"Wir sind nicht die Helfer der Schlossindustrie"

Im November fanden die 12. Lockpicking-Meisterschaften statt, bei denen es darum ging, Schlösser möglichst schnell zerstörungsfrei zu öffnen. TR sprach mit Ausrichter Steffen Wernéry über analoges Hacken und die Lernresistenz der Sicherheitsbranche.

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Von
  • Ben Schwan
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Steffen Wernéry ist Mitbegründer des "Sportsfreunde der Sperrtechnik Deutschland e.V." (SSDeV), dem ersten Lockpicking-Sportverband der Welt, der 1997 aus der Taufe gehoben wurde. In mehr als einem Dutzend Sportgruppen bundesweit üben Interessierte an Zylindern und anderen Schließeinrichtungen, Schlösser zerstörungsfrei zu öffnen - und das möglichst schnell.

Sie beschreiben ihr Hobby selbst als "die hohe Kunst des Schlossöffnens, der Fun-Sport mit Gefühl", bei dem eine strenge Sportordnung haarklein regelt, dass niemand sein Wissen und seine Fingerfertigkeit ohne Erlaubnis des Besitzers eines Schlosses anwenden darf. Verwendet werden dazu so genannte Picksets, die unterschiedlich große Metallwerkzeuge enthalten. Der Sperrsportler ertastet damit zur Öffnung ein Schloss und versucht, alle Stifte auch ohne Schlüssel herunterzudrücken. Im November 2008 trafen sich die SSDeV-Mitglieder zur 12. Deutschen Meisterschaft im Schlossöffnen in Berlin. TR sprach mit Steffen Wernéry, Präsident des Vereins, über die Gemeinsamkeiten von Schlossöffnen und Hacken und die Defizite der Sicherheitsindustrie. Der Norddeutsche war auch eines der Gründungsmitglieder des Chaos Computer Clubs (CCC).

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TR: Herr Wernéry, was machen Sie persönlich, wenn Ihnen zuhause einmal eine Tür zufällt und Sie haben ihren Schlüssel nicht dabei?

Wernéry: Eine zugefallene Haustür sollte man mit einer Colaflasche öffnen können – dazu schneidet man sich eine handtellergroße Plastikkarte daraus aus, rundet die Ecken ab, schmirgelt sie noch ein bisschen auf dem Pflaster, damit sie nicht zu kantig ist. Und dann geht's los: Zwei Fingerbreit über dem Türgriff sitzt immer die Falle, das ist genormt, da kann man sich drauf verlassen. Dann muss man nur noch die Plastikkarte auf dieser Höhe hinein schieben und – jetzt kommt das Geheimnis – beim Kontakt mit dem Schnapper kräftig an der Tür wackeln und die Karte durchschieben. Schon ist die Tür offen.

Ich mache auf diese Art so vier, fünf fernmündliche Notöffnungen im Monat. Bisher hat das noch jeder geschafft – und wenn's nicht geklappt hat, dann nur deshalb, weil der Betroffene sich nicht genügend Mühe gegeben hat.

TR: Die Vertreter der Schlüsseldienste haben in der Bevölkerung einen enorm schlechten Ruf. Zu recht?

Wernéry: Wenn man sich anschaut, was so ein Eintrag in den Gelben Seiten kostet, über den die für ihre Dienste werben – der will bezahlt werden. Und man bezahlt den eben nicht dadurch, dass man nachsperrt, also mit handwerklichen Kenntnissen öffnet, sondern kaputt macht und neue Zylinder abverkauft.

TR: Hat sich die Schlossindustrie in den vergangenen Jahren verändert?

Wernéry: Ja. Die Ausbildung ist immer schlechter geworden und es kaum noch grundlegendes Wissen vermittelt. Die ganzen alten mechanischen Fähigkeiten, die ganzen Grundlagen der 5000 Jahre alten Kulturgeschichte von Schloss und Schlüssel werden kaum mehr weitergetragen. Wir als Verein sind inzwischen diejenigen, die Fachliteratur in dem Bereich nachdrucken, um das Wissen überhaupt über das nächste Jahrtausend zu halten. Wir schulen die alten Fertigkeiten.

Da wundert es kaum, dass sich dann natürlich auch in der Industrie wieder Fehler einschleichen, die eigentlich schon vor 20 Jahren ausgemerzt wurden.