1&1 Mobilfunknetz: "Revolution" mit Open RAN? ​

1&1 will noch 2021 mit dem Aufbau des eigenen Mobilfunknetzes beginnen. Dabei muss Open RAN erst noch beweisen, dass es der erhoffte Kostenkiller wird.

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5G Ausbau

Ein Techniker installiert eine 5G-Antenne auf einem Hausdach.

(Bild: dpa, Peter Klaunzer/KEYSTONE)

Von
  • Volker Briegleb

Für den Aufbau seines eigenen Netzes plant der Mobilfunkanbieter 1&1 mit zunächst 12.000 Antennenstandorten. Damit sollten sich die Ausbauauflagen der Bundesnetzagentur erfüllen lassen, schätzt das Unternehmen. Bis Ende 2030 muss 1&1 mit seinem Netz rund die Hälfte der deutschen Haushalte abdecken, ein Viertel bis 2025. "Wir wollen aber schneller sein", sagte Michael Martin, CEO der Drillisch Netz AG, am Mittwoch im Rahmen einer Veranstaltung des Branchenverbands VATM. Dabei erläuterte Martin auch, wie das Netz der Zukunft aussehen soll.

1&1 will sein Netz auf Grundlage von Open RAN bauen und hat dafür den japanischen Rakuten-Konzern angeheuert. Die deutsche Rakuten-Tochter soll das Netz als Generalunternehmer aufbauen und betreiben. "Wir haben Gespräche mit den üblichen Vendoren geführt und uns dann für Rakuten entschieden", sagte Martin. Die klassischen Ausrüster wie Huawei, Ericsson oder Nokia liefern allenfalls noch einzelne Komponenten. Beginnen will 1&1 mit Antennen von NEC, hatte CEO Ralph Dommermuth im August erklärt.

1&1 hatte bei der Frequenzversteigerung 2019 Spektrum für LTE und 5G ersteigert. Die United-Internet-Tochter bietet Mobilfunkdienste bisher mit Netzleistungen an, die sie bei den Netzbetreibern eingekauft. Nun will 1&1 mit den ersteigerten Frequenzen als vierter Mobilfunknetzbetreiber in den Markt. Das ersteigerte LTE-Spektrum bei 2 GHz steht dem Unternehmen erst ab 2025 zur Verfügung. Bis dahin kann 1&1 noch Frequenzen nutzen, die Telefónica als Auflage für die Fusion von O2 und E-Plus überlassen muss. Dank eines Roaming-Abkommens mit Telefónica werden 1&1-Kunden außerhalb des eigenen Netzes im O2-Netz versorgt.

Die Auflagen der Bundesnetzagentur verlangen, dass 1&1 bis Ende 2021 mindestens 1000 Standorte mit 5G versorgt. Doch bis das Netz live gehen und die Bestandskunden auf die eigene Infrastruktur migriert werden können, dürfte es noch bis Anfang 2023 dauern. Zunächst möchte 1&1 genug Standorte erschließen, um mit dem Netz angemessen große zusammenhängende Flächen abzudecken, erläuterte Martin.

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Von Open RAN verspricht sich 1&1 geringere Kosten nicht nur beim Aufbau, sondern auch im Betrieb des Netzes. Die Architektur ermöglicht es, bei den Funkzugangsnetzen auf proprietäre Hardware der Telekommunikationsausrüster zu verzichten und deren Funktionen in Software zu virtualisieren. Das passiert auf Standard-Hardware, wie sie in jedem Rechenzentrum eingesetzt wird. "Wir setzen für 1&1 Hardware von Dell und QCT ein", sagte Raimund Winkler, Chef von Rakuten Mobile Deutschland.

Damit kann 1&1 zum Beispiel auf die Gehäuse für Basisstationen direkt an der Antenne verzichten, erläuterte Martin. Im 1&1-Netz ist die Antenne direkt mit einem der über 500 Far-Edge-Rechenzentren verbunden. Mit der weiteren Infrastruktur am Antennenstandort entfallen auch die Kosten und Arbeit für die Wartung der Anlagen, sagte Martin: Keine Klimageräte, die gewartet, keine Filter, die getauscht werden müssen.

Die Cloud-Struktur des Netzes erfordert allerdings zahlreiche Standorte für größere und kleinere Rechenzentren. 1&1 plant sein Netz um vier große Rechenzentren für die Kernnetzfunktionen, um die etwa 20 bis 30 Edge-Rechenzentren gruppiert werden, an die wiederum rund 500 Far-Edge-Rechenzentren angebunden sind. Die beiden Edge-Ringe übernehmen dabei unterschiedliche Funktionen für das Funknetz wie Signalumwandlung und Signalverarbeitung.

Rakuten betreibt bereits ein eigenes Open-RAN-Mobilfunknetz in Japan. Das soll aber nicht "eins zu eins" nach Deutschland übertragen werden, betonte Martin und spricht lieber von "Rakuten 2.0". Man wolle auch aus den Fehlern lernen, die dort gemacht wurden. Die weitaus größte Herausforderung derzeit sei aber ohnehin die Standortsuche. Die geeigneten Standorte für Antennen und andere Technik zu finden, ist ein Problem, das sich allen Mobilfunkern stellt.

Für 1&1 scheint es sinnvoll, beim Aufbau eines neuen Netzes auf Open RAN zu setzen. Die etablierten Mobilfunker experimentieren ebenfalls mit der neuen Technik, sind aber noch zurückhaltend. Ihnen stellt sich das Problem, Open RAN mit der proprietären Hardware ihrer Ausrüster zu integrieren. Darüber hinaus ist Open RAN noch nicht so weit, alle Mobilfunkvarianten und Frequenzen bedienen zu können.

Rakuten stößt kräftig ins Horn. "Wir wollen der weltweit führende Anbieter dieser Technologie sein", sagte Winkler und spricht von nicht weniger als einer "Revolution" der Telekommunikationsbranche. Um diese Ambitionen zu unterstreichen, hat der japanische Konzern jüngst den Open-RAN-Spezialisten Altiostar übernommen. Allerdings kennt Rakuten auch die Schattenseite des Netzaufbaus: Der kostet richtig Geld.

In Japan hat Rakuten Mobile zuletzt die Marke von fünf Millionen Kunden überschritten. Um die zu halten und mehr Kunden versorgen zu können, müssen mehr Antennen gebaut und Standorte dafür erschlossen werden. Dafür hat sich Rakuten kürzlich eine Beteiligung an der japanischen Infrastrukturgesellschaft JTOWER gesichert. Der Verlust der Sparte hat sich in einem Jahr auf umgerechnet rund 1,5 Milliarden Euro verdoppelt. Rakuten schätzt, dass es ab etwa 7 Millionen Kunden Geld verdient.

Während die Netzbetreiber auf weniger Abhängigkeit vom Ausrüster hoffen, sieht die Politik in Open RAN eine Chance auf mehr Unabhängigkeit von China. Doch nicht alle Branchenkenner glauben an das revolutionäre Potenzial von Open RAN. Telekommunikationsexperte Torsten Gerpott etwa meint, dass Netzbetreiber und Politik "einer Schimäre aufsitzen". Er verweist auf die hohen Integrationskosten für die neue Technik, die bei den etablierten Ausrüstern nicht anfallen.

"Neue Module müssen außerdem bei jedem 4/5G-Netzbetreiber in unterschiedlicher Weise aufeinander und mit dem bislang eingesetzten RAN abgestimmt werden", schreibt Gerpott in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Das sei zeitaufwendig und mit erheblichen Kosten verbunden. "Die Zusatzkosten werden aktuell beispielsweise beim japanischen Mobilfunknetzbetreiber Rakuten deutlich, bei dem sich die O-RAN-Ausbaukosten gegenüber der ursprünglichen Planung von rund 5 Milliarden Euro wohl verdoppeln werden."

(vbr)