, ferner eine Karikatur eines Juden mit Vampirgebiss, Schläfenlocken und einem Hut mit dem Zeichen "SS". Die Kommentare zu diesem Nachzügler, der erst verhängt, dann abgenommen wurde, hatten es in sich. Von der Judensau von Kassel war die Rede, von einer Rocky Horror Picture Show schrieb Mann. Fast jeder Beitrag nannte das antisemitische Kunstwerk ein Wimmelbild und erkannte nicht das Triptychon, so wie das Künstlerkollektiv Taring Padi nicht die antisemitische Aussage erkannte, die eines ihrer Mitglieder da in Szene gesetzt hatte. Das verwundert, da mindestens ein Mitglied der Truppe seit Jahren in München wohnt und arbeitet, wie aus einem Interview in einem anderen Blatt zitiert wird. Dabei ist das 20 Jahre alte Triptychon aus Indonesien nicht das einzige Bild der Documenta, das Widerspruch erzeugte. In "Guernica Gaza" von Mohammed Al Hawajri lauern israelische Soldaten palästinensischen Bauern auf. Guernica war das Dorf, das Hitlers Luftwaffe zerstörte.

*** Womöglich ist die Documenta fifteen die letzte ihrer Art. Wie sagte es der Kunsttheoretiker Bazon Brock, der einst Apples Anniversary Mac als größtes Kunstwerk der 90er-Jahre feierte? Kunst im Zeichen des blökenden Kulturalismus kann nichts mehr mit Kunstfreiheit anfangen: "Macht keine Kunst, hängt ab, habt eine gute Zeit, polemisiert gegen wen ihr wollt im Namen eurer kulturellen Identität." Und vergesst die Documenta. Warum das gut so ist, kann man in längerer Form in "Größenwahn und Niedertracht" nachlesen, komplett mit einer kleinen kunstsinnigen Betrachtung: "Nebenan im Fürstengarten steht abseits der Publikumsströme ein kleines steinernes Rondell. Hinter hohen Büschen erweist es sich als das Kasseler 'Ehrenmahl für die Opfer des Faschismus'. Es wirkt schmucklos und in die Jahre gekommen. Durch das Gitter ist ein kupferner Dornenkranz am Boden zu erspähen. Hinein kommt man nicht. 'Schlüssel beim Pförtner im Rathaus abholen', steht auf dem Metallschild." Pförtner oder Kurator, das ist die Frage.

"Computer Nude (Studies in Perception)" von Ken Knowlton

*** Wann ist jemand Ingenieur, Informatiker oder Künstler? Noch so eine schwierige Frage. Die Grenzen können fließend sein, wie bei Ken Knowlton, dessen Tod vor ein paar Tagen erst jetzt bekannt wurde. Er war Computerpionier und Kunstpionier. Er war der Erste, der aus Schriftzeichen und Zahlen das entwickelte, was später einmal ASCII-Art genannt wurde. Seine 1963 entstandene Programmiersprache Beflix lief auf einem IBM 7094, sein oben zu sehendes Hauptwerk "Computer Nude (Studies in Perception)" ist ein klassischer liegender Akt und wurde nicht auf der Documenta, sondern auf der ebenso berühmten E.A.T. gezeigt. Noch im hohen Alter beschäftigte er sich mit Computern und Bildern und veröffentlichte zusammen mit dem Zauberkünstler Mark Setteducati die Puzzle-Software Ji Ga Zo, die aus jedem Porträtfoto große Kunst macht.

*** Seit einiger Zeit betreibt DALL-E2 seine KI-Kunst. Große Werke sind entstanden, aber auch Gekleckse. Für die Kleinkunst wurde das System DALL-E mini aufgesetzt, dessen einfacher gerenderte Bilder anders ausfallen. Frauen in Saris sind die große Leidenschaft des Systems, was sich niemand erklären kann. Die Datensätze sollen das nach einer Untersuchung des brasilianischen Schriftstellers Fernando Marés nicht hergeben. Er fütterte DALL-E mini mit leeren Abfragen. Sicher wird bald jemand behaupten, dass da ein weiteres Programm auf dem Weg ist, ein eigenes Bewusstsein zu entwickeln, aber das war ja schon Thema der letzten Wochenschau. Wenn schon KI-Kritik, dann lieber die von ETA Hoffmann, der vor 200 Jahren an einer Lähmung starb. Seine Automate ist ein redender Türke, der als Kuriosität vorgeführt wird. Ja, nichts ist so unheimlich wie der Zweifel, ob wir es mit einem Mensch oder einer Maschine zu tun haben. Feiern wir passenderweise heute den 550. Geburtstag der Universität Ingolstadt, der ersten Universität Bayerns. Ihr bedeutendster Kopf war sicher Victor Frankenstein, der in Ingolstadt studierte, wie man ungeborenes Leben zum Leben bringt, auch wenn es etwas monströs ausfällt.

*** In den USA hat der oberste Gerichtshof den Frauen das 1973 geschaffene Recht genommen, über ihren eigenen Körper zu bestimmen und einen Fötus bis zur 24. Schwangerschaftswoche abzutreiben. Nun steht es den Bundesstaaten frei, über ein Recht auf Abtreibung auf Landesebene zu entscheiden. In Arkansas, Kentucky und Louisiana sind die entsprechenden Gesetze bereits in Kraft getreten. Das ist ein katastrophaler Rückschlag nicht nur in den USA, sondern ein Kulturbruch in der westlichen Welt, wie er auch in Polen passiert ist. Als Reaktion darauf ist die Initiative Abortion without borders entstanden. Etwas Ähnliches dürfte in den USA entstehen, wenn die Gräben zwischen den demokratisch und republikanisch regierten Staaten tiefer und tiefer werden. Denn es sind nach der Aufhebung von Roe vs Wade noch weitere solcher Sachfälle Recht geworden, die von den konservativen Richtern geschleift werden können. Da ist Obergefell vs. Hodges zur gleichgeschlechtlichen Ehe und Lawrence vs. Texas über gleichgeschlechtlichen Verkehr unter Männern und Griswold vs. Connecticut zur Empfängnisverhütung.

Die Ferien haben angefangen, auf den Flughäfen ist das Gedränge groß. Das ist die beste Zeit für einen Blindflug im großen Stil. Lauterbach hin und Lauterbach her: Genau wie die Vorgänger-Regierung hat es die Ampel-Koalition nicht geschafft, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und legt noch einen Fehler obendrauf. Wo Gesundheitsminister Jens Spahn die kostenlosen Bürgertests erst abschaffte und dann wieder einführen musste, werden ab Donnerstag mit der neuen Corona-Testverordnung die kostenlosen Tests nur noch für "vulnerable Gruppen" und die in Pflegeeinrichtungen untergebrachten Menschen kostenlos sein. Jüngere Bürger unter 70 Jahren müssen inmitten der allgemeinen Teuerungswelle drei Euro zahlen und den Staat entlasten, der einen Testrabatt ach so nötig hat. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich den Rückgang bei den Testzahlen vorzustellen. Mein lieber Karl, das wird ein aufregender Start in den Herbst! Wo bleibt eigentlich die Werbung für die dann anstehende Impfkampagne, bei der 40 Millionen Personen geimpft werden sollen? Will man bei dem schönen Ferienwetter die Querdenker nicht unnötig provozieren? Das sind nur ein paar Fragen, die sich stellen.

Um es mit Bertolt Brecht zu sagen:
Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
Den Vorhang zu und alle Fragen offen.

(jk)