Vorsicht Kunde! - Teures Versehen – Falsche Versprechen bei der Datenrettung

Es geschieht am 1. Juli: Willi S. passt einmal nicht auf und fegt die externe Festplatte seines Computers vom Schreibtisch. Der Sturz auf den harten Boden hat fatale Folgen. Rund 60 wertvolle Filme und viele persönliche Dateien sind für immer zerstört. Wirklich für immer? In seiner Verzweiflung nimmt Willi S. Kontakt mit einer Firma auf, die „professionelle Datenrettung“ verspricht. Im ersten Anlauf verlangt die Firma rund 250 Euro für die Wiederherstellung, stellt dann aber schwerwiegendere Fehler fest und erhöht den Rechnungsbetrag um weitere 800 Euro. Nachdem Willi S. nun über 1000 Euro bezahlt hat, hofft er, die wertvollen Erinnerungen zurück zu bekommen. Ein Irrglaube, denn die scheinbar professionellen Datenretter entpuppen sich als ein undurchschaubares Firmengeflecht. Die wertvollen Dateien von  Willi S. bleiben bis auf weiteres verloren.

In Pocket speichern

Immer mehr Texte, Bilder, Filme – wer seine Daten heutzutage sichern will, der speichert sie oft auf einer externen Festplatte. Doch was ist, wenn die beschädigt wird, und die Daten nicht mehr zur Verfügung stehen?  Zum Glück gibt es da Firmen, die sich auf die Rettung solcher Daten spezialisiert haben. Mit teilweise beachtlichem Erfolg. Doch Vorsicht: die angebotene Hilfe kann die Probleme auch vergrößern…

Platte kaputt, Daten futsch?

Es war nur eine kleine Unachtsamkeit, doch die externe Festplatte von  Willi S. fällt zu Boden und ist kaputt. Und das hat für den Kieler Soziologen einschneidende Folgen. Willi S.: „Das Filmmaterial auf der Festplatte benötige ich für ein Forschungsprojekt hier an der Kieler Uni. Das ganze Projekt ist gefährdet, wenn ich die Daten nicht retten kann.“

Berliner Labor soll helfen

In seiner Not sucht Willi S.im Internet nach einer Firma, die seine Daten vielleicht noch retten kann. Und er wird fündig bei IT-Service 24 in Berlin. Die Internetseite erscheint ihm seriös: langjährige Erfahrung wird ihm versprochen, professionelle Labore und eine faire Preisgestaltung. Er müsse nur dann zahlen, wenn Daten wiederhergestellt würden.  Nach einem Telefonat mit der Firma schickt Willi S. die Festplatte zu IT Service 24 nach Berlin.

Vorkasse ohne Leistung

Zwei Tage später meldet sich die Firma mit der vorläufigen Diagnose bei ihm: Die Schreib- und Leseköpfe der Platte seien defekt. Und: S. solle nun 240 Euro Vorkasse leisten. Wie bitte? Kosten sollten doch erst bei erfolgreicher Arbeit entstehen! Auch etwas Anderes macht S. stutzig: er soll das Geld an eine Kontonummer in Wales überweisen.  Aber warum auf die Insel?

Mutterfirma in Wales

Erst jetzt fällt Willi S. auf, dass im Impressum von IT Service 24  als Vertragspartner die Firma Fields Data Recovery angegeben ist. Doch was soll Willi S. machen? Schließlich will er seine Daten wiederhaben. Also zahlt er zähneknirschend. Doch kurz nach der Zahlung meldet sich IT Service 24 wieder: Die Daten könnten nur durch „Tiefenscans“ durch das „Forensik-Team“ wahrscheinlich wiederhergestellt werden, doch das koste wieder Geld. Jetzt soll er noch einmal 800 Euro auf das Konto in Großbritannien überweisen. Willi S. überweist zähneknirschend. Denn: „Ich hatte schon Bauchschmerzen dabei, aber was sollte ich machen? Ich habe denen vertraut, dass die meine Daten retten können, und das war es mir wert.“

Kaum etwas gerettet

Tage nach der Zahlung erhält S. ein Päckchen: Darin ist eine Festplatte mit den geretteten Daten, wie IT Service 24 ihm in einem beigelegten Schreiben bestätigt.  Seine beschädigte Festplatte liegt aber nicht bei, obwohl das schriftlich zugesagt war. Dennoch heilfroh, dass nun alles wieder gut ist, macht sich Willi S. daran, die 60 Filmdateien durchzusehen. Und erlebt eine böse Überraschung: Nur die Daten der ersten acht Filme sind rekonstruiert, die restlichen Dateien sind unbrauchbar.

IT Service 24 spielt Toter Mann

Willi S. bittet IT Service 24 nun um Erklärung: er schreibt E-Mails, er versucht die Firma telefonisch zu erreichen -  vergebens hofft er, eine Erklärung für die gescheiterte Datenrettung zu bekommen. Willi S. weiß nicht mehr weiter und wendet  sich an das c’t magazin. Wir stellen rasch fest, dass Willi S. nicht der einzige Kunde ist, der mit IT Service 24  Probleme hat. In den Verbraucherforen finden sich zahlreiche  ähnliche Erfahrungsberichte anderer Kunden. Wir machen uns auf den Weg nach Berlin, wo sich das Hauptlabor von IT Service 24 befinden soll.

Labore vorgetäuscht

Das Forensiklabor, so steht es auf dem Versandvordruck von IT Service 24, befinde sich in München, und auch in Köln sei die Firma vertreten. Wir wollen von IT Service 24 wissen, wo die Festplatte von Willi S. ist und warum die Firma sich tot stellt. Doch ein Interview wird abgelehnt, drehen dürfen wir in der Firma auch nicht. Aber ein Manager der Firma  erklärt uns, die Festplatte sei im Zentrallabor in Wales. Denn in Deutschland gebe es gar kein Labor - weder in Berlin, München oder Köln. Die Behauptung sei eine Marketing-Strategie, um Kunden an die Firma zu binden.

Platte wieder da

Und siehe da: unmittelbar nach diesem Gespräch mit IT Service 24 werden alle Hinweise auf Laboratorien in Deutschland aus dem Internetauftritt gelöscht.

Dann erhalten wir eine E-Mail von IT Service 24. Darin heißt es: „Zur Zeit befindet sich die Platte bei der Forensikabteilung in Großbritannien. Diese versuchte nachträglich die Daten, die korrupt waren, zu regenerieren. Leider war dies aufgrund der schlechten Sektoren in diesen Datensegmenten unmöglich. Aus dem Grund geht die Platte heute an Herrn S. per UPS zurück."

In der Tat: Willi S. hat seine defekte Festplatte zurück. Nun muss er sich einen anderen, hoffentlich seriöseren Anbieter suchen. Und hoffen, dass der die restlichen Dateien retten kann…

Seriöse Anbieter

Im Beitrag "Wenn nichts mehr geht, Datenrettung in Speziallabors" in der Printausgabe 20/09 des c't magazins ab Seite 98 haben wir uns ausführlich mit professionellen Datenrettern beschäftigt. Den Report erhalten Sie auch als PDF-Datei im c't-Kiosk .

Wer im Selbstversuch Daten retten will, sollte vorher einen Blick in den Artikel "Für alle Fälle, Systemwerkzeuge für Windows" aus der Printausgabe 24/09 des c't magazins ab Seite 140 werfen. Der Beitrag beschreibt das Vorgehen und die zur Datenrettung erforderlichen Werkzeuge. Den Artikelerhalten Sie auch als PDF-Datei im c't-Kiosk .